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Wie Performer:innen trotz Klimakrise finanziell überleben

6 Min
Zu Gastspielen zu reisen, ist eine wichtige Einkommensquelle für Performer:innen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, um den ökologischen Fußabdruck nicht weiterhin zu belasten?
© Collage: WZ, Bildquellen: Adobe Stock, Unsplash

Die Performance-Szene lebt vom Reisen. Doch einfach rein ins Flugzeug und ab zum nächsten Gastspiel im Ausland ist ein ökologisches Desaster. Die WZ hat mit den Performer:innen Doris Uhlich und Simon Mayer gesprochen und nach Lösungen gesucht.


Schauspieler Max Mayer sitzt an einem Tisch im Bühnenraum. Er sagt: „Ich bin Jérôme Bel“. Nein, ist er definitiv nicht. Verwirrung bei jenen Zuschauer:innen, die das Programmheft nicht gelesen haben. In dieser Performance tritt Mayer an Bels Stelle, denn der französische Performer reist überhaupt nicht mehr zu Gastspielen. Für dieses Stück besetzt Bel ausschließlich mit lokalen Schauspielern des Gastlandes. Warum? Des Klimaschutzes wegen.

Jérôme Bel sorgt seit den 1990er-Jahren mit seinen Stücken immer wieder für Aufregung, denn er trifft sensible Themen der Zeit und irritiert mit Extrempositionen. Wie eben jene des Performers, der seine Reisetätigkeit zum Schutz des Klimas komplett eingestellt hat. Auslösender Moment war im Jahr 2007 ein Flug von Melbourne nach Paris mit 20 Tänzer:innen der Company. Er las an Bord, dass man den CO2-Fußabdruck zum Klimaschutz reduzieren muss. Da kam ihm die Idee, nicht mehr alle reisen zu lassen, sondern zwei von den Tänzer:innen zu schicken, um das Stück vor Ort mit lokalen Künstler:innen neu zu inszenieren. Inzwischen probt Bel seine Stücke auch per Zoom. Zwar verschlechtern diese Videokonferenzen ebenfalls den ökologischen Fußabdruck, doch weniger als das Reisen.

Keine Gastspiele bedeutet hohen Einkommensverlust

Bel ist definitiv eine Ausnahme. Alle anderen Performer:innen der Szene sind auf Gastspiele angewiesen, da sie damit ihr Einkommen bestreiten. Keine Gastspiele bedeutet für sie, dass ihre Existenz gefährdet ist. „Man muss froh sein, wenn man tourt“, sagt etwa die österreichische Choreografin, Performerin und Tanzpädagogin Doris Uhlich im Gespräch mit der WZ. „Der Mehrwert ist, dass man Produktionen verkauft: Also, dass man reist und es vielerorts gezeigt wird. Das Touring ist ein Austausch mit internationalem Publikum und eine wichtige Einnahmequelle. Der Verkauf eines Stücks sichert die Phasen ab, in denen keine neuen Stücke geprobt werden." Das sei für viele Menschen im technischen und künstlerischen Team wichtig.

Dem schließt sich der Performer, Tänzer, Choreograf und Musiker Simon Mayer an, der zurzeit auf Entschleunigung setzt, was auch weniger reisen bedeutet. „Mir gefällt die Initiative von Jérôme Bel, weil es Menschen braucht, die ein extremes Zeichen setzen. Der Künstler Benjamin Verdonck beispielsweise hat es tatsächlich durchgezogen, nur mit dem Zug zu reisen − und auch extrem lange Strecken.“ Mayer ist überzeugt, dass diese Initiativen ein wichtiges Zeichen für viele Performer:innen war, damit sie sich selbst am Kragen packen und es ausprobieren, ihr Touring komplett auf die Schiene zu verlegen.

Die Performerin Doris Uhlich in Action während "Rising Swan" im Brut 2010.
Die österreichische Performerin Doris Uhlich in ihrem Stück "Rising Swan".
© Fotocredit: Barbara Palffy

„Benjamin Verdonck hat es irgendwann wieder aufgegeben“, erzählt Mayer. Warum? „Strecken, die länger als sieben Stunden im Zug benötigen, sind ein bisschen unrealistisch zu absolvieren“, berichtet Uhlich aus eigener Erfahrung. „Zum Beispiel: Ich unterrichte Montag in der Früh am Max Reinhardt Seminar in Wien. Meistens finden die Gastspiele am Wochenende statt. Wenn ich Sonntagabend auftrete, dann mit dem Zug über Nacht nach Wien fahre, starte ich fix und fertig in die nächste Woche. Wenn es überhaupt die Möglichkeit eines passenden Zugs nach der Vorstellung gibt. Und so bleibt mir oft gar nichts anderes übrig, als doch in ein Flugzeug zu steigen.“ Lange Zugfahrten wie etwa nach Spanien für ein Gastspiel hält sie für einmalig machbar, aber „nicht auf Dauer“. Aufgrund der langen Fahrzeit verliere sie Zeit und somit andere Termine und Honorare.

Simon Mayer und Hannah Shakti Bühler in "Somatic Tratata".
Simon Mayer und Hannah Shakti Bühler in "Somatic Tratata".
© Fotocredit: Fabian Stransky

Mayer und sein Team haben das Touring auf die Schiene verlegt, wenn die Strecke unter zwölf Stunden dauert. „Wir investieren sehr viel Zeit, Alternativen zum Fliegen zu finden. Was schwieriger geworden ist, ist das Zugreisen an sich: Wir hatten dieses Jahr so viel Touring mit Zug, aber auch so massiv viele Verspätungen und wirklich sehr, sehr anstrengende Bedingungen im Zug“, sagt der Künstler. Wenn es unverhofft zu Verspätungen kommt, dann müsse man vielleicht eine Unterkunft für die Nacht suchen, man komme erst am nächsten Tag beim Gastspielort an und riskiert somit sehr viel. „Zum Glück sind die Veranstalter meist verständnisvoll, bei kurzfristigen Komplikationen“, fügt er hinzu. Manchmal fehle es bei den Veranstaltern auch an den finanziellen Mitteln: „Sie sagen dann, dass die Zugfahrt so viel teurer wäre als eine Flugreise und sie sich das mit ihren Förderungen nicht leisten könnten.“ Aber es gäbe auch Festivals, die sich streng an Zugfahrten halten und diese voraussetzen. Sie sind laut Mayer aber in der Minderheit.

Was wäre eine optimale Lösung?

„Im Grund genommen braucht es Touring-Netzwerke“, fällt Uhlich spontan ein. „Ideal ist, wenn man wohin reist und dann in Kurzstrecken von einem Theater zum nächsten fährt – per Zug.“ Anstatt wieder nach Hause zu fahren und zu einem späteren Zeitpunkt in der Nachbarstadt zu gastieren. Das wäre sinnvoll, ist die Performerin überzeugt. „Das liegt halt in den Händen der Veranstalter:innen.“ Gibt es diese Idee schon? „Viel zu wenig“, antwortet Uhlich. „In meinem Fall kann ich sagen, dass es vor der Pandemie vermehrt Anstrengungen in diese Richtung gegeben hat, aber leider ist es dann ins Wasser gefallen aufgrund der Pandemie: Es hätte eine Belgien-Tour stattfinden sollen von meiner Performance ,Every Body Electric’, wofür sich drei Häuser innerhalb von Belgien zusammengeschlossen hatten.“ Aber das hätte eine lange Vorbereitungszeit gebraucht.

Ich würde mir wünschen: Eine Produktion wirklich reisen lassen.
Doris Uhlich

Mayer findet die Idee der Touring-Netzwerke für Performer:innen „großartig“. „Da ich gerade wieder in den Musikbereich eintauche und gerade eine CD aufnehme, ist mir bewusst geworden, dass im Musikbereich bei Tourneen mehrere Plätze in einem Land oder mehrere Plätze in einer Region bespielt werden“, denkt er laut nach. „Und das ist nachhaltiger. Also sowohl für die Kunst und für den Outcome als auch für den ökologischen Fußabdruck. Das ist nicht wie bei den Performances, wo ich beispielsweise im Mai nach Norwegen muss und im Oktober dann noch einmal.“ Auch für Musiker:innen ist heute das Touring ein großer Bestandteil der Finanzierung.

„Ich würde mir wünschen: eine Produktion wirklich reisen lassen. Sozusagen nach dem Prinzip: Wenn sie schon einmal wo ist, sich zu überlegen, wo sie weiter gastieren könnte“, meint Uhlich. „Ich glaube, das wäre ein Zukunftsmodell. Gleichzeitig könnte man so auch mehr Gastspiele machen. So ein Netzwerk der Veranstalter oder der Agenturen wäre wirklich super.“


Infos und Quellen

Genese

Jérôme Bels Stück „Jérôme Bel“ gastierte im Sommer 2023 beim Impulstanz-Festival in Wien. WZ-Redakteurin Verena Franke nahm diese Performance zum Anlass, sich mit dem Künstler auseinanderzusetzen und stieß dabei auf seine Klimaschutz-Aktionen und -Ideen. Da aber gar nicht mehr zu reisen ihr als keine Alternative erschien, hat sie bei heimischen Künstler:innen nachgefragt.

Gesprächspartner:innen

  • Doris Uhlich, geboren 1977 in Oberösterreich, studierte Pädagogik für zeitgenössischen Tanz am Konservatorium der Stadt Wien. Seit 2006 choreografiert sie eigene Projekte. Sie erhielt den Outstanding Artist Award im Bereich darstellende Kunst des bm:ukk (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur) 2013 und 2011. 2015 folgte die Ernennung zur Tänzerin des Jahres in der Zeitschrift „Tanz“ und 2018 und 2019 die Nennung zur Choreografin des Jahres. 2017 erhielt sie den Nestroy-Preis gemeinsam mit Michael Turinsky. Doris Uhlich unterrichtet und tourt international, sie ist außerdem als Mentorin für Künstler:innen tätig wie beim Impulstanz-Festival. 2019 war sie Jurymitglied bei der Viennale für den Wiener Filmpreis.

  • Simon Mayer, geboren 1984, ist Performer, Tänzer, Choreograf und Musiker. Er studierte an der Wiener Staatsopernballettschule und P.A.R.T.S in Brüssel und war Mitglied des Wiener Staatsopernballetts. Als Musiker und Sänger gründete und spielte er in mehreren Bands (Rising Halfmoon, C.O.P.), veröffentlichte Hörspiele seiner Bühnenproduktionen und kreiert seine eigene Musik. Als Tänzer, Choreograf und Musiker war er beteiligt an Produktionen von Anne Teresa de Keersmaeker/Rosas („The Song“), Wim Vandekeybus und Zita Swoon. Seine Stücke wie „SunBengSitting“, „Sons of Sissy“ oder auch „Oh Magic“ sind international aufgeführt worden: Festival Actoral (FR), Kunstenfestivaldesarts (BE), ImPulsTanz (AT), steirischer herbst (AT), Belluard Bollwerk (CH), BIT Teatergarasjen (NO), Tweetakt Festival (NL), Homo Novus Festival (LV), The Place (UK), The Dance Center (CA) oder Kraftwerk der ART (CN). Er erhielt den Outstanding Artist Award des österreichischen Bundeskanzleramtes im Jahr 2017 und den Anerkennungspreis der Landesregierung des Landes Oberösterreich im Jahr 2018.

Daten und Fakten

Allein in Europa gibt es rund 37 Tanz- und Performance-Festivals, zu denen jeweils unzählige Künstler:innen aus der ganzen Welt anreisen.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien