Zum Hauptinhalt springen

Wie geht es mit der Hisbollah im Libanon weiter?

7 Min
Der strategische Rückraum der Hisbollah ist geschrumpft, Syrien gilt nicht mehr als Partner und auch innerhalb der libanesischen Bevölkerung wächst die Kritik.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Trotz politischem Druck bleibt die Hisbollah ein zentraler Faktor im Libanon. Nadim Houry, Geschäftsführer der Arab Reform Initiative (ARI), analysiert, warum sie sich hält und weshalb die Lage im Land gefährlicher wird.


    • Die Hisbollah ist trotz militärischer Schwächung weiterhin fähig, Teile ihrer Strukturen und Kapazitäten wiederherzustellen.
    • Die israelische Strategie schwächt vor allem den libanesischen Staat und birgt das Risiko eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs.
    • Eine Entwaffnung der Hisbollah erfordert politische Lösungen und internationale Vermittlung, nicht allein militärischen Druck.
    • Hisbollah baute seit 2024 Teile ihrer Kommandostruktur und Raketenfähigkeit wieder auf
    • Weltbank: Libanon benötigt 11 Mrd. US-Dollar für Wiederaufbau (ohne neue Kriegsschäden)
    • Libanesische Diaspora ist größter Geldgeber, überweist jährlich Milliarden
    • Im Süden Libanons laufen Evakuierungen und militärische Operationen Israels
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

WZ | Markus Schauta
Die Hisbollah ist durch den letzten Krieg mit Israel deutlich geschwächt. Warum ist sie dennoch an der Seite des Irans in den Krieg eingetreten?
Nadim Houry
Ein möglicher Grund ist, dass die Hisbollah das Waffenstillstandsabkommen von 2024 als von Israel nicht eingehalten betrachtet, während ihre Führung gezielt von Israel ausgeschaltet wurde. Zugleich nahm im Libanon der öffentliche Druck auf die Hisbollah zu, sich zu entwaffnen.


Ich denke, sie gingen davon aus, dass Israel sie ohnehin angreifen würde. Also schien es ihnen sinnvoller, sich dem Kampf anzuschließen, solange der Iran beteiligt ist, statt abzuwarten und einzeln geschwächt zu werden. Meiner Ansicht nach war das eine schlechte Entscheidung. Aber ich vermute, das waren die Gründe für dieses riskante Vorgehen.
WZ | Markus Schauta
Die Hisbollah hat also trotz der Verluste im letzten Krieg ihre militärischen Strukturen teilweise wieder aufgebaut?
Nadim Houry
Klar ist, dass es der Hisbollah seit 2024 gelungen ist, Teile ihrer Kommandostrukturen wieder aufzubauen, ebenso wie ihre Fähigkeit, Langstreckenraketen einzusetzen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass sie ihre operativen Abläufe angepasst hat, um weniger abhängig von Telekommunikation zu sein – ein Bereich, den Israel gezielt überwacht und stört. Klar ist ebenso, dass die iranischen Revolutionsgarden daran beteiligt waren. Wie stark diese Beteiligung auf operativer Ebene war, ist ungewiss.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Keine Guerillagruppe lässt sich allein aus der Luft besiegen. Das zeigt sich am Scheitern des israelischen Ansatzes in den vergangenen Jahren. Israel verfügt zweifellos über eine technologische und militärische Überlegenheit. Doch selbst mit diesen Mitteln lassen sich bewaffnete Gruppen nicht vollständig zerstören. Man kann sie schwächen, destabilisieren – aber sie können sich immer wieder neu bewaffnen und anpassen.

Natürlich ist die Hisbollah heute weitgehend isoliert. Ihr strategischer Rückraum ist geschrumpft, Syrien gilt nicht mehr als Partner und auch innerhalb der libanesischen Bevölkerung wächst die Kritik. Dennoch gelingt es ihr weiterhin, Teile ihrer militärischen Kapazitäten wiederherzustellen.

