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Wie „One Piece“ die Straßen der Welt erobert

3 Min
Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist und Autor. Für die WZ schreibt er nun alle zwei Wochen eine Kolumne über seine politischen Beobachtungen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser, Bildquellen: Emran Feroz; Getty Images.

Es gibt kein Werk aus Japan, das erfolgreicher ist als der Piratenmanga. Grund hierfür ist auch die Tatsache, dass er mehr mit unserer Realität gemein hat als viele denken.


Vor über zwanzig Jahren wurde ich zum Fan des Piraten-Mangas „One Piece“. Seitdem ist die wöchentliche Lektüre des japanischen Comics ein fester Bestandteil meines Lebens – und ich bin hiermit nicht der Einzige. Denn „One Piece“ wurde in der Zwischenzeit zum meistverkauften Manga der Welt und ein fester Bestandteil der japanischen Popkultur, die weit über die Grenzen des Landes hinausgeht. Doch mittlerweile ist dieses megagroße Stück Fiktion – es gibt bis dato über 1.000 Kapitel – auch zum Teil der politischen Realität vieler jungen Menschen geworden.

Denn in den letzten Wochen und Monaten wurde auf zahlreichen Protesten, die meist von der Gen Z dominiert waren, die bekannte Strohhut-Flagge aus „One Piece“ gehisst. Zeuge davon wurde man etwa in Indonesien, Nepal oder Madagaskar aber auch in Peru und den Philippinen. Auch auf Protesten in Europa, etwa auf pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin oder Paris, wurden Symbole aus dem Manga gesichtet.

Obwohl die Ursachen all dieser Proteste nicht immer miteinander vergleichbar waren, wurden auch zahlreiche Schnittpunkte deutlich. Konkret ging es hierbei um Korruption, neoliberale Politik, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit und eine privilegierte politische Klasse, die sich nur noch sich selbst widmet und die Jugend vergisst.

Im Zuge dessen kam es auch zu gewaltvollen Ausschreitungen. In Nepal wurden einige Gebäude von den wütenden Massen, die auch gegen ein Social-Media-Verbot demonstrierten, gestürmt und teils angezündet. Dort wehte sogar auf dem Regierungspalast die Strohhutflagge. Eine Szene, die unweigerlich an eine der berühmtesten Aktionen des Strohhut-tragenden Protagonisten Luffy erinnert, als dieser eine streng bewachte Festung der sogenannten „Weltregierung“ – dem Hauptantagonisten in „One Piece“ – stürmt und deren Flagge abschießen lässt, um eine seiner Kameradinnen (im Japanischen ist meist von „Nakama“ die Rede) zu befreien.

Denn „One Piece“ ist mehr als eine einfache Piratengeschichte, in der gekämpft und gemeutert wird. Das seit Kapitel Eins proklamierte Ziel Luffys, Piratenkönig zu werden und dafür eine Crew aufzustellen, geht weit über das gängige Abenteurernarrativ hinaus. Vielmehr geht es um eine tiefgreifende und egalitäre Philosophie von Freiheit und Gerechtigkeit, die in der Welt von „One Piece“ aufgrund von Repressalien, Ausgrenzung, Rassismus, Geschichtsamnesie und einer brutalen Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der vor allem die „Weltaristokraten“ das Sagen haben, nicht gegeben ist.

Natürlich ließ sich One-Piece-Schöpfer Eiichiro Oda hierbei auch von unserer eigenen Geschichte beeinflussen, weshalb brutale Adelsgeschlechter, Kolonialismus, Sklaverei, antike Kulturen und der Kampf um Waffen und Ressourcen eine wichtige Rolle spielen. In dieser Welt sind Piraten nicht nur brutale Seeräuber, sondern auch jene, die frei sein wollen, Unterdrücker bekämpfen und andere befreien. Diesem Ideal wollen nun auch jene folgen, die sich Luffy und Co. auf den Straßen unserer realen Welt anschließen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten:

„One Piece“ ist ein Abenteuer-Manga- und Anime-Werk von Eiichiro Oda, das die Reise von Monkey D Luffy erzählt, einem jungen Piraten mit Gummikräften, der den legendären Schatz „One Piece“ finden und Piratenkönig werden will. Begleitet von seiner stetig wachsenden Bande, durchquert er eine riesige, gefährliche Welt voller Teufelsfrüchte, extremen Inseln und mächtiger Fraktionen wie der Marine, der Weltregierung und den Piratenkaisern. Die Serie verbindet Humor, Action, emotionale Momente und große Geheimnisse und hat sich mit über 500 Millionen verkauften Exemplaren zum erfolgreichsten Manga der Geschichte entwickelt. Sie erscheint im Ein- bis Zwei-Wochen-Takt im japanischen Magazin „Weekly Shonen Jump“.

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