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Wir steigern das Bruttoinlandsprodukt

4 Min
Georg Renner schreibt jede Woche einen sachpolitischen Newsletter. Am Samstag könnt ihr den Beitrag online nachlesen.
© Fotocredit: Georg Renner

Die durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Person sinken, doch wie sieht es mit der Produktivität in der verbliebenen Arbeitszeit aus?


Auf den Newsletter vergangene Woche – es ging um Arbeitszeit und darum, dass die Menschen in Österreich zwar in Summe immer mehr Stunden arbeiten, pro Person im Schnitt aber immer weniger - habe ich ungewöhnlich viel Feedback bekommen. Das hat mich gefreut (in dem Fall war es großteils positiv, aber jede Kritik ist ebenso willkommen), auch deshalb, weil mit besagtem Feedback die Frage bzw. Anregung verbunden war, doch bitte auch den Faktor Produktivität anzuschauen.

Das tue ich natürlich gern.

Vorausgeschickt: Dass ich die Daten dazu nicht schon im letzten Text mitgenommen habe, liegt daran, dass ich die Frage nach der Arbeitszeitentwicklung zunächst einmal für sich allein betrachten wollte. Das kann man hinterfragen, denn klar gibt es einen Zusammenhang zwischen den Faktoren wie viel/wie lang wir arbeiten (gemessen in Arbeitszeit), was wir in dieser Arbeitszeit leisten (Produktivität) und dem Wohlstand, den wir in Österreich dadurch schaffen (dem Bruttoinlandsprodukt).

Ob man diesen Zusammenhang betont und die Daten stets gemeinsam liest – etwa in „wir produzieren pro Stunde mehr, also könnten wir alle ein bisschen weniger arbeiten“ oder ob man dagegenhält „ja, wir sind produktiver geworden, also wären wir reicher, wenn wir wieder mehr arbeiten würden“ – oder für sich nimmt, ist praktisch schon wieder Teil der politischen Debatte um Arbeit, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.

Also, zur Erinnerung: Ausgangspunkt der Debatte um mehr oder weniger Arbeit sind die sinkenden durchschnittlichen Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen, die in Österreich anfallen – hier die Grafik von vergangener Woche:

Also: Die Zahl der Wochenstunden, die in Österreich im Schnitt gearbeitet wird, nimmt aus unterschiedlichen Gründen – der wichtigste ist der Trend zur Teilzeit – ab. Die Gesamtzahl der gearbeiteten Stunden steigt aber, vor allem, weil Menschen in unsere Wirtschaft zuwandern und die Zahl der Erwerbstätigen dadurch (noch) steigt.

Und jetzt die berühmte Produktivität, die in der Debatte auch immer wieder vorkommt – sie ist beispielsweise einer der Faktoren der „Benya-Formel“, die lange Zeit Ausgangspunkt der Kollektivvertragsverhandlungen war: Richtwert für die Lohnerhöhung wäre demnach Inflation plus die Hälfte des Produktivitätszuwachses.

Produktivität misst man – zum Beispiel die Statistik Austria – indem man das BIP, also die Summe der Wertschöpfung in Österreich, in Verhältnis zur Zahl der gesamt geleisteten Arbeitsstunden setzt. Dieser Wert steigt historisch gesehen üblicherweise, weil Technologien es uns einfacher machen, mit dem gleichen Stundeneinsatz mehr zu leisten – denkt an den Einsatz von Computern zum Beispiel – , weil Firmen dank Wettbewerb effizienter werden oder weil die Arbeitskräfte besser ausgebildet sind.

Und so hat sich die Produktivität in Österreich in den vergangenen Jahren entwickelt:

Das schaut auf den ersten Blick recht erfreulich aus – aber wenn man genauer hinsieht, sehen wir, dass die rasche Produktivitätsentwicklung in Österreich bereits mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Seit Mitte der Zehnerjahre wächst die Produktivität kaum mehr, von 2022 auf 2023 ist sie sogar wieder leicht gesunken. Von einem enormen Produktivitätszuwachs, der große Sprünge in Sachen Wohlstand bei weniger Arbeit erlauben würde, ist da wenig zu sehen – zumindest, wenn man es über alle Branchen hinweg betrachtet.

Dazu kommt, dass eine andere Kennzahl deutlich stärker gestiegen ist:

Die dunklen Balken zeigen die Entwicklung der Lohnstückkosten. Das ist das Verhältnis der Gehälter, die Arbeitnehmer:innen pro Stunde bezahlt bekommen, zur Produktivität – und die Grafik zeigt recht deutlich, dass seit Mitte der Zehnerjahre die Gehälter in Österreich weit schneller gewachsen sind als die Produktivität im Land. Und ganz besonders natürlich in den vergangenen Jahren, in denen die Inflation (und mit ihr die Gehaltsabschlüsse) weit nach oben geschossen ist.

Also, die Entwicklung der vergangenen Jahre kurz zusammengefasst: Wir arbeiten insgesamt deutlich weniger, sind dabei ein bisschen produktiver, vor allem aber viel teurer geworden. Ob das so weitergehen kann?


Infos und Quellen

Genese

Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte. Diese Woche hat ihn eine Studie des Fiskalrats besonders beschäftigt.

Quellen

Statistik Austria: Arbeitsproduktivität (Excel Tabelle zum Download)