Trotz politischem Druck bleibt die Hisbollah ein zentraler Faktor im Libanon. Nadim Houry, Geschäftsführer der Arab Reform Initiative (ARI), analysiert, warum sie sich hält und weshalb die Lage im Land gefährlicher wird.
Ich denke, sie gingen davon aus, dass Israel sie ohnehin angreifen würde. Also schien es ihnen sinnvoller, sich dem Kampf anzuschließen, solange der Iran beteiligt ist, statt abzuwarten und einzeln geschwächt zu werden. Meiner Ansicht nach war das eine schlechte Entscheidung. Aber ich vermute, das waren die Gründe für dieses riskante Vorgehen.
Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Keine Guerillagruppe lässt sich allein aus der Luft besiegen. Das zeigt sich am Scheitern des israelischen Ansatzes in den vergangenen Jahren. Israel verfügt zweifellos über eine technologische und militärische Überlegenheit. Doch selbst mit diesen Mitteln lassen sich bewaffnete Gruppen nicht vollständig zerstören. Man kann sie schwächen, destabilisieren – aber sie können sich immer wieder neu bewaffnen und anpassen.
Natürlich ist die Hisbollah heute weitgehend isoliert. Ihr strategischer Rückraum ist geschrumpft, Syrien gilt nicht mehr als Partner und auch innerhalb der libanesischen Bevölkerung wächst die Kritik. Dennoch gelingt es ihr weiterhin, Teile ihrer militärischen Kapazitäten wiederherzustellen.
Mein zentraler Punkt ist: Bewaffnete Gruppen lassen sich nicht allein mit militärischen Mitteln besiegen. Militärisches Vorgehen muss mit einem politischen Prozess verbunden sein. Und genau das fehlt derzeit im Libanon. Deshalb halte ich den israelischen Ansatz – der von den USA unterstützt wird – für kurzsichtig.
Im Libanon besteht die Gefahr des Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung.Nadim Houry
Außerdem: Selbst mit der internationalen Unterstützung der vergangenen Jahre verfügt die libanesische Armee nicht über die militärische Kapazität, um die Hisbollah kurzfristig in einem Krieg zu besiegen. Im Gegenteil: Die Armee könnte daran zerbrechen.
Im Libanon besteht die Gefahr eines Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung. Verschiedene Bevölkerungsgruppen sagen bereits, sie wollten keine weiteren Vertriebenen in ihren Gebieten aufnehmen. Das erhöht die Spannungen weiter. Aus israelischer Sicht mag ein stärker fragmentierter Libanon akzeptabel erscheinen – im Kalkül, dadurch mehr Sicherheit zu gewinnen. Doch das ist kurzsichtig.
Eine zentrale Lehre aus der Region ist: Chaos im Nahen Osten bleibt nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Diese Region implodiert nicht – sie explodiert. Es ist bemerkenswert, dass die USA nach all den gescheiterten Kriegen in der Region diese Lektion nicht gelernt haben. Konflikte lassen sich nicht einfach eindämmen. Deshalb braucht es politische Lösungen und langfristige Stabilität. Andernfalls wirken sich die Folgen global aus – über Energiepreise, Flüchtlingsbewegungen, zunehmende Gewalt, Anschläge und ähnliche Entwicklungen.
Die libanesische Diaspora ist mit Abstand der größte Geldgeber des Landes.Nadim Houry
Der Libanon verfügt allerdings über eine alternative Finanzierungsquelle: Selbst in der aktuellen Krise ist die libanesische Diaspora mit Abstand der größte Geldgeber des Landes – mit jährlichen Überweisungen in Milliardenhöhe. Wenn es zu einer politischen Einigung und mehr Stabilität kommt, könnte sich der Libanon trotz der enormen Wiederaufbaukosten mithilfe dieser Gelder stabilisieren.
Das zweite Szenario ist noch problematischer: Hochrangige israelische Politiker sprachen davon, Teile des Südlibanon zu besiedeln. Das passt zu einer expansiveren israelischen Politik, die wir derzeit auch in anderen Ländern beobachten. Ein solcher Schritt würde Friedenslösungen auf absehbare Zeit unmöglich machen. Wahrscheinlich würde sich ein jahrzehntelanger Konflikt entwickeln, in dem die Hisbollah entweder weiterkämpft oder neue bewaffnete Gruppen im Süden entstehen.
Frankreich erkennt diese Risiken und versucht, Auswege zu finden, die Israels Sicherheit garantieren und gleichzeitig einen politischen Prozess ermöglichen, der zur Entwaffnung der Hisbollah führen könnte. Bisher geht Israel jedoch davon aus, durch weiteres militärisches Vorgehen bessere Verhandlungsbedingungen zu erzielen – und die USA geben Israel dafür Zeit. Auch die Hisbollah glaubt offenbar, durch eine Fortsetzung der Kämpfe ihre Verhandlungsposition zu stärken. Es ist ein Teufelskreis.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner
Das Interview mit Nadim Houry, der sich derzeit in Paris aufhält, fand über Whatsapp statt. Houry, der 13 Jahre lang das Büro von Human Rights Watch (HRW) in Beirut leitete und heute Geschäftsführer der Arab Reform Initiative (ARI) ist, gilt als Kenner der MENA-Region, vor allem des Libanon.
Daten und Fakten
- Die Hisbollah ist eine schiitische Miliz und politische Partei im Libanon. Sie wird vom Iran unterstützt und steht in direkter Konfrontation mit Israel. Seit Jahrzehnten kommt es entlang der Grenze immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen. Israel sieht in der Hisbollah eine Bedrohung, die Organisation versteht sich als Widerstandsbewegung. Die EU stuft den militärischen Arm der Hisbollah als Terrororganisation ein, in Österreich ist die Hisbollah gesamtheitlich als Terrororganisation klassifiziert.
- Der libanesische Staat ist politisch schwach und kann die Hisbollah nicht kontrollieren. Eskalationen treffen daher nicht nur die Miliz, sondern destabilisieren das gesamte Land. Der Konflikt ist Teil eines größeren Machtkampfs im Nahen Osten – zwischen Israel und dem Iran sowie ihren jeweiligen Verbündeten.
Das Thema in der WZ
- Wer schützt den Libanon?
- „Wir können nur zusehen, wie der Libanon brennt“
- Hisbollah: Zwischen Mythos und Realität
- Schwacher Staat, große Herausforderungen
)
)
)
)