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Wie klingt eine Wahl, wenn man nicht in Parteizentralen nachfragt, sondern mit jungen Menschen an drei unterschiedlichen Orten der Stadt redet?
Vom Straßenrand blicken ein paar Gesichter der Graz-Wahl auf den Sonnenfelsplatz nahe der Uni: lächelnd, ernst, in Action im gestellten Gespräch, schon angerissen, überklebt oder vom nächsten Slogan bedrängt. Kopf an Kopf in einem bunten Schilderwald aus Plakaten. Sie werben, mahnen, versprechen.
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An diesem Dienstag zeigt das Thermometer 26 Grad, die Sonne scheint. Während die Plakate um Aufmerksamkeit ringen, suchen die, um deren Stimmen geworben wird, den Schatten: Studierende verbringen ihre Mittagspause unter den Bäumen, auf der Wiese, auf den Bänken rund um das Hauptgebäude der Uni. „Die Elke Kahr find’ ich sehr sympathisch“, sagt Emely. Sie sitzt mit einem Freund im Gras und verspeist gerade eine Käseschnecke. Dass die amtierende Bürgermeisterin „so sozial“ sei und einen großen Teil ihres Gehalts weitergebe, gefällt ihr. Brutto verdient Kahr 16.786,80 Euro im Monat, für sich behält sie 2300 Euro netto. Der Rest fließt nach eigenen Angaben an Menschen in Not. Auch deshalb werde Emely voraussichtlich KPÖ wählen, erzählt die 21-jährige Soziologiestudentin.
Am 28. Juni ist Gemeinderatswahl in Graz. Und Graz tickt politisch anders als der Rest Österreichs. Während das Land nach rechts rückt und in der Steiermark ein blauer Landeshauptmann mit der ÖVP regiert, sitzt in der Landeshauptstadt eine Kommunistin im Bürgermeisterinnenbüro. Seit 2021 regiert Elke Kahr die zweitgrößte Stadt Österreich, damals löste sie überraschend Langzeitbürgermeister Siegfried Nagl von der ÖVP ab. Seither führt die KPÖ gemeinsam mit Grünen und SPÖ das Rathaus.
Für viele Grazer:innen ist das längst Alltag. Für Menschen von außen klingt es noch immer ungewöhnlich: KPÖ stärkste Kraft, Kahr Bürgermeisterin, eine linke Koalition im Rathaus. Aktuelle Umfragen sehen Kahr erneut vorne. Auf dem Stimmzettel stehen neben KPÖ, ÖVP, Grünen, FPÖ, SPÖ, NEOS und KFG (Bürgerliste Korruptionsfreies Graz) auch das Demokratische Bündnis Österreich (DBÖ), die Liste GAZA, die Piratenpartei und die MFG (Menschen Freiheit Grundrechte).
„Setzen die auf die Dummheit der Wähler?“
Auf der anderen Seite des Uni-Gebäudes sitzen Sebastian* und Julian auf einer Bank. Fragt man sie nach der Grazer Politik, lachen sie erst einmal laut los. Ein paar Sekunden lang kriegen sie sich kaum mehr ein. Dann sagt Sebastian, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben will: „Ich kann mich mit keiner einzigen Partei identifizieren.“ Er betont dabei jedes Wort und man merkt: Er hat gleich noch viel mehr zum Thema zu sagen. Was ihm nicht gefällt: Dass die Grünen für weniger Autoparkplätze sind – er ist sowohl mit Auto als auch mit Rad und Öffis unterwegs. Dass die SPÖ sich das Gesundheitsthema auf die Fahnen geheftet hat, obwohl das Landessache ist – „setzen die auf die Dummheit der Wähler oder was?“ Dass die ÖVP Graz den „Schuldenberg“ beschert hat. Dass die KPÖ nur Geld ins Sozialressort steckt und die anderen Ressorts vernachlässigt. Der Vollständigkeit halber ergänzt der 20-jährige Biomedizintechnik-Student: „Und das mit den Neoliberalisten hat noch nie funktioniert und die FPÖ ist rechtsextrem.“
Das Thema Verkehr beschäftigt ihn und Julian mitunter am meisten. Sie wohnen beide am Stadtrand. „Ich brauch zu Fuß 20 Minuten zur nächsten Öffi-Haltestelle“, beschwert sich Sebastian. „Das Parkticket ist billiger als die Öffis“, ergänzt Julian, 21, Lehramtsstudent. Auch über die Wohnkosten machen sich die beiden Grazer Sorgen. „Selbst im Speckgürtel schießen die Preise in die Höhe. Aber ich bezweifle, dass die Stadt da viel machen kann, die Baukosten sind halt auch hoch“, sagt Julian. Von den Spitzenkandidat:innen kennen Julian und Sebastian nur Elke Kahr. Sie finden den aktuellen Wahlkampf „peinlich“, wie die sich „teils gegenseitig anschreien und angreifen, ein bisschen mehr Augenhöhe und Rückgrat wäre schön“.
