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Taiwan bereitet sich auf den Krieg vor

6 Min
Teilnehmer:innen der Kuma Academy beim Anlegen von Tourniquets.
Die Kurse der Kuma Academy sind über Monate ausgebucht.
© Fotocredit: Tami Xu

Wunden stillen, Evakuierung, Informationskrieg. In Kursen lernen die Menschen in Taiwan, auf eine Invasion Chinas zu reagieren. Die WZ war dabei.


Die Frühstückskantinen der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh sind voll. Büroangestellte im Anzug sitzen neben Handwerkern im Blaumann. Der Duft von Rührei und Schwarztee liegt in der Luft des zentralen Bezirks Zhongzheng. Markthändler:innen öffnen ihre Stände. Im Bürogebäude gegenüber bereitet man sich auf den Krieg vor.

Eine moderne Büroetage, grauer Teppichboden, helle LED-Leuchten, weite Fensterfronten. 42 Menschen sitzen auf Schreibtischstühlen. Sie besuchen die sogenannte Kuma Academy. Acht Stunden werden sie aufmerksam zuhören, wenn es um den Informationskrieg, psychologische Kriegsführung, Erste-Hilfe-Maßnahmen oder die Evakuierung von Verwundeten geht.

Die Kuma Academy ist eine zivilgesellschaftliche Initiative. Sie möchte drei Millionen Taiwanes:innen auf den Ernstfall vorbereiten – einen Angriff der Volksrepublik China auf die Pazifikinsel und ihre 23 Millionen Bewohner:innen. Wie an diesem Morgen in Taipeh, werden seit 2021 überall auf der Insel Menschen in die Grundzüge ziviler Selbstverteidigung eingeführt. Die Kurse sind Monate im Voraus ausgebucht. Um die hohe Nachfrage zu decken, ist nun eine Zusammenarbeit mit der Regierung angedacht.

Ich spüre PanikAngela, Kursteilnehmerin

Teilnehmerin Angela arbeitet in der IT-Industrie. 2014 war sie in der studentischen Sonnenblumen-Bewegung aktiv, die sich gegen eine Öffnung gegenüber China stellte. Sie beobachte die Situation in der Volksrepublik genau. Durch den Kurs erhofft sie sich eine rationalere Sicht auf den Konflikt. „Ich spüre Panik“, sagt die 31-Jährige mit einem Lächeln. „Aus China werden so viele Falschinformationen gestreut. Ich hoffe, dass ich hier Fakten über moderne Kriegsführung lerne. Ich hoffe, dass sie mir die Sorgen nehmen und ich nicht wie vom Blitz getroffen bin, wenn der Tag X kommt“, sagt sie. 

Nicht ob, sondern wann 

Der könnte früher kommen, als erwartet. Kuma-Chef und Mitbegründer Marco Ho befürchtet, dass Taiwan die Zeit davonläuft. Der 52-Jährige ist viel herumgekommen. Unter anderem hat er einige Jahre im deutschen Bonn und in den Niederlanden studiert. Ho spricht in einem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Es sei keine Frage, „ob der Krieg kommt – sondern nur wann“. Ho gehört seit Jahren zu den Mahner:innen, die eine Beschwichtigungspolitik gegenüber autokratischen Großmächten für hochgefährlich halten.

Teilnehmer:innen der Kuma Academy üben das Bergen von Verwundeten.
Teilnehmer:innen der Kuma Academy üben das Bergen von Verwundeten.
© Fotocredit: Moritz Groß

Bereits die gewaltsame Niederschlagung der Hongkonger Bürger:innen- und Studierendenproteste 2019 nahm man im demokratischen und westlich orientierten Taiwan mit Besorgnis wahr. Russlands Überfall auf die Ukraine öffnete vielen die Augen. Auch im Westen. „Die Menschen sind nun weniger naiv“, sagt Ho.

Der Widerstand ist weiblich

Die Kuma-Mitarbeiter:innen, -Freiwilligen und Kursteilnehmer:innen sind vorsichtig. Nur wenige wollen sich fotografieren lassen. Sie fürchten sich vor den Konsequenzen. Die Gruppe ist gut durchmischt: große, durchtrainierte Mittzwanziger, zierliche Frauen in ihren Fünfzigern. Zwei Drittel sind Frauen. „Das ist immer so“, sagt eine Kuma-Mitarbeiterin. Für Männer gilt die Wehrpflicht, die Kuma Academy ist eine Alternative für Frauen.

Zu Beginn des Kurses dient ein Zitat des US-Präsidenten Joe Biden als Erinnerung daran, worum es der Kuma Academy geht. Als die Taliban im August 2021 nach fast zwanzig Jahren internationaler Besatzung die Macht in Afghanistan zurückeroberten, gab Biden zu Protokoll, man wäre bereit gewesen, die Menschen mit allem Benötigtem zu versorgen. Nur eines habe man nicht liefern können: den Willen, für die eigene Zukunft zu kämpfen. Am Willen, für die Freiheit zu kämpfen, daran will man in Taiwan keine Zweifel aufkommen lassen – weder gegenüber sich selbst noch gegenüber dem Ausland. 

Ukrainische Warnsignale

Lernen wollen sie von der Ukraine. Videos ukrainischer Soldaten werden gezeigt, die mit geschulterten Abwehrraketen, sogenannten Manpads, russische Panzer ausschalten. Sogar die taiwanesische Militärdoktrin hat sich verändert. In der Vergangenheit setzte das Militär auf schweres Gerät, nun trainiert es die asymmetrische Kriegsführung, also Einsätze mit leicht transportierbaren Waffen. Militär und Industrie entwickeln gemeinsam Waffen, um weniger auf das Ausland angewiesen zu sein. Sie stellen Kampfjets, Boote, Manpads und Drohnen her – die sie auch in die Ukraine liefern.

Ein Blick in ein Klassenzimmer der Kuma Academy.
Ein Blick in ein Klassenzimmer der Kuma Academy.
© Fotocredit: Moritz Groß

Die 54-jährige Lin haben die Bilder aus der Ukraine schwer erschüttert. „Einen Tag vor dem Krieg habe ich noch Interviews mit Menschen in Pelzmänteln und teuren Anzügen gesehen, die am nächsten Tag in U-Bahn-Stationen Schutz vor den Bomben suchten. Das hat mich wachgerüttelt“, sagt die Hausfrau und Mutter. Sie will vorbereitet sein, weshalb sie im regelliebenden Taiwan auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurückschreckt: „Meiner 15 Jahre alten Tochter habe ich Autofahren beigebracht. Im Ernstfall fragt eh keiner mehr nach dem Führerschein.“ Die Teenagerin soll außerdem lernen, wie man Drohnen steuert.

Die Kinder des 42-jährigen HNO-Arztes Tsai wissen ebenfalls, wo sie im Angriffsfall Schutz suchen können und was sie mitnehmen sollen. Eine Strategie von Kuma ist die Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten innerhalb der Familien, damit mehr Menschen erreicht werden können. Von diesem Multiplikatoreffekt sollen im Idealfall neun Millionen Menschen profitieren. 

Nation und Identität

Der Generation von Lin und Tsai wird auch aus einem anderen Grund die Rolle von Mittler:innen zuteil. Generation X und Millennials haben ein höheres Bewusstsein dafür, dass eine offene Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Den Übergang von einer Militärdiktatur zur Demokratie haben die zwischen 1960 und 1980 geborenen Taiwanes:innen als Jugendliche mitbekommen und mitgestaltet. In der Herausbildung einer von Festland-China unabhängigen taiwanesischen Identität nehmen sie eine Schlüsselposition ein.

Ältere Generationen bezeichnen China oft als „Mutterland“. Für die 28 Jahre alte Tina und die 23-jährige Skyler ist die Sprache allerdings die einzige Gemeinsamkeit. In den Köpfen der jungen Frauen ist China weit weg. Bei älteren Menschen sei das anders. Sie haben Sympathien zum Festland und würden sich somit auch von Desinformation einfacher beeinflussen lassen.

Der Preis der Freiheit

Die Atmosphäre im Bürogebäude ist locker, die Teilnehmer:innen lachen – dem Inhalt des Kurses zum Trotz. Nach dem Theorie-Block üben sie das Anlegen von sogenannten Tourniquets, mit denen blutende Wunden an Beinen und Armen gestillt werden. Danach legen sie Bandagen an und lernen die richtige Bergung Verwundeter. Kenntnisse, die im Erdbeben-geplagten Taiwan auch abseits von Kriegsszenarien überlebenswichtig sind.

Exemplarisch für das Erlebte, Erlernte und Gefühlte, steht die letzte PowerPoint-Folien des Tages. Sie zeigt Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident ist mit seinem Durchhaltewillen und dem unerwarteten Widerstand seiner Nation gegen einen nominell überlegenen Angreifer auch in Taiwan zur Symbolfigur geworden. „Man kann uns das Geld nehmen, das Gas, das Heißwasser. Aber nicht unsere Freiheit“, steht unter dem Bild. Freiheit hat ihren Preis. Die Taiwanes:innen sind bereit, ihn zu zahlen.