Zum Hauptinhalt springen

Will Österreich keine Kinder mehr?

8 Min
Georg Renner schreibt jede Woche einen sachpolitischen Newsletter. Hier könnt ihr diesen Beitrag online nachlesen.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Georg Renner, Adobe Stock

Hinter dem Absturz der Geburtenrate steckt längst keine vorübergehende Krise mehr, sondern ein tiefgreifender kultureller Wandel.


    • Die Geburtenrate in Österreich sinkt seit Jahren und liegt 2024 bei nur noch 1,31 Kindern pro Frau.
    • Auch der Kinderwunsch und die tatsächliche Kinderzahl pro Frau nehmen langfristig ab, besonders bei jungen Frauen.
    • Ein besseres Kinderbetreuungsangebot wie in Wien führt nicht zu höheren Geburtenraten; Migration gleicht den Rückgang nur teilweise aus.
    • Geburtenrate 2024: 1,31 Kinder pro Frau, 2025: 1,29
    • 75.700 Lebendgeborene 2025, sechstes Jahr Rückgang in Folge
    • Kinderlosigkeit bei Frauen Jahrgang 1980: 20 %, ab 1990: über 25 % erwartet
    • TFR Wien 2023: 1,17, 2024: 1,22 (Österreich-Schnitt: 1,31)
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es gibt etwas Neues an der demografischen Front – du weißt schon, jenem apokalyptischen Abgrund aus immer mehr älteren Menschen, weniger Zuwander:innen und stürzenden Geburtenzahlen in einem staatlichen System, das sich zum größten Teil über Steuern auf Erwerbsarbeit finanziert. Eher harte Kost heute, sorry.

Anfang der Woche hat das Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sein neues Geburtenbarometer präsentiert: eine tiefgehende Analyse aller Daten zum Abstieg der Geburtenraten, die die Republik so auf Lager hat.

Bevor wir in die Zahlen gehen, möchte ich kurz ausdifferenzieren: Sinkende Geburtenzahlen, wie wir sie in Österreich seit Jahrzehnten kennen, sind nicht per se eine Katastrophe, auch wenn sie verschiedene politische Richtungen so behandeln. Sie sind letzten Endes ein Ausdruck persönlicher Freiheit: Es gibt heute viel weniger gesellschaftlichen Druck, dass Kinder zu haben, „zu einem ordentlichen Leben“ dazugehört – was auch immer man davon halten mag – und dank moderner Sozialsysteme ist man viel weniger auf seine Nachkommen angewiesen, um versorgt zu bleiben, wenn man sich selbst nicht mehr erhalten kann.

Das Problem liegt nur darin, dass weite Teile unserer wirtschaftlichen und fiskalischen Systeme – sehr vereinfacht gesagt, unser Wohlstand – auf ständigem Wachstum aufgebaut sind, und das hieß bisher praktisch immer auch: Bevölkerungswachstum. Letzteres hat zwei wesentliche Komponenten: Zuwanderung (die die Österreicher:innen zunehmend ablehnen, aber das ist eine andere Geschichte) und eben die Geburtenrate, gemessen als Zahl der lebenden Kinder, die pro Frau statistisch zur Welt kommen.

Die Ergebnisse des Geburtenbarometers

Und genau das analysiert das Geburtenbarometer. 1,31 Kinder pro Frau im Jahr 2024, 1,29 nach vorläufigen Zahlen für 2025 – gegenüber noch rund 1,5 in den Jahren 2016 und 2017. Dazu 75.700 Lebendgeborene 2025, also sechs Jahre Rückgang in Folge gegenüber dem Höchststand von etwa 88.000 in den Jahren 2016/17.

Das klingt apokalyptisch, wenn man bedenkt, dass die stabile Rate, an der eine Gesellschaft ihre Größe ohne Zuwanderung erhalten könnte, bei 2,1 liegt. Die TFR ist aber, wie die Demograf:innen festhalten, anfällig für Verschiebungen im Timing: Wenn Frauen ihre Geburten in ein höheres Alter aufschieben (was sie kontinuierlich tun – das durchschnittliche Erstgeburtsalter ist seit 1984 von 24 auf 30 Jahre gestiegen), drückt das die TFR in der Übergangsphase mechanisch nach unten, ohne dass sich die endgültige Kinderzahl pro Frau verändern muss.

Genau deshalb arbeitet das ÖAW-Geburtenbarometer mit einem zweiten Indikator: der Durchschnittsparität (PAP). Die PAP berücksichtigt nicht nur das Alter der Mutter, sondern auch, wie viele Kinder sie bereits hat – und ist deshalb weniger anfällig für Timing-Verzerrungen. Sie liegt strukturell rund 0,2 über der TFR. Auch sie hatte 2016 ihren Höhepunkt erreicht (1,71), und auch sie ist seither auf einen historischen Tiefstand von 1,43 (2024) zurückgegangen.

Renner
© Screenshot

Was uns die PAP sagt: Auch bereinigt um die Verzerrung durch das Aufschieben liegt die österreichische Fertilität deutlich tiefer als noch vor zehn Jahren.

Kohortenfertilität

Den auf gewisse Weise ehrlichsten Indikator liefert allerdings die Kohortenfertilität: Sie zählt nicht Geburten in einem Kalenderjahr, sondern die endgültige Kinderzahl von Frauen eines bestimmten Jahrgangs. Das geht naturgemäß nur rückblickend, ist aber die einzig wirklich aussagekräftige Größe. Und hier sieht man den Rückgang in seiner ganzen Härte: Frauen des Jahrgangs 1947 brachten im Schnitt knapp unter zwei Kinder zur Welt; beim Jahrgang 1966 waren es 1,7; für die Jahrgänge ab 1986 prognostiziert die ÖAW unter 1,6 Kinder, für jene ab 1994 unter 1,5.

Renner
© Screenshot

Weil die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, häufig mit „dem Zustand der Welt“ oder mit anderen kurzfristigen Erscheinungen in Verbindung gebracht wird – der Wirtschaftslage, neuen Technologien usw –, finde ich diese Grafik wichtig: Dass der langfristige Trend – die grüne Linie – dauerhaft nach unten zeigt, ist ein Anhaltspunkt, dass wir es mit einer gewaltigen kulturellen Verschiebung zu tun haben – und nicht mit solchen Einzelursachen.

Kinderlosigkeit

Der zweite Datenpunkt, der mit dieser Kohortenperspektive auf eine fundamentale Verschiebung hinweist, ist die Kinderlosigkeit. Bei den Frauen, die heute Anfang 40 sind (Jahrgang um 1980), bleibt eine von fünf kinderlos – in ganz Österreich, wie auch in Wien, wo die beiden Verläufe sich um diese Generation gerade angeglichen haben. Für die Jahrgänge nach 1990 erwartet ÖAW-Demografin Caroline Berghammer einen weiteren Anstieg auf über 25 Prozent.

Dass das keine vorübergehende Erscheinung ist, zeigt ein dritter Datensatz im Barometer: der Kinderwunsch selbst. Erhoben über den Mikrozensus zwischen 1986 und 2021, dokumentiert er nicht, wie viele Kinder Frauen bekommen, sondern wie viele sie sich wünschen. Und auch dieser Wunsch ist gesunken: Frauen zwischen 20 und 40 Jahren wünschten sich 1986 im Schnitt 2,0 Kinder, 2021 nur noch 1,7. Bei den 30- bis 40-Jährigen ist der Rückgang besonders deutlich – von 2,1 auf 1,6.

Bei den jungen Frauen (20–29) hat sich der Anteil derjenigen, die überhaupt keine Kinder wollen, zwischen 1986 und 2016 von 6 auf 12 Prozent verdoppelt – und ist bis 2021 weiter auf 18 Prozent gestiegen. Also: Fast jede fünfte junge Frau plant heute aktiv kinderlos zu bleiben. Das ist die Verschiebung, die hinter der absinkenden Geburtenrate steht – und die ÖAW-Demograf Krystof Zeman zu der Aussage veranlasst hat, der Trend werde sich „wohl noch weiter" verschärfen.

Womit wir bei einem Punkt wären, der mich besonders interessiert – weil er ein Politikum berührt. In allen einschlägigen Debatten ist der Konsens, was zu tun wäre: Die Kinderbetreuung ausbauen, damit Eltern (insbesondere Mütter) Beruf und Familie besser vereinbaren können.

Das Geburtenbarometer ermöglicht hier aber einen interessanten Realitätscheck. Wien ist das Bundesland mit dem mit Abstand am besten ausgebauten Betreuungsangebot Österreichs: Laut der aktuellen Kindertagesheimstatistik 2024/25 sind 46,4 Prozent der unter Dreijährigen in einer Krippe oder einem Kindergarten – der österreichweite Schnitt liegt bei 34,8 Prozent. Wien ist außerdem das einzige Bundesland, in dem die große Mehrheit der Plätze „VIF-konform “ ist, also Öffnungszeiten hat, die eine Vollzeitstelle der Eltern erlauben (in allen anderen Bundesländern liegt diese Quote laut Statistik Austria deutlich darunter). Und: Wien hat im Bundesländervergleich auch die wenigsten Schließtage.

Was sagt das Geburtenbarometer über die Fertilität in eben diesem Wien? Sie ist die niedrigste, die in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich gemessen wurde. Die TFR Wiens ist 2023 auf 1,17 abgestürzt – ein historisch sehr niedriger Wert – und liegt 2024 bei 1,22, deutlich unter dem Österreich-Schnitt von 1,31.

Renner
© Screenshot

Wir sehen: Historisch ist das nicht neu. Wien hatte schon in der Zwischenkriegszeit eine derniedrigsten Geburtenraten weltweit und blieb bis in die 90er-Jahre deutlich unter dem Österreich-Schnitt. Was neu ist, ist der Verlauf der letzten 15 Jahre: Zwischen den späten 90ern und 2010 hatte Wien zum Rest des Landes aufgeschlossen, von 2010 bis etwa 2016 verliefen die Kurven praktisch parallel – und seither driftet Wien wieder nach unten. Diesmal mit dem Unterschied, dass das österreichweite Niveau selbst schon historisch niedrig ist.

Dazu kommt: 58 Prozent aller Wiener Neugeborenen 2024 hatten eine Mutter, die selbst im Ausland geboren wurde (Österreich-Schnitt: 36 Prozent). Anders gesagt: Ohne den höheren Anteil zugewanderter Frauen mit (noch) etwas höheren Fertilitätsraten wäre Wiens Zahl noch tiefer. Was übrigens auch die These „Migration löst die Demographie ” nicht stützt – die durchschnittliche Fertilität auslandsgeborener Frauen liegt selbst nur mehr knapp über 2, jene gebürtiger Türkinnen ist von früheren Spitzenwerten auf 1,84 gefallen, gebürtige Ungarinnen und Deutsche unterscheiden sich in der Kinderzahl kaum noch von hierzulande Geborenen.

So, genug Daten für heute. Das gesamte Geburtenbarometer mit seinen acht thematischen Kapiteln und der zugehörigen Datendatei findest du hier auf der Website der ÖAW. Die interessante Frage, die sich daraus stellt: Wie geht eine Familienpolitik in einer Zeit, in der Kinderwunsch und Kinderzahl gleichermaßen langfristig abnehmen?

Du bekommst solche Beiträge lieber per Mail? Jetzt Newsletter abonnieren!

Ein Kopf auf gelbem Hintergrund

Einfach Politik.

Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

Jeden Donnerstag

Die Familienministerin versucht es gerade mit Appellen, Kinder seien eine Bereicherung und man müsse die Kleinen ja nicht jeden Tag in die Fremdspracheneinheit bringen. Sie hat recht, aber ich wage die Prognose, dass das den Trend, der checks notes seit den 1960er Jahren stabil nach unten zeigt, nur sehr bedingt ausbremsen wird.

Ein realistischer Plan wird wohl davon ausgehen müssen, dass die Geburtenraten in den kommenden Jahren weiter zurückgehen werden. Was langfristig (neben einer Menge kultureller und Bildungsthemen) die Frage aufwirft, ob und wie wir das ganze Werkl noch finanzieren können, wenn uns die Erwerbskräfte ausgehen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.

Quellen

Ähnliche Inhalte