Mein zentraler Punkt ist: Bewaffnete Gruppen lassen sich nicht allein mit militärischen Mitteln besiegen. Militärisches Vorgehen muss mit einem politischen Prozess verbunden sein. Und genau das fehlt derzeit im Libanon. Deshalb halte ich den israelischen Ansatz – der von den USA unterstützt wird – für kurzsichtig.
Im Libanon besteht die Gefahr des Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung.
Nadim Houry
WZ | Markus Schauta
Die israelische Strategie zielt darauf ab, den libanesischen Staat unter Druck zu setzen, damit er gegen die Hisbollah vorgeht. Welche Risiken birgt das für die Stabilität des Libanon?
Nadim Houry
Es stimmt, die Eskalation trifft derzeit den libanesischen Staat stärker, als sie die Hisbollah schwächt. Die israelische Strategie hat sich von direkten militärischen Zielen hin zu dem Versuch verlagert, Druck auszuüben: Zunächst auf die schiitische Gemeinschaft, die die Hisbollah historisch unterstützt. Aber auch auf den libanesischen Staat selbst, etwa durch Angriffe auf Brücken und Drohungen, weitere Infrastruktur zu zerstören.

Außerdem: Selbst mit der internationalen Unterstützung der vergangenen Jahre verfügt die libanesische Armee nicht über die militärische Kapazität, um die Hisbollah kurzfristig in einem Krieg zu besiegen. Im Gegenteil: Die Armee könnte daran zerbrechen.

Im Libanon besteht die Gefahr eines Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung. Verschiedene Bevölkerungsgruppen sagen bereits, sie wollten keine weiteren Vertriebenen in ihren Gebieten aufnehmen. Das erhöht die Spannungen weiter. Aus israelischer Sicht mag ein stärker fragmentierter Libanon akzeptabel erscheinen – im Kalkül, dadurch mehr Sicherheit zu gewinnen. Doch das ist kurzsichtig.

Eine zentrale Lehre aus der Region ist: Chaos im Nahen Osten bleibt nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Diese Region implodiert nicht – sie explodiert. Es ist bemerkenswert, dass die USA nach all den gescheiterten Kriegen in der Region diese Lektion nicht gelernt haben. Konflikte lassen sich nicht einfach eindämmen. Deshalb braucht es politische Lösungen und langfristige Stabilität. Andernfalls wirken sich die Folgen global aus – über Energiepreise, Flüchtlingsbewegungen, zunehmende Gewalt, Anschläge und ähnliche Entwicklungen.
WZ | Markus Schauta
Wie könnte die Entwaffnung der Hisbollah gelingen?
Nadim Houry
Die Mehrheit der Libanesen möchte eine Entwaffnung der Hisbollah. Der Libanon hat erstmals seit Jahrzehnten direkte Verhandlungen mit Israel unter internationaler Vermittlung angeboten. Eine vollständige Normalisierung wird nicht erwartet; Ziel wäre vielmehr ein Abkommen, das auch die Entwaffnung der Hisbollah ermöglichen soll. Das braucht Zeit – und ist weder über Nacht noch unter Bombardement möglich.
Die libanesische Diaspora ist mit Abstand der größte Geldgeber des Landes.
Nadim Houry
WZ | Markus Schauta
Laut einer Analyse der Weltbank benötigt der Libanon 11 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau – Schäden aus der jüngsten Eskalation sind darin noch nicht enthalten. Woher soll dieses Geld kommen?
Nadim Houry
Der Wiederaufbau im Libanon sollte größtenteils von den Golfstaaten finanziert werden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist jedoch zu erwarten, dass sich diese Länder stärker auf den Wiederaufbau ihrer eigenen Volkswirtschaften konzentrieren werden.

