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Wird der Zentralfriedhof zum Wurstelprater?

7 Min
Ein illustrierter Grabstein auf den mehrere Münzen fliegen.
Der Zentralfriedhof ist als Open-Air-Museum bei Tourist:innen sehr beliebt. Auch Wiener:innen nutzen das Areal zur Naherholung.
© Illustration: WZ

Am Wiener Zentralfriedhof müssen Tourist:innen seit heuer Eintritt zahlen. Begründung: So soll Overtourism vermieden werden. Denn die Ruhestätte wird immer mehr zum Event-Ort. Doch wem gehört der legendärste Friedhof Österreichs?


„Der Eintritt is' für Lebende heit' ausnahmslos verboten“, singt Wolfgang Ambros in seinem Hit „Es lebe der Zentralfriedhof.“ So weit ist es zwar noch nicht, aber um die zahlreichen Tourist:innen in den Griff zu bekommen, müssen Fremdenführer:innen seit Anfang Jänner drei Euro pro Besucher:in an den Friedhof abgeben. Das sorgt für Aufregung.

An einem trüben Sonntag im Februar findet sich gemächlich eine Gruppe von Friedhofsinteressierten am Tor 2 am Zentralfriedhof in Simmering ein. Im Souvenir-Shop durchstöbern sie die Angebote: Ein Glas Friedhofshonig kostet zwölf Euro, ein T-Shirt mit dem Spruch „Ich laufe, bis ich schnaufe“ in Neongrün ist für 19,90 Euro zu haben, die Friedhofskarte zur Orientierung gibt es für zwei Euro. Fotos werden geschossen. „25 Euro bekomme ich bitte von Ihnen“, sagt die Fremdenführerin, als endlich 20 Besucher:innen für die Tour beisammen sind. Voriges Jahr seien es 20 Euro gewesen. „Aber mit dem Eintritt von drei Euro und der Inflationsanpassung sind es nun 25 Euro.“ Die Tourist:innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich nehmen es hin. „Alles wird teurer“, murmelt ein Mann zu seiner Ehefrau.

Ein Foto vom Grab von Johann Strauss (Vater).
Von Beethoven bis Falco — die rund 1.000 Ehrengräber am Zentralfriedhof ziehen Tourist:innen und Lokalbevölkerung an.
© Fotocredit: Anja Stegmaier

Seit dem 1. Jänner 2024 hat die Friedhöfe Wien GmbH einen „Solidaritätsbeitrag“ eingeführt. Drei Euro hebt das Unternehmen pro Besucher:in, der/die den Friedhof im Rahmen einer geführten Gruppe betritt, ein. Einzelne Grabbesucher:innen, Läufer:innen oder Spaziergänger:innen zahlen nichts. Die Friedhöfe GmbH will damit gegen die steigenden Tourist:innenzahlen vorgehen. Mit den Einnahmen will das Unternehmen zudem die Mehrkosten für WC-Reinigung und Müllentsorgung finanzieren. Die Fremdenführer:innen müssen sich künftig von der Friedhöfe Wien GmbH akkreditieren lassen. Gegen 70 Euro und die Beantwortung von 50 Multiple-Choice-Fragen gibt es einen blauen Ausweis, den die Guides am Gelände sichtbar tragen müssen.

„Wir wissen, dass wir gute Umsätze ermöglichen“

„Das ist Schikane und Abzocke“, beschwert sich ein Fremdenführer gegenüber der WZ. Schwarze Schafe zu verhindern und illegale Führungen zu unterbinden sei in Ordnung, aber staatlich geprüfte Fremdenführer:innen hätten ohnedies dafür ihre Ausbildung absolviert, sagt er. Das Gewerbe ist reglementiert, in Österreich dürfen Fremdenführer:innen nur mit Ausweis Gruppen führen. Für den Guide, der seit Jahrzehnten in Wien arbeitet, haben die kostenpflichtige Akkreditierung und die Eintrittsgebühr nichts mit Qualitätssicherung zu tun. „Die Argumentation ergibt keinen Sinn“, ist der Tourguide verärgert.

Ein Foto vom Eingang am Zentralfriedhof.
Beim Pförtner am Tor 2 gibt es Informationen und Souvenirs.
© Fotocredit: Anja Stegmaier

Renate Niklas versteht die Aufregung nicht. Die Geschäftsführerin der Friedhöfe GmbH sagt zur WZ, dass sie mit dem neuen System nun eine Übersicht darüber habe, wer auf den städtischen Friedhöfen gewerblich führe. Und dass diese Guides künftig Fragen zu den Friedhöfen mit aktuellen Informationen beantworten könnten. „Eine Regelung zu erlassen ist das Hausrecht der Friedhöfe Wien. Fremdenführer:innen brauchen auch eine Akkreditierung für andere Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir haben hier nichts Neues erfunden“, rechtfertigt Niklas die neue Regelung. Die Hoffnung der Geschäftsführerin, dass mit der Maßnahme die Anzahl der Touristengruppen reduziert wird, hat sich bisher nicht erfüllt. „Ich habe gehofft, dass sich eine kleine Gruppe von 15 bis 20 Guides auf die Führungen am Friedhