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Wie ich meinen Freund an den IS verlor

5 Min
Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist und Autor. Für die WZ schreibt er alle zwei Wochen eine Kolumne über seine politischen Beobachtungen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Adobe Stock

Mit meinem Freund Rustam ging ich oft in den Boxclub und manchmal in die Moschee. Er war ein kluger Kerl mit aussichtsreicher Zukunft. Doch dann schloss er sich Terroristen in Syrien an und kehrte nie wieder zurück.


„So geht das. Eins, zwei. Einfach jeden Tag tausend Mal üben“, erklärte mir Rustam, während wir beide im Trainingskeller unseres damaligen Innsbrucker Boxclubs gegen Sandsäcke schlugen. Ich musste grinsen. Er lächelte auch. „Hey, ich mein’ das ernst!“, sagte er.

Das war vor über 15 Jahren. Damals war ich gerade mal achtzehn Jahre alt und Rustam, mein tschetschenischer Freund, der nach dem Helden einer persischen Sage benannt war, war Anfang zwanzig. Wie viele andere Menschen aus seiner Heimat war er vor dem Krieg, den Russland über Tschetschenien gebracht hatte, geflüchtet und in Österreich gelandet. Wir waren damals junge Burschen, und auch in Innsbruck hatten vor allem Afghanen und Tschetschenen so etwas wie einen schlechten Ruf. Zumindest auf der Straße.

Dabei war Rustam der Vorzeigemigrant schlechthin: Er studierte, kümmerte sich um seine Familie, ging arbeiten und machte sich nebenbei mit einem kleinen Online-Business selbstständig. Ich war nicht der Einzige, der ihn dafür bewunderte. Hinzu kam, dass Rustam ein frommer Muslim war. Manchmal gingen wir gemeinsam zum Freitagsgebet. Wir tauschten uns oft über den Islam aus und wie dieser in Österreich sowie in unseren Heimatländern gelebt wird.

Das kleinere Übel?

Natürlich ging es oft auch um Politik. Damals war der Krieg in Syrien in seiner Anfangsphase. Ich beobachtete nicht nur Diktator Bashar al-Assad skeptisch, sondern auch die Rebellengruppierungen, die ihn bekämpften. Unter ihnen befanden sich auch militant-islamistische Extremisten. „Du schaust zu viel Russia Today. Pass auf!“, sagte mir Rustam. Dass Putins Propagandasender viel Unfug verbreitete, war richtig. Meine Skepsis beruhte allerdings auf der Geschichte des Herkunftslandes meiner Eltern: In den 1980er-Jahren bekämpften verschiedene militante Gruppierungen, die Mudschaheddin, die Sowjetunion, die Afghanistan besetzte, und wurden dabei aus geopolitischen Gründen von westlichen Staaten unterstützt. Nach ihrem Sieg bekämpften die Rebellen einander und errichteten ihre eigene Schreckensherrschaft.

Rustam nahm das zur Kenntnis, doch aufgrund der Geschichte seines eigenen Volkes sah er in Assad und dessen russischen Unterstützern das größere Übel. „Jeder, der sie bekämpft, ist ein Held“, sagte er mir und sah mich dabei etwas besorgt an.

In den Jahren darauf zog ich aus Innsbruck weg, und viele Tschetschenen aus Österreich reisten nach Syrien, um sich dort dschihadistischen Milizen anzuschließen. Die bekanntesten Gruppierungen waren die Al-Nusra-Front, de facto Al-Qaida in Syrien, sowie der sogenannte Islamische Staat (IS). Aufgrund meiner eigenen Kontakte in die tschetschenische Community begann ich, über sie zu schreiben – und es war Rustam, der mir dabei half und die Entwicklungen selbst mit Sorge beobachtete.

„Ich will einfach nur ein normales Leben“

Doch irgendwann riss die Leine und wir verloren uns aus den Augen. Erst Jahre später übermittelte mir ein gemeinsamer Freund eine Nachricht, die mir bis heute das Blut in den Adern gefrieren lässt: Auch Rustam schloss sich in Syrien einer Miliz, höchstwahrscheinlich dem IS, an – und fand dort den Tod. Ich war fassungslos und sah einige Tage nur noch ihn vor meinem geistigen Auge. Rustam, der mit mir boxte. Rustam, der sich für den Winter am Patscherkofel ein Snowboard gekauft hatte. Rustam, der aufrichtig zu Gott betete.