Der Libanon verfügt allerdings über eine alternative Finanzierungsquelle: Selbst in der aktuellen Krise ist die libanesische Diaspora mit Abstand der größte Geldgeber des Landes – mit jährlichen Überweisungen in Milliardenhöhe. Wenn es zu einer politischen Einigung und mehr Stabilität kommt, könnte sich der Libanon trotz der enormen Wiederaufbaukosten mithilfe dieser Gelder stabilisieren.
WZ | Markus Schauta
Israel bereitet sich auf eine Bodenoffensive im Libanon vor, die in den kommenden Tagen erwartet wird. Welche Szenarien könnten sich daraus ergeben?
Nadim Houry
Im Süden des Libanon kommt es derzeit zu Evakuierungen und militärischen Operationen der israelischen Streitkräfte, bei denen auch Häuser zerstört werden. Zugleich ist von der Einrichtung von Pufferzonen die Rede – also die Schaffung eines Sicherheitsstreifens, wie wir es aus Gaza kennen.
WZ | Markus Schauta
Wie könnte das Endziel aussehen?
Nadim Houry
Ich sehe zwei Szenarien. Das erste wäre eine Pufferzone, aus der Israel sich nicht zurückzieht, solange die Hisbollah nicht entwaffnet ist. Das würde jede Entwaffnung politisch blockieren: Die Hisbollah könnte argumentieren, sie könne ihre Waffen nicht niederlegen, solange Israel libanesisches Gebiet besetzt. Ein klassisches Dilemma.

Das zweite Szenario ist noch problematischer: Hochrangige israelische Politiker sprachen davon, Teile des Südlibanon zu besiedeln. Das passt zu einer expansiveren israelischen Politik, die wir derzeit auch in anderen Ländern beobachten. Ein solcher Schritt würde Friedenslösungen auf absehbare Zeit unmöglich machen. Wahrscheinlich würde sich ein jahrzehntelanger Konflikt entwickeln, in dem die Hisbollah entweder weiterkämpft oder neue bewaffnete Gruppen im Süden entstehen.


Frankreich erkennt diese Risiken und versucht, Auswege zu finden, die Israels Sicherheit garantieren und gleichzeitig einen politischen Prozess ermöglichen, der zur Entwaffnung der Hisbollah führen könnte. Bisher geht Israel jedoch davon aus, durch weiteres militärisches Vorgehen bessere Verhandlungsbedingungen zu erzielen – und die USA geben Israel dafür Zeit. Auch die Hisbollah glaubt offenbar, durch eine Fortsetzung der Kämpfe ihre Verhandlungsposition zu stärken. Es ist ein Teufelskreis.

Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

Das Interview mit Nadim Houry, der sich derzeit in Paris aufhält, fand über Whatsapp statt. Houry, der 13 Jahre lang das Büro von Human Rights Watch (HRW) in Beirut leitete und heute Geschäftsführer der Arab Reform Initiative (ARI) ist, gilt als Kenner der MENA-Region, vor allem des Libanon.

Nadim Houry
© Nadim Houry

Daten und Fakten

  • Die Hisbollah ist eine schiitische Miliz und politische Partei im Libanon. Sie wird vom Iran unterstützt und steht in direkter Konfrontation mit Israel. Seit Jahrzehnten kommt es entlang der Grenze immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen. Israel sieht in der Hisbollah eine Bedrohung, die Organisation versteht sich als Widerstandsbewegung. Die EU stuft den militärischen Arm der Hisbollah als Terrororganisation ein, in Österreich ist die Hisbollah gesamtheitlich als Terrororganisation klassifiziert.
  • Der libanesische Staat ist politisch schwach und kann die Hisbollah nicht kontrollieren. Eskalationen treffen daher nicht nur die Miliz, sondern destabilisieren das gesamte Land. Der Konflikt ist Teil eines größeren Machtkampfs im Nahen Osten – zwischen Israel und dem Iran sowie ihren jeweiligen Verbündeten.

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte