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Wiener Charakterköpfe

8 Min
1064 Köpfe hat Gerald Stocker bisher fotografiert und katalogisiert.
© Illustration: WZ, inspiriert von den Wiener Köpfen

Ein Unbekannter hinterlässt gezeichnete Köpfe an Wänden, Türen, Klingelschildern oder — am häufigsten — auf Stromkästen. Mal sind sie fünf, mal bis zu dreißig Zentimeter groß. Gerald Stocker (55) hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie alle zu finden.


Der Wiener Theaterwissenschaftler und Musiker Gerald Stocker Stocker arbeitet an der Wiener Volksoper und hat 2004 den Protestsongcontest im Rabenhoftheater ins Leben gerufen. „Nebenher bin ich Sammler“, sagt er, das hat ihn anfällig gemacht für die Köpfe . Zu Beginn des Jahres 2021, mitten im Lockdown, spazierte er zusammen mit seinem Sohn durch die Josefstadt. Er wollte Streetart fotografieren, aber "anstatt hässlicher, nichtssagender Tags, wie man sie überall in der Stadt findet, sahen wir plötzlich den ersten Kopf." Auf seinem Weg in die Volksoper entdeckte er am Tag darauf gleich weitere, ein paar Tage später hatte er über hundert fotografiert. „Seither ist es wie mit den Panini-Pickerln“, sagt er. „Ich will sie alle haben.“ 1064 Portraits sind es, die er bis heute gefunden hat, den letzten vor ein paar Tagen im elften Bezirk. „Ich glaube, ich bin à jour“, sagt er. Ob er aber nicht doch ein paar übersehen hat, weiß er natürlich nicht.

Wer ist der Zeichner?

Über den Zeichner der Köpfe weiß er genauso wenig, obwohl er seit vier Jahren sehr viel über ihn nachdenkt und die Suche nach diesen Köpfen den Großteil seiner freien Zeit beansprucht. Oder das Nachgehen von Hinweisen. Um die 150 Menschen sind es mittlerweile, die ihn auf Köpfe hingewiesen haben, die alle nach links schauende Männerprofile zeigen. Die meisten kannte er freilich schon, darunter richtige „Ostereier“, wie er sie nennt: Portraits an schwer zu findenden und kaum begangenen Wegen, wahre Geschenke also.

Meist nimmt er das Rad, um nach ihnen Ausschau zu halten, jeden Samstag und Sonntag wendet er dafür bis zu vier Stunden auf. Wie ein Profiler versucht er dabei, sich in die Gedankenwelt des Zeichners zu versetzen, und sucht nach „missing links“, er denkt Sachen wie: Wenn an dieser Ecke einer ist und dort drüben ein weiterer - müsste dann nicht auch hier einer sein?

Die allermeisten Portraits befinden sich in einer Höhe von ca. 1,80 Metern, was ihn vermuten lässt, dass es sich bei dem Zeichner um einen Mann handelt. Diese Vermutung unterstreichen die Köpfe, die er auf Herrentoiletten sogenannter Wiener Alternativlokale gefunden hat: Dem Futuregarden, dem Amerlingbeisl oder dem Café Frida am Yppenplatz. Dass sich ein Kopf auch auf der Damentoilette des Wiener Votivkinos befindet, erklärt er sich so: „Wahrscheinlich hat er selbst nicht gemerkt, dass er sich in der Türe geirrt hat.“

Die Art der Lokale lässt ihn außerdem denken, dass der Zeichner gebildet und um die 50 Jahre alt sein muss. „Ein Künstler vielleicht mit einschlägiger Ausbildung.“ Erst unlängst entdeckte er nämlich einen Kopf auf der Toilette der Akademie der Bildenden Künste. Seither fragt er sich:. „Würde dort jemand hingehen, der keinen Bezug zur Kunst hat?“

Womöglich ein Künstler? Oder doch ein Amateur?

Die Portraits erinnern Stocker obendrein an Figuren von Sempé (Der kleine Nick) oder Hergé (Tin Tin), etablierte Künstler also. Außerdem wäre der Strich des Zeichners sicher und man erkenne eine klare Linienführung. „Es sind aber keine Karikaturen, alle Köpfe schauen ernst, nie sieht man einen lachen. Die Gesichter haben, so einfach sie sind, einen Charakter.“ Manchmal ist der Kragen mitgezeichnet, manchmal die Krawatte, manchmal ein Teil des Oberkörpers. Betrachtet man alle Portraits auf seiner Website nebeneinander, dann könnte man vielleicht denken, der Zeichner hätte Abgeordnete zum Nationalrat aus den 1960er Jahren gezeichnet. Einer der Köpfe ähnelt tatsächlich dem Profil von Bruno Kreisky.

Dass sich manchmal auch ein „Langhaariger“ darunter findet, lässt Stocker vermuten, dass der Zeichner womöglich auf seine Umgebung reagiert und spontan arbeitet: „Ich stelle ihn mir vor, wie er in der Straßenbahn sitzt und jemanden sieht, den er verewigen möchte.“ Nur um sofort Zweifel an seiner eigenen Theorie zu äußern. „Vielleicht macht er aber auch zuhause Sketches und geht mit denen hinaus?“

Was Stocker sicher weiß: „Er zeichnet meist mit einem schwarzen Edding, nur manchmal hat er einen weißen Lackstift dabei, mit dem er auf Holztüren zeichnet. Diese Portraits sind flächiger, da haben die Köpfe oft dichteres Haar.“ Anfangs waren die Köpfe recht einfach und zeigten oft Männer mit Glatze, in einer „späteren Phase“ zeichnete er oft welche mit streng gezogenem Seitenscheitel. Da hatte Stocker kurz die Befürchtung, dass er sich in einschlägigen Kreisen bewegen könnte, aber diese zerschlug sich.

Sorgfältiges Katalogisieren und Nummerieren

Dass er an den Portraits mittlerweile so etwas wie eine Entwicklung zu erkennen glaubt, liegt an der sorgfältigen Katalogisierung mit jeweiligem Fundort und -datum. Obwohl es vereinzelt stilistische Abweichungen gebe, glaube er nicht, dass Nachahmer unterwegs sein könnten. Mittlerweile meint er sogar, die Wege des Zeichners nachgehen zu können. „Er macht nächtliche Spaziergänge“, vermutet er, „während der er seine Köpfe zeichnet, immer mehrere auf einmal, manchmal bis zu 15.“ Selten an stark befahren Straßen, meist in Nebengassen eher ruhiger Wohngegenden in beinahe allen Bezirken der Stadt. Betrachtet er sie alle auf seiner Google Maps-Karte, sieht er aber auch auffällige weiße Flecken: Im Randbezirk Favoriten hat er beispielsweise noch gar keinen gefunden, und auch nicht in den Bezirken 21 bis 23. Warum sich der Zeichner aber auch in den innerstädtischen Bezirken Wieden und Margareten mit nur jeweils einem einzigen Kopf verewigt hat, das ist ihm ein Rätsel.

Die Nacht jedenfalls, sagt Stocker, würde den Geheimnisvollen vor unerwünschten Beobachtern schützen, auch Straßenbahnen oder U-Bahnstationen meidet er. Schließlich wäre, was er tut, ein Akt von Vandalismus oder Sachbeschädigung. Manche Köpfe findet Stocker schon bald drauf nicht mehr an den Wänden, weil die Hauseigentümer sie entfernen ließen. Andere Eigentümer wiederum wüssten diese Form der Streetart durchaus zu schätzen: „Im zweiten Bezirk habe ich mal einen entdeckt, den man hinter Plexiglas geschützt hat“. Da denkt er auch mal an Banksy, jenen englischen Streetart- Künstler, um dessen Identität sich ebenfalls wilde Mythen ranken.


Ein Foto von Gerald Stocker vor einem der Portraits
Gerald Stocker mit einem der sog. "Wiener Charakterköpfe"
© Bildquelle: Gerald Stocker

„Ganz sicher weiß der Zeichner mittlerweile selbst, dass er wahrgenommen wird“, sagt Stocker. Nachdem er nämlich einmal etwas über seine Köpfe auf Facebook gepostet hat, fanden sich in den Tagen darauf im zweiten Bezirk gleich vierzig neue. „Da war er motivert! Vielleicht freute er sich über die Aufmerksamkeit.“ Die Anfänge aber verortet Stocker im 17. Bezirk im Umfeld der Blumen- und Beheimgasse. „Dort fand ich im Dezember 2020 ein erstes Nest.“

Zeichnungen auch in Belgrad, Rovinj und Triest

Bis vor kurzem hätte er die Zeichnungen als „Wiener Geschichte“ bezeichnet , schließlich wäre er selbst häufig in Graz, Linz oder auch in Brünn, wo sich aber noch nie eine Zeichnung gefunden hätte. Als aber plötzlich Köpfe in Belgrad, Rovijnj und Triest gesichtet wurden, musste er auch von dieser These Abschied nehmen. Von dem in Triest erfuhr er, als er sich selbst gerade im Schloss Miramare aufhielt. Sofort fuhr er in die Stadt und fotografierte den Kopf, zwei Stunden lang suchte er nach weiteren - erfolglos. „Vielleicht hat er dort irgendwo Urlaub gemacht?“, fragt er sich seither. Erlebnisse wie dieses - er am gleichen Ort wie der Zeichner - lassen manche Fans seines Projekts schon mutmaßen, dass er selbst der Urheber sein könnte. „Das ist natürlich lustig“, sagt er. „Manchmal überlege ich schon, wie ich beweisen könnte, dass ich es nicht bin.“

Ob er den wahren Urheber überhaupt noch kennenlernen möchte? Da ist er sich gar nicht mehr so sicher: „Schließlich ginge dadurch der ganze Reiz verloren.“ Ein paar Fragen würde er ihm aber schon stellen wollen, falls er jemals die Gelegenheit dazu hätte: „Ob er seine Köpfe selbst dokumentiert?“ Dann könnte er seine Sammlung mit der des Urhebers vergleichen, was ihm aber durchaus Sorge bereitet, denn: „Was, wenn ich doch zu viele übersehen habe?“ Dieser Sorge begegnet er mit neuem Ehrgeiz: „Es wäre schön, wenn ich 1111 Köpfe finden würde.“ Mit denen würde er das Buch füllen, über das er schon länger nachdenkt. Könnte gut sein, dass der Unbekannte zur Präsentation auftauchen und sich danach in der Nähe mit einem neuen Portrait bedanken würde. Dann ginge die Geschichte jedenfalls weiter.



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Infos und Quellen

Genese:

Unser Autor ist nicht mehr oft auf Facebook, aber dann stieß er doch mal wieder auf etwas, das ihn interessierte: Die Seite des Wiener Theaterwissenschaftlers Gerald Stocker, auf der er die Fotos seiner "Wiener Stromkastenköpfe" katalogisiert. Wir schauten nach, ob es schon eine Geschichte darüber gibt, was überraschenderweise nicht der Fall war. Also trafen wir den leidenschaftlichen Sammler an einem verregneten Frühsommertag in der Wiener Blutgasse zu einem Spaziergang durch die Innenstadt. Dabei zeigte er uns ein paar der ausschließlich männlichen Gesichter, die sich an Hauswänden, Türstöcken und eben meistens auf Stromkästen finden, und erzählte uns über seine Obsession und die Mutmaßungen, die er über die Urheberschaft des Malers/der Malerin anstellt. Am nächsten Tag schrieb er unserem Autor, dass er ein neues Portrait gefunden hat - Nummer 1064. Die Suche geht weiter, die Fragen bleiben.

Quellen:

Stromkastenportraits

Wiener Stromkasten-Köpfe

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