„Ich will einfach nur ein normales Leben“, hatte Rustam einmal zu mir gesagt. Doch heute lebt mein Freund nicht mehr, weil er sich in einen sinnlosen Krieg hineinwarf und sich einer brutalen Terrormiliz, die Menschen versklavte und ermordete, anschloss. Immer wieder fragte ich mich, wie das geschehen konnte. War es die ein oder andere Hinterhofmoschee, in der immer wieder radikale Töne gespuckt wurden, oder das Internet, das Rustam radikalisierte? Oder waren es seine eigenen Traumata und sein Hass gegenüber Russland, die ihn zu diesem Schritt führten?

Dass es in Innsbruck Menschen gab, die die Terroristen in Syrien und anderswo toll fanden, war mir kein Geheimnis. Es gab Prediger, die verharmlosten und anstifteten. Und – auch das erfuhr ich erst spät – selbst meine eigene Religionslehrerin am Gymnasium soll den IS gutgeheißen und deshalb ihren Job verloren haben.

Natürlich handelt es sich hierbei um eine kleine Minderheit. Doch manchmal erreicht diese Minderheit mehr Menschen, als einem lieb ist. Heute ist dies aufgrund von TikTok und Co. deutlich stärker der Fall. Es sind nicht nur rechtsextreme Fanatiker, die diese Medien für sich nutzen können, sondern auch Hassprediger und Rattenfänger, die muslimische Jugendliche ansprechen wollen.

Es gibt viele Gründe, warum ich diese Menschen verabscheue – und einer davon heißt Rustam, mein Freund, der dem Krieg entkommen war, gerne boxte und das Snowboarden liebte.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Tschetschenische Diaspora in Österreich: Österreich beherbergt eine der größten tschetschenischen Gemeinschaften Westeuropas. Schätzungen reichen von 30.000 bis 40.000 Menschen, die meisten Quellen nennen etwa 35.000, überwiegend in Wien - fast drei Prozent aller Tschetscheninnen und Tschetschenen weltweit. Eine erste Fluchtbewegung kam Mitte der 1990er-Jahre während des Unabhängigkeitskrieges gegen Russland, die größere nach Beginn des zweiten Tschetschenienkriegs 1999; 2004 stellten Tschetschenen die größte Gruppe unter den Asylsuchenden im Land. Auslöser war die Angst vor politischer Verfolgung nach der Machtübernahme der Kadyrow-Dynastie - seit 2007 regiert Ramsan Kadyrow. Die Community gilt als heterogen. Vereinzelte Morde erinnern sie an den langen Arm des Regimes, das Kritiker bis ins Ausland verfolgt
  • Österreichische Dschihadisten in Syrien: Österreich zählte gemessen an seiner Größe zu den europäischen Ländern mit den meisten Ausreisenden in den syrischen Bürgerkrieg. Nach offiziellen Angaben verließen rund 300 sogenannte Foreign Fighters das Land Richtung Syrien und Irak. Die meisten Ausreisen fielen in die Jahre 2013/14. Laut Innenministerium stellten Tschetschenen etwa die Hälfte dieser Kämpfer. Vor allem 2013 schlossen sich viele junge Männer mit tschetschenischem Hintergrund aus Wien und Graz der Miliz Jaish al-Muhajireen wal-Ansar (JAMWA) an, die zunächst an der Seite der al-Nusra-Front, des syrischen al-Qaida-Ablegers, gegen das Assad-Regime kämpfte. Ende 2013 legte JAMWA-Anführer Abu Omar al-Shishani, ein ethnischer Tschetschene aus Georgien, den Treueeid auf IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ab; ein Teil seiner Kämpfer folgte ihm zum „Islamischen Staat", während sich andere abspalteten. Al-Shishani stieg zu einem der bekanntesten IS-Kommandeure in Nordsyrien auf. Dem Verfassungsschutz bereiteten vor allem Rückkehrer Sorgen, die als Brücke für die Anwerbung weiterer Personen dienen konnten.

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