Jana sieht das ähnlich. Vor ihr steht ein Eistee, ihre Freund:innen sitzen um sie herum. Die gebürtige Grazerin, 24, studiert Nachhaltigkeitswissenschaften und schwankt zwischen KPÖ und Grünen. Eine riesige Parkgarage in der Innenstadt brauche sie nicht – eher grüne Räume, Radwege, ein gutes Straßenbahnnetz. Nachhaltigkeit sei ihr wichtig, „für unsere Generation und die nächste“. Als junger Mensch fühlt sie sich von der Politik „nicht wirklich beachtet“. Wen sie „sicher nicht“ wählen wird: die FPÖ. „Die Hälfte meiner Familie kommt aus dem Ausland. Und ich finde es wichtig, dass man bestimmte Gruppen nicht einfach ausgrenzt, dadurch lösen sich ja keine Probleme. Man kann Kompromisse finden. Jeder sollte sich willkommen fühlen und integrieren können.“
Kein Postkartenpark
Sechs Bushaltestellen und sechs Minuten Fußweg weiter bekommt dieser Satz noch einmal eine andere Bedeutung. Im Volksgarten im Bezirk Gries treffen sich die verschiedensten Bevölkerungsgruppen, viele sozial schwächer gestellt, einige mit Migrationsgeschichte. Der Park ist kein Postkartenpark. Zwischen Bäumen, Bänken, Spielplatz und öffentlichem WC mischen sich Jugendliche, Familien, ältere Männer, Skater und Menschen, die einfach nur kurz irgendwo sein wollen. Seit Juli 2024 ist der Volksgarten Schutzzone, die Polizei kontrolliert regelmäßig. Und doch hängt über dem Ort dieser Ruf: Drogenhandel, Unsicherheit, Ärger. Wer hier durchspaziert, merkt schnell, wie viel in Bewegung ist – Grüppchen, die kommen und gehen, Blicke, kurze Gespräche. Ein Park, in dem sich die Stadt verdichtet.
Hassun ist einer von denen, die hier Pause machen, er steht mit seinen Freunden am Rande des Parks unter einem Baum zusammen. Er ist einer von den „Ausländern“, wie er selbst sagt. Der arabischstämmige 19-Jährige will nicht zu viel über sich verraten, er fürchtet Anfeindungen. Seit fast drei Jahren sei er hier, er gehe zur Schule und wolle später Elektriker werden. Er würde sich wünschen, wählen zu dürfen, aber er hat die Staatsbürgerschaft nicht. Seine Stimme würde er der SPÖ geben. „Die sind nicht gegen Ausländer, habe ich in der Schule gehört.“ Was er sich wünschen würde: „Dass nicht alle denken, alle Ausländer sind gleich.“
Wie Hassun dürfen rund 48.000 Menschen, die in Graz leben, nicht wählen. Sie besitzen weder die österreichische noch eine EU-Staatsbürgerschaft. Das sind 16 Prozent der Bevölkerung in Graz – jede sechste Person. Für sie gibt es zumindest den Migrant:innenbeirat, den sie ebenso am 28. Juni wählen können. Er berät den Gemeinderat.
Während Hassun gerne mitentscheiden würde, aber nicht darf, ist es bei Leon umgekehrt. Er dürfte. Aber er sieht keinen Grund. Viele, die wählen dürften, gehen nicht wählen. Bei der vergangenen Gemeinderatswahl 2021 lag die Wahlbeteiligung bei 54 Prozent, fast jede zweite wahlberechtigte Person gab keine Stimme ab. Leon wird diesmal eine dieser Personen sein. Er skatet gemeinsam mit Tom und Antoine am anderen Ende des Volksgartens. „Das Wählen ist mir die Zeit nicht wert“, erklärt der 18-Jährige, der Fahrzeugtechnik studieren will. Er würde nur wählen, wenn es etwas Schlimmes zu verhindern gäbe, aber das sei nicht der Fall.
Antoine, 19, kommt aus Hartberg, hat in Graz also keine Stimme. Tom will sein Kreuzerl schon setzen, für wen weiß er aber noch nicht. „Jedenfalls nicht der FPÖ, die ist mir ein bisschen zu rechts.“ Was die Jugendlichen sich wünschen würden, klingt weniger nach Parteiprogramm als nach Alltag: mehr Skateparks, mehr Grünflächen, mehr Sportangebote für junge Menschen und Gratis-Öffis.
Teufelskreis Kinderbetreuung
Von Gries weiter nach Westen, nach Reininghaus. Dort wirkt Graz plötzlich wie eine Stadt, die gerade noch erfunden wird. Das größte Stadtentwicklungsgebiet von Graz erstreckt sich über Teile der Bezirke Gries, Eggenberg und Wetzelsdorf. Hohe Häuser, breite Wege, junge Bäume, Parks, Wasserflächen mit Seerosen, dazwischen noch viel Leere. Alles ist neu, geplant, ein bisschen unfertig. Ein Versprechen aus Beton, Glas und Grün: So könnte Stadt nach Plan einmal funktionieren.
Gegenüber eines Supermarkts sitzt Alja mit einer Arbeitskollegin auf einer Steinbank und zieht an ihrer Heets-Zigarette. Sie ist Verkäuferin und macht gerade Pause. Sie kann wählen. „Aber für wen?“, fragt sie, lacht und schüttelt den Kopf. „Alle versprechen viel, aber machen sie das dann auch?“
Am meisten wünscht sich die 34-Jährige mehr Unterstützung für Mütter, vor allem Kinderbetreuungsplätze. Ihr Mann und sie seien mit ihrer zweijährigen Tochter allein, 2014 seien sie aus Bosnien nach Graz gekommen, die Familie sei dortgeblieben. Ihr Mann arbeite Gleitzeit, deswegen gehe es jetzt irgendwie. Aber wie lange, sei die Frage. „Es scheint wie ein Teufelskreis. Wenn ich keinen Kinderbetreuungsplatz habe, muss ich kündigen, und wenn ich keine Arbeit habe, bekomme ich keinen Kinderbetreuungsplatz.“ Am ehesten könne sich Alja vorstellen, SPÖ oder KPÖ zu wählen. Elke Kahr findet sie „sehr menschlich“. Graz gefalle ihr als Stadt gut, es sei klein, aber fein.
Ein Stück weiter haben sich Alina und Ghazal Gemüse, Hühnchen und Reis in Boxen vom Asiaten geholt. Sie sitzen im Schneidersitz auf Holzbänken, hinter ihnen der Park, das Wasser, die Seerosen. Bald werden sie ihre Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege abgeschlossen haben. Was sie sich von der Stadt wünschen? „Mehr nice life“, sagen sie. Das bedeutet für sie: eine lebendigere Stadt mit mehr unterschiedlichen Veranstaltungen und konsumfreien Räumen, in denen man drinnen chillen kann. Alina ist außerdem für eine autofreie Innenstadt und den Ausbau von Öffis und Radwegen. „Die Öffis sind immer verspätet, egal wann und wohin man fährt.“ Auf keinen Fall wählen würde sie FPÖ und ÖVP. „Weil ich mich mit den Ansichten nicht identifizieren kann. Es wäre so, als würde ich als Frau gegen meine eigenen Rechte wählen, und das will ich nicht.“
Was zählt
Drei Orte, drei Stimmungsbilder – und doch scheint diese Wahl für junge Menschen überall einem ähnlichen Ton zu folgen: Er klingt nicht nach Parteitaktik oder Koalitionslogik, sondern nach dem, was das Leben im Alltag ausmacht. Nach Miete und Öffi-Intervallen. Nach Kinderbetreuungsplätzen, die es nicht gibt, und Skateparks, die fehlen. Nach der Frage, wer in dieser Stadt vorkommt, wer dazugehört, wer überhaupt wählen darf – und wer schon längst aufgehört hat, es zu tun. Oder eben in Ghazals Worten: Es geht um den Wunsch nach mehr „nice life“.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
Junge Menschen an verschiedenen Orten in Graz:
- Uni: Emely (21), Sebastian* (20) und Julian (21), Jana (24)
- Volksgarten: Hassun (19), Tom (18), Leon (18) und Antoine (19)
- Reininghaus: Alja (34), Alina (21) und Ghazal (28)
*Name von der Redaktion geändert
Daten und Fakten
- Am 28. Juni findet die Grazer Gemeinderatswahl statt. Umfragen sehen Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ), die 2021 überraschend Platz eins holte, erneut vorne. Für die ÖVP tritt Stadtrat Kurt Hohensinner an, für die Grünen Vizebürgermeisterin Judith Schwentner. Die SPÖ geht mit Doris Kampus als Listenerste in die Wahl. Für die FPÖ kandidiert René Apfelknab, für die NEOS Klubchef Philip Pointner. Der Korruptionsfreie Gemeinderatsklub (KFG) tritt mit Stadträtin Claudia Schönbacher und Gemeinderat Michael Winter als Doppelspitze an.
- Bei der Gemeinderatswahl 2021 kam die KPÖ auf 28,8 Prozent, die ÖVP auf 25,9 Prozent, die Grünen auf 17,3 Prozent. Dahinter folgten FPÖ mit 10,6 Prozent, SPÖ mit 9,5 Prozent und NEOS mit 5,4 Prozent. Im Gemeinderat hält die KPÖ derzeit 15 Mandate, die ÖVP 13, die Grünen neun, die SPÖ vier und die NEOS zwei. Von den ursprünglich fünf FPÖ-Mandaten ist nach der Finanzcausa nur eines im FPÖ-Klub geblieben: Drei Mandatare gehören heute dem KFG an, Mario Eustacchio ist klublos.
Quellen
- graz.at: Informationen zur Gemeinderatswahl 2026
- graz.at: Wahlergebnisse Gemeinderatswahl Graz 2021
- graz.at: Migrant:innenbeirat
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- ORF Steiermark: Die Spitzenkandidaten im Gespräch
- Kleine Zeitung: Der große Fakten-Check zur Graz-Wahl
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