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Wie wir die Düfte von gestern noch heute riechen können

5 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

Keine Lust auf Museumsbesuche? Das könnte sich ändern. Forscher:innen erwecken die Gerüche der Vergangenheit zu neuem Leben, damit Ausstellungen zu Erlebnissen für alle Sinne werden.


Von den Ölgemälden der Renaissance über alte Fotos bis hin zu Geschichtsvideos, digitalisierten Bibliotheken und Videospielen mit historischen Held:innen: Aus Bildern, Filmen und Büchern lernen wir vieles über die Vergangenheit. Selten tauchen wir aber so weit in die Geschichte ein, dass wir sie sogar riechen können. Genau das will die Wissenschaft ändern, indem sie Düfte, die längst verraucht sind, wieder zum Leben erweckt. Wir sollen nicht nur sehen, sondern auch atmen, was einmal war.

„Gerüche erzeugen eine Art Intimität zwischen uns Menschen und den Objekten. Wenn ein Gegenstand gar nicht riecht, verliert sich diese Intimität“, sagt der Chemiker Matija Strlič von der Universität Ljubljana in Slowenien im populärwissenschaftlichen Knowable Magazine. Der Duft eines alten Buches verleiht seinen Buchstaben, Sätzen und Seiten eine zusätzliche Dimension. Strlič widmet seine Karriere der Erhaltung von Kulturerbe und konzentriert sich dabei in erster Linie auf die Wiederherstellung kulturell bedeutender Düfte.

Ein Museum wie eine Bäckerei

Ein neues Museumskonzept erkennt darin der Kunsthistoriker Inger Leemans von der niederländischen Akademie für Kunst und Wissenschaften. Er möchte Ausstellungen zum Erlebnis für alle Sinne machen. Ähnlich wie Bäckereien Passant:innen mit Aromen von frischgebackenem Brot umwerben, könnten Duftnoten aus der Vergangenheit den Museumsbesucher:innen schon in der Empfangshalle in die Nase steigen, um ihnen Ausstellungen schmackhaft zu machen. Riechen kennt wenig Fehlinterpretation, sondern empfängt eigentlich alle. „Da das Geruchsempfinden individuell ist, gibt es keine richtige oder falsche Art und Weise, darüber zu reden: Mein Wissen ist so gut wie das aller anderen“, sagt Leemans.

Den Museen könnte das zugutekommen. Viele Häuser stellen fest, dass junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren eher schwer zu erreichen sind. Gen Z informiere sich online und bevorzuge Plattformen, die flexibel und mobil nutzbar sind, heißt es vonseiten des Österreichischen Museumsverbands. Da junge Menschen außerdem im Rahmen von Schulausflügen ins Museum gebracht werden, also hingehen müssen, ist es wenig verwunderlich, dass sie nach dem Schulabschluss anderen Dingen nachgehen, zu denen sie nicht verpflichtet fühlen. Gerüchte von früher, so die Forschenden, könnten Ausstellungsbesuche allerdings auch für sie attraktiver machen.

Handel mit Gewürzen, Essenzen und Weihrauch

Da Düfte auch für Gesellschaften vor uns einen hohen Stellenwert hatten, wurden aufwändige Expeditionen durchgeführt, um Substanzen mit starken Geruchseigenschaften zu bekommen. Schon vor Jahrhunderten wurde weltweiter Handel mit Gewürzen, Duftessenzen und Weihrauch betrieben. Das Verständnis über die Verwendung von aromatischen Stoffen gibt Aufschluss über Rituale, Parfümerie, Hygiene, Ernährungsweisen, Handel, soziale Hierarchien und Gruppenidentitäten der Vergangenheit.

Dennoch blieben Darstellungen der Vergangenheit bisher weitgehend geruchslos. Düfte sind flüchtig und lange verraucht, bevor archäologische Grabungen beginnen. „Gerüche bis in die Vergangenheit zu verfolgen ist keine leichte Aufgabe“, sagt die Archäochemikerin Barbara Huber vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie im deutschen Tübingen. Sie untersucht archäologische Fundstücke mit chemischen Methoden auf Geruchspartikel.

Duftspuren auf uralten Objekten

Barbara Huber will historische Geruchslandschaften wiederbeleben. Dazu forscht sie an Molekülen – das sind die kleinsten Einheiten einer chemischen Verbindung, die die charakteristischen Merkmale dieser Verbindung aufweisen. Mit ihrem Team hat sie entdeckt, dass molekulare Spuren der Substanzen, nach denen antike Objekte einmal dufteten, über viele Jahrhunderte erhalten bleiben. Sie steigen zwar nicht mehr in die Nase, aber sie lassen sich identifizieren und analysieren, woraus sich die Zusammensetzung des Duftes von früher feststellen lässt. „Die Moleküle liefern beispiellose Einblicke in die antike Parfümerie und Medizin, in Rituale und das tägliche Leben“, wird Huber in einer Aussendung zu ihrer Studie im Fachmagazin Nature zitiert.

Die Daten liefern die Anhaltspunkte. Doch die chemischen Informationen müssen in ein vollständiges Geruchserlebnis übersetzt werden. „Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sich den Duft als Ganzes vorzustellen“, sagt die Parfümeurin Carole Calvez, die zum Forschungsteam gehört. Sie entwickelt die Formeln, mit denen sich uralte chemische Überreste in Duftessenzen verwandeln lassen, die in Museen verströmt werden können.

Das Parfum einer Mumie

Einen Erstlingsduft gibt es schon. Die Forscherinnen haben den Geruch von ägyptischen Mumien nachgebildet. In einer früheren Studie hatten Huber und ihre Kolleg:innen entdeckt, mit welchen Inhaltsstoffen die alten Ägypter die Körper von Verstorbenen haltbar gemacht haben. Mumien wurden mit einer Mischung aus Bienenwachs, Pflanzenöl, Fetten, Bitumen, dem Harz von Kieferngewächsen, Dammar und Pistazienharz einbalsamiert.

Vor Kurzem ist den Forscher:innen eine Nachbildung der Aromen, die den antiken ägyptischen Mumifizierungsprozess begleiteten, gelungen. Eine Ausstellung im Museum August Kestner in Hannover beinhaltet auch das Geruchserlebnis. Über tragbare Duftkarten und eine Duftdiffusionsstation kann man somit die Mumien riechen.

Vom Horrorfilm zur Wertschätzung

„Der Duft bietet einen neuen Zugang zur Mumifizierung, weg vom Schreckensfaktor und den Klischees aus Horrorfilmen hin zu einer Wertschätzung der Motive hinter den Handlungen und der gewünschten Ergebnisse“, berichten die Kuratoren Christian Loeben und Ulrike Dubiel. Die Duftstationen hätten das Verständnis der Besucher:innen für die Einbalsamierung verändert. Der Geruch füge eine emotionale und sensorische Tiefe hinzu, die Textbeschriftungen allein nicht zu bieten hätten.

Duftende Erlebnisse könnten Museumsbesuche in neue Dimensionen führen. Ob irgendwann jemand historische Gerüche für zu Hause verkauft, damit wir die Pyramiden mit einer VR-Brille auf der Couch besuchen und dabei Mumienluft aus dem Diffuser einatmen, bleibt abzuwarten.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die Österreichischen Bundesmuseen und die Österreichische Nationalbibliothek haben im Jahr 2025 eine Steigerung der Gesamtbesucher:innenzahl um durchschnittlich 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum verzeichnet. Insgesamt wurden 8.441.175 Besuche gezählt. Unterschiedliche Faktoren wie zahlreiche Sonderausstellungen in den einzelnen Häusern, die den Geschmack der Museumsbesucher:innen getroffen hätten, oder auch eine positive Entwicklung der Verkäufe der Bundesmuseen-Card, zählen laut dem Österreichischen Museumsverband zu den Gründen für diese Entwicklung. Im Allgemeinen gelten junge Menschen zwischen 18 und 30 als die für Museen am schwersten zu erreichende Gruppe.
  • Die Idee, Ausstellungen durch Sinneserfahrungen anzureichern, kennt Vorbilder. Schon seit den 1990er-Jahren läuft an verschiedenen Orten die Ausstellung Dialog im Dunkeln, die das Thema Blindsein vermittelt, indem sie dazu einlädt, diese Position einzunehmen. Dialog im Dunkeln ist eine Ausstellung, bei der es nichts zu sehen gibt“, heißt es auf der Website. In Kleingruppen werden Besucher:innen von blinden oder sehbehinderten Guides durch völlig abgedunkelte Räume begleitet, in denen Alltagssituationen nachgestellt sind.
  • Die Betreiber:innen des archäologischen Parks Carnuntum östlich von Wien beheizen manche Gebäude der antiken Römerstadt mit Hypokausten, die den Besucher:innen einen Eindruck des Geruchs von damals vermitteln. Bei der Unterbodenheizung des Hypokaustums ruht der Fußboden auf einer Unterkonstruktion aus kleinen Pfeilern. In einer seitlich gelegenen Feuerkammer, dem praefurnium, wird Holz verbrannt. Die heißen Rauch- und Verbrennungsgase strömen unter dem Boden hindurch, erwärmen ihn und werden anschließend über Kamine ins Freie abgeleitet. So konnten Böden und Wände gleichmäßig beheizt werden. Rekonstruktions- und Messversuche zeigen, dass Fußbodentemperaturen von 20 bis 50°C sowie Wandtemperaturen bis zu 30°C erreicht wurden.

Quellen

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