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Wie geht das, Frieden?

6 Min
„Man hat es sehr schwer heute, das Thema Frieden im Diskurs unterzubringen.“
© Illustration: WZ / Katharina Wieser, Assets: Adobe Stock

Alle beschwören den Krieg: höhere Militärausgaben, Wehrpflicht für Frauen, emotionale Kriegstüchtigkeit. Wer vom Frieden spricht, gilt schnell als naiv. Dennoch lohnt es sich gerade jetzt, mit jenen zu sprechen, die sich damit auskennen.


Sein Fach war immer schon ein Orchideenfach, gesteht Maximilian Lakitsch. Studierbar an wenigen Hochschulen, hinausgetragen in die Welt von einigen Idealist:innen, die für ihre Expertise auch noch belächelt wurden. Aber in diesen Tagen spürt Lakitsch die Häme für seine Arbeit besonders stark. Lakitsch ist Friedensforscher. „Man hat es sehr schwer heute, das Thema Frieden im Diskurs unterzubringen“, sagt er im Gespräch mit der WZ. Und wenn man es doch tun würde, könne man sich in Online-Kommentaren auf einen Shitstorm gefasst machen. Das Höflichste, womit er bislang noch konfrontiert war, ist als „naiver Träumer“ beschimpft zu werden.

Es sind keine leichten Zeiten für den Frieden. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich der Krieg als politische Option rehabilitiert. Er ist zum Dauergast geworden, überall, in Diskussionssendungen, in Social-Media-Feeds, am Stammtisch, zu Hause. Militärausgaben werden weltweit erhöht. Dänemark führt die Wehrpflicht für Frauen ein. Deutschland feiert erstmals einen offiziellen Veteranentag. Journalist:innen pilgern abwechselnd zu nationalen Rüstungsbetrieben, die der großen Nachfrage nicht Herr werden, und zu Soldat:innen in die baltischen Staaten, für Reportagen zur „empfindlichen Ostflanke“ Europas. Expert:innen plädieren für eine emotionale Kriegstüchtigkeit – schließlich brauche es Personal, das all die neu angeschafften Waffen bedienen kann. Das geht nur, wenn es mit dem richtigen Mindset animiert wird, für das eine Gesellschaft breitenwirksam sorgen muss.

Wer in so einem Klima von Frieden spricht, wird schnell als weltfremd abgestempelt. Oder schlimmer noch: als „Appeaser“, Beschwichtiger, der mit seiner Beschwichtigungsrhetorik von Diplomatie, Prävention und Verhandlungen sehenden Auges in die Katastrophe schlittert und sich aufgerüsteten Autokraten freiwillig und vor allem unvorbereitet zum Fraß vorwirft.

Absoluter Pazifismus

Einer der Gründe, warum die Friedensforschung als naive Träumerdisziplin abgetan wird, hänge unter anderem damit zusammen, dass viele sie mit dem „absoluten Pazifismus“ assoziieren würden, erläutert Lakitsch. Der absolute Pazifismus lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab, selbst im Falle der Selbstverteidigung. „Die Friedensforschung ist nicht so verblendet, dass sie diese Möglichkeit ausschließen würde“, sagt Lakitsch, „was aber nicht heißt, dass eine breite Friedenspolitik zu verwerfen wäre, die neben diesem militärischen Aspekt natürlich primär auf Diplomatie setzt.“

Das sei der Standard, bei aller aktueller Kriegsfanfare. „Es ist nicht die Norm, dass man bewaffnete Konflikte mit Krieg beendet“, sagt er. Am Ende jedes Krieges sitzt man dort, wo man vermeintlich nicht mehr weitergekommen ist: am Verhandlungstisch. In der Forschung weiß man, dass Kriege auf drei Arten enden: In seltenen Fällen militärisch, mit einem „Siegfrieden“, wie im Fall Nazi-Deutschlands 1945. „Das ist tatsächlich die einzig unumstritten erfolgreiche militärische Intervention, die es gegeben hat“, meint Lakitsch. Geschätzt 40 Prozent aller bewaffneten Konflikte enden hingegen mit klassischen Verhandlungen der Konfliktparteien. Der Rest endet gar nicht. Die Konflikte werden „eingefroren“. Ein Waffenstillstand ohne Friedensvertrag.

Zum Verhandeln gemobbt

Relevant sei für Lakitsch in dieser Betrachtung, dass die Diplomatie an der Tagesordnung stehe – und nicht so naiv sei, wie es manche Kriegsenthusiast:innen derzeit gern sehen würden. Nur sei der Globale Norden in dieser Fähigkeit etwas eingerostet. Im Kalten Krieg seien Staaten viel aktiver gewesen, seien von sich aus aufgestanden und hätten mehr Diplomatie betrieben – auch vermittelnd. Derzeit wird das höchstens von US-Präsident Donald Trump nach Lust und Laune – und aktueller Aufmerksamkeitsspanne – mit dem Brecheisen gemacht, in dem Konfliktparteien an den Verhandlungstisch gemobbt werden. „Diplomatie ist einfach eine Praxis, die leider immer weiter in den Hintergrund getreten ist, auch weil im Globalen Norden über die vergangenen Jahrzehnte eine relativ kriegsfreie Zeit geherrscht hat, wo wir geglaubt haben, dass das Völkerrecht an sich mit seinen Normen ausreicht und Frieden garantiert“, sagt Lakitsch.

Jetzt, in einer Zeit, in der der Eindruck entsteht, dass wieder das Recht des Stärkeren gilt, und keine internationalen Normen gelten, die einen schützen, verengt sich der Blick ausschließlich auf kriegerische Lösungsoptionen.

Mit den Tätern an einem Tisch

Dabei wäre es laut Lakitsch angebracht, sich wieder mit friedensbildenden Maßnahmen und der Stärkung einer internationalen Infrastruktur vertraut zu machen, die bei aller Kritik an der UNO immer noch da und wesentlich sind, um einen Friedensprozess zu begleiten oder überhaupt in Gang zu bringen. Essenziell dabei ist, zu begreifen, dass ehemalige Kriegsgegner bei allen Gräueltaten und Entmenschlichungsprozessen für einen nachhaltigen Waffenstillstand zusammenkommen müssen – ja sich versöhnen müssen. „Es klingt extrem naiv und utopisch, aber Versöhnungsinitiativen finden tatsächlich in sehr vielen Konfliktregionen statt und funktionieren“, weiß Lakitsch.

Er erinnert sich an einen Kollegen, der für eine NGO in Bosnien einen Workshop zwischen Bosniaken und Serben abgehalten hat, um das Misstrauen abzubauen und das Miteinander wieder möglich zu machen. In diesem Workshop gab es einen Teilnehmer, der den Genozid an den knapp 8000 Muslimen in Srebrenica verleugnet hat. Ursprünglich wollte der Kollege den Mann aus dem Workshop werfen. Seine Kolleg:innen haben ihn gedrängt, ihn weiter teilnehmen zu lassen. Die Begegnung „mit der anderen Seite“ hat einen Transformationsprozess bei dem Mann ausgelöst: „Er ist dann von einem Genozid-Leugner zu einem Menschen geworden, der jedes Jahr zum Denkmal nach Srebrenica pilgert und viele Leute mitnimmt“, erzählt Lakitsch.

Keine Barbar:innen

Dieser „Friede von unten“ muss in die höheren Ebenen getragen werden, um nachhaltig Erfolg zu haben. Es sind sensible, oft langwierige Prozesse, die immer wieder scheitern können. Dennoch wird es irgendwann einen Zeitpunkt geben – spätestens, wenn die Konfliktparteien militärisch dermaßen erschöpft sind und wissen, auf dem Schlachtfeld nichts mehr erreichen zu können – an dem die nicht-kriegerische Option wieder auf dem Tapet steht. Friedensforscher Lakitsch ist überzeugt, dass wir wieder eine Phase erleben werden, in der miteinander geredet wird und tatsächlich Politik betrieben wird – ohne militärische Mittel, denn: „Menschen sind ja keine Barbaren, auch wenn uns das manche heute glauben machen wollen“.


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Infos und Quellen

Genese

Solmaz Khorsand hat für die WZ und den Polit-Podcast „Ganz offen gesagt“ mit dem Friedensforscher Maximilian Lakitsch ein Gespräch geführt, um ein Gegenprogramm zu den gegenwärtigen militärischen Diskursen zu liefern.

Gesprächspartner

Maximilian Lakitsch ist Senior Scientist am Fachbereich Global Governance des Instituts für Rechtswissenschaftliche Grundlagen an der Universität Graz. Er forscht und lehrt im Bereich Friedensforschung und Internationale Beziehungen. Seine Regionalschwerpunkte sind der Nahe Osten und Nordafrika, im Besonderen Syrien, Libanon und Israel-Palästina.

Daten und Fakten

  • Auf ihrem Gipfel in Den Haag haben sich die 32 Nato-Länder Ende Juni beschlossen, ihre Militärausgaben bis 2035 auf 5 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Die neuen Nato-Ziele sehen vor, dass die Länder 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für „harte“ Rüstungsgüter wie Panzer ausgeben müssen, dazu kommen nochmals 1,5 Prozent für den verstärkten Schutz von kritischer Infrastruktur wie Pipelines oder den Bau neuer Häfen mit militärischem Nutzen.
  • Das Budget für UN-Friedensmissionen (Peacekeeping) wird jährlich reduziert. Für das Jahr 2024/2025 betrug es 5,6 Milliarden Dollar, knapp 8 Prozent weniger als im Vorjahr und gerade einmal ein halbes Prozent der weltweiten Militärausgaben. Die betrugen für das Jahr 2023 geschätzt 2444 Milliarden Dollar.
  • Kriege enden oft am Verhandlungstisch. Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert stieg der Anteil der durch Verhandlungen und Verträge befriedeten Konflikte von 30 auf 80 Prozent, schreibt der deutsche Historiker Jörn Leonhard in seinem Buch „Über Kriege und wie man sie beendet“. Im 20. Jahrhundert sank die Quote auf nur noch 40 Prozent, schreibt der Experte.
  • Auch wenn es für den Frieden keine allgemeingültige Definition gibt, wird grob zwischen „negativem“ und „positivem“ Frieden unterschieden. Ein negativer Frieden ist lediglich die Abwesenheit von Krieg. Ein positiver Frieden ist, nach Definition des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung, die Abwesenheit von struktureller Gewalt, worunter auch Diskriminierung fällt.

Quellen:

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