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Wie groß ist eigentlich mein Handabdruck?

6 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ, Bildquelle: privat

Wir können andere zu nachhaltigem Handeln motivieren, denn unser Lebensstil kann sich auf andere auswirken.


Willkommen bei dieser Kolumne, schön, dass du da bist, bitte lies weiter! Erscheinungsdatum ist schon wieder mitten in einem langen Wochenende. Derer haben wir ja in letzter Zeit einige gehabt. Und viele fahren da gern auf Kurzurlaub. Du auch? Liest du diese Kolumne grad am Strand? Gut! Zwei, drei Tage am Meer oder in den Bergen mittendrin im stressigen Mai tun einfach gut, geb’ ich zu. Auch ich habe eines der langen Wochenenden dieses Jahr dazu genutzt, ein paar Tage an der kroatischen Küste zu verbringen. Das ist Tradition mit sehr guten Freundinnen. Wir fahren in meinem kleinen Auto meistens zu zweit, manchmal zu dritt runter an den quasi erstmöglichen Ort in Kroatien am Meer.

Andere positiv beeinflussen

Aus Nachhaltigkeitssicht ginge das natürlich besser: Manche würden jetzt sagen, hallo, Kaller, das ist jetzt nicht rasend vorbildlich. Die Verbrenner müssen weg. Macht mich zu keinem guten Vorbild für die Leute, die es eh schon besser machen, no na. Aber vielleicht, VIELLEICHT, bin ich ja ein Vorbild für diejenigen Menschen in meinem Umfeld, die lange Wochenenden dazu nutzen, schnell mal auf eine spanische Insel zu fliegen? Ja, die habe ich nämlich auch in meinem Bekanntenkreis. Teneriffa, Ibiza, Mallorca, schnell mal übers Wochenende, alles schon erlebt. Und meine Schwärmerei von der kroatischen Küste hat den einen oder die andere in den letzten Jahren dazu gebracht, auch mal dorthin zu fahren, anstatt zu fliegen.

Warum ich das schreibe? Weil ich ein spannendes Konzept kennengelernt habe: den ökologischen Handabdruck. Während der ökologische Fußabdruck aussagt, wie hoch unser negativer Einfluss auf die Umwelt ist, steht der Handabdruck dafür, wie sehr wir andere zu nachhaltigen Handlungen motivieren können. Das heißt: Wie sehr wirkt sich unser Lebensstil auf andere aus? Auf der Website steht: „Der bestehende Ansatz des Fußabdrucks ist auf negative ökologische Auswirkungen von Individuen, Organisationen oder Ländern fokussiert. Der Handabdruck soll demgegenüber den gesellschaftlichen Mehrwert bzw. positive Nachhaltigkeitswirkungen [...] erfassen, messen und bewerten sowie die soziale und ökonomische Dimension in die Betrachtung einbeziehen.“

Das heißt also: Ja, mein langes Wochenende am Meer vergrößert meinen Fußabdruck. Aber manche Menschen, je nachdem, wo sie stehen, kann ich damit beeinflussen, auf noch negativeres Verhalten zu verzichten.

Gut, das ist jetzt vielleicht nicht das beste Beispiel. Man könnte auch auf Balkonien urlauben. Es klingt alles recht oberflächlich. Aber ist es nicht spannend, dass der Begriff des ökologischen Handabdrucks wirklich auch im volkswirtschaftlichen Zusammenhang genannt wird?

Nein, ein großer ökologischer Handabdruck macht den Fußabdruck nicht wett. Anderen zu sagen, wie schlecht Schnittblumen aus dem Supermarkt sind und damit ein paar Leute dazu zu bringen, sie nicht mehr zu kaufen – danke für die vielen Rückmeldungen auf meine letzte Kolumne übrigens! – heißt nicht, dass das einen eigenen Blumenkauf ausgleicht.

Wenn ich, wie in meinem Fall, viele Menschen seit über einem Jahrzehnt nachweislich dazu bringe, ihren Modekonsum zu überdenken, heißt das nicht, ich darf jetzt Großbestellungen bei Shein oder Temu machen, weil ich ja schon „ausgeglichen“ habe. Der Handabdruck ist lediglich eine Ergänzung zum Konzept des ökologischen Fußabdrucks und in meiner Interpretation ein Versuch der Sichtbarmachung individueller Taten.

Kann ich überhaupt etwas verändern?

Ganz ehrlich, mich holt das voll ab. Ich bin in den letzten Jahren immer häufiger zu dem Schluss gekommen, dass es im Grund egal ist, was ich mache – den Hebel haben die großen Konzerne in der Hand. Ich kann noch so viel Second Hand kaufen und Gebrauchtes reparieren lassen, wenn die Fast-Fashion-Industrie fast schon in Lichtgeschwindigkeit neue Teile produziert, kann ich mich mit meinem bissl Umweltschutz genau gehackt legen. Dieser Gedanke ist zwar manchmal befreiend – yay, ich kann eh machen, was ich will, es ist nämlich wurscht –, aber hauptsächlich unglaublich frustrierend: Wenn wirklich wurscht ist, was ich mache, welchen Einfluss habe ich dann? Kann ich dann eigentlich noch irgendwas tun, um dabei zu helfen, diesen Planeten vor Überhitzung zu retten? Nicht wirklich, oder?

Vielen Leuten geht es so. Für immer mehr Menschen tritt das Klimathema immer mehr in den Hintergrund, und immer mehr stellen sich genau wie ich die Frage: Wozu genau sollte ich eigentlich auf meinen eigenen Fußabdruck achten, wenn rund um mich ständig zu Überkonsum verführt wird und wenn gefühlt in der Politik viel zu langsam was weitergeht? Bringt das was, dass ich Müll trenne, solang so viele Konzerne unseren Planeten in einem Ausmaß ruinieren, dass man Angst kriegen könnte? Noch dazu: Wer von uns hat eigentlich den gesamten Überblick über seinen Fußabdruck? Würde man sich ständig damit auseinandersetzen, welchen Umweltimpact jedes einzelne Produkt hat, das wir kaufen – da würde man doch wahnsinnig werden! Selbst wenn man also versucht, alles „richtig“ zu machen, ist das Frustrationspotenzial hoch.

Ein bisschen zur Weltrettung beitragen

Es ist einfach Tatsache, dass große Konzerne und die Weltpolitik das Ruder in der Hand haben – nur Veränderungen bei ihnen können den Klimawandel aufhalten. Unsere individuellen Handlungen haben vergleichsweise wenig Einfluss. Aber: Sie sind in unserem persönlichen Wirkungskreis eben doch wichtig. Und endlich, endlich, endlich wird das durch den Handabdruck definiert.

Dass seit etwa zwei Jahren das Konzept des Handabdrucks in der Wissenschaft und Wirtschaft Gehör findet, ist unglaublich tröstlich. Es soll sichtbar gemacht werden, wie sich das individuelle Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit auf das Verhalten anderer auswirkt. Dass es eine Auswirkung gibt, wird endlich gesehen. Dass Menschen sich hinsetzen und nun versuchen, diesen Einfluss auf andere messbar zu machen: danke. Es gibt mir Hoffnung zurück: Meine Handlungen HABEN Einfluss. Ich trage halt doch ein bisschen zur Weltrettung bei. Mich motiviert das, nachhaltiges Verhalten weiter in die Welt zu tragen. Egal, welchen Schritt du setzt, ob den ersten oder den tausendsten in Richtung nachhaltiger Lebensstil: Es gibt immer Menschen, die du damit inspirieren kannst. Und das ist gut so (aber übrigens: Das heißt nicht, dass du ein „besserer“ Mensch bist und dich über andere stellen kannst, wenn du nachhaltiger lebst. So ein Verhalten ist nämlich das Gegenteil von Motivation für andere, mitzumachen.)

Hört sich für euch naiv an? Vielleicht ist es das. Aber ganz ehrlich: Es ist doch egal, was das Konzept ist, solang es dazu beiträgt, dass Menschen sich dem Thema Nachhaltigkeit wieder positiver öffnen können.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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