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Wie geht es eigentlich der Industrie?

5 Min
Georg Renner schreibt jede Woche einen sachpolitischen Newsletter. Hier könnt ihr diesen Beitrag online nachlesen.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Georg Renner, Adobe Stock

Bevor die Regierung ihre Industriestrategie präsentiert, lohnt ein Blick auf die aktuelle Lage der Industrie in Österreich.


Kommende Woche wird, so zumindest der Plan, die schwarz-rot-pinke Koalition nach ihrer Regierungsklausur die lang erwartete Industriestrategie der Republik vorstellen. (Eigentlich war sie ja schon für „Herbst“ und „Ende 2025“ angekündigt, aber wir wollen hier nicht kleinlich sein.) Dem Vernehmen nach wird die Strategie eine Mischung aus beschleunigten Genehmigungen, „Europe first“-Vergaberegeln und Bildungsinitiativen in einigen strategisch und wirtschaftlich zentralen Schlüsselbranchen sein – aber nichts, was allzu viel Geld kostet, das die Republik derzeit bekanntlich nicht hat.

Ist-Situation

Wir wollen dem, was da kommt, aber nicht vorgreifen – sondern stattdessen einen Blick auf die Ist-Situation der Industrie in Österreich werfen, damit wir dann nicht von den Buzzwords überrollt werden, wenn die Strategie tatsächlich präsentiert wird. Das ist gar nicht so einfach, weil es selbst in der Statistik mehrere unterschiedliche Definitionen dafür gibt, was man so unter „Industrie“ verstehen kann – etwa, ob man das Bauwesen dazuzählt, die Energieversorgung und so weiter. Ich will dich damit jetzt nicht nerven, die Industriellenvereinigung hat hier eine elegante Aufgliederung der unterschiedlichen Begriffe „Industrie“, „produzierender Bereich“, „servoindustrieller Sektor“, usw.

Rein statistisch werten Eurostat, die OECD und andere für ihren „Industrieindex“ – der zentrale Indikator über den Output der Industrie in unterschiedlichen Ländern – bestimmte Gruppen der ÖNACE-Klassifikation aus, einem EU-weiten Schema zur Einteilung von Unternehmen:

Immer dabei ist:

  • C: Herstellung von Waren

In manchen Statistiken kommen dann noch dazu:

  • B: Bergbau
  • D: Energieproduktion
  • E: Bauwesen
  • F: Wasserversorgung, Abfallentsorgung

Je nach Definition, die man verwendet, kommt man dann in Österreich (mit Stand 2023) auf zwischen 700.000 und 2,3 Millionen Arbeitsplätzen (von insgesamt 4,5 Millionen Erwerbstätigen insgesamt) und eine Wertschöpfung von zwischen 67 und 200 Milliarden Euro im Jahr, was bis zur Hälfte der österreichischen Wirtschaftsleistung ausmacht.

Damit haben wir eins aus dem Weg: Österreich ist ein Industrieland, je nach Definition haben wir einen der höchsten Anteile der Industrie an unserer gesamten Wirtschaftsleistung in ganz Europa oder liegen zumindest im oberen Mittelfeld.

Aber: In den vergangenen Jahren ist da ein wenig der Wurm drin:

Renner
© Screenshot

Wie die Agenda Austria – ein wirtschaftsnaher Thinktank in Wien – hier vor Kurzem ausgewertet hat, geht der Output von Österreichs Industrie (ÖNACE-Sektoren B bis D, in dem Fall) seit 2022 deutlich zurück. Wir haben es noch nicht so schlimm wie Deutschland erwischt, die inzwischen weit unter das Niveau von 2010 (der Ausgangspunkt des Index, an dem alle Staaten in der Grafik bei 100 gestartet sind) zurückgefallen sind und liegen in dieser Entwicklung auch über dem EU-Schnitt – aber anders als in erfolgreicheren Staaten wie Dänemark und der Schweiz zeigt die Entwicklung bei uns eben nach unten. (Hier kannst du dich bei Eurostat übrigens selbst in die entsprechenden Daten vertiefen.)

Jetzt schaut obige Grafik im Vergleich mit Dänemark und der Schweiz so aus, als ob diese beiden mit Österreich durchaus vergleichbaren Staaten uns auf allen Bahnen davongaloppieren – aber in einer Studie des WIFO vom vergangenen Sommer relativiert sich dieses Bild ein bisschen:

Renner
© Screenshot

Wir sehen hier den Produktionsindex der Gruppe C (Herstellung von Waren), abzüglich der Pharmaproduktion – die in der Schweiz seit Jahren eine Wachstumsbranche ist und zuletzt dank der Herstellung von Abnehmspritzen auch in Dänemark die Wirtschaft in lichte Höhen getrieben hat. Rechnet man diesen zentralen Sektor heraus, „so löst sich der Rückstand Österreichs gegenüber Dänemark und der Schweiz weitgehend auf“, schließt das WIFO in seiner Kurzstudie.

Das ist natürlich ein schwacher Trost – gerade Innovation und Produktivität im Pharmabereich haben den Wohlstand in den beiden anderen Staaten wachsen lassen, während er in Österreich drei Jahre lang geschrumpft ist. Aber es zeigt, dass strategische, fokussierte Industriepolitik tatsächlich einen Unterschied machen kann.

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Ein Kopf auf gelbem Hintergrund

Einfach Politik.

Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

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Wie könnte eine solche Industriepolitik ausschauen? Nun, grundsätzlich gibt es dazu natürlich unterschiedlichste Anschauungen, von der Wunschliste der Industriellenvereinigung bis zu jener der Gewerkschaften. Aber, ohne die Arbeit der Regierung kommende Woche vorweg nehmen zu wollen: Jenes Positionspapier, auf das sich die Sozialpartner:innen (allen voran Arbeiter- und Wirtschaftskammer) schon vergangenen Juni verständigt haben, wird so weit nicht weg liegen davon, worauf sich die drei Parteien sehr wahrscheinlich einigen werden.

Die wichtigsten Punkte für dein persönliches Industriestrategie-Bingo:

  • „Stärken stärken“ (Green Tech, Chips und Clean Tech)
  • Kreislaufwirtschaft
  • Genehmigungsverfahren beschleunigen
  • Förderungen vereinfachen
  • Regionale Wertschöpfung bei Vergaben bevorzugen
  • Einsatz für eine EU-Industriepolitik
  • Günstige Energie bereitstellen
  • Energienetze ausbauen und erneuern
  • Rohstoffbeschaffung diversifizieren
  • Rohstoffförderung in Österreich vereinfachen
  • Forschung und Entwicklung gezielt auf Wachstumsbranchen hintrimmen
  • Den Fachkräftemangel abmildern
  • Teilzeit-/ältere Arbeitskräfte in den Erwerbsprozess holen

Mal schauen, was kommende Woche alles dabei ist.


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Infos und Quellen

Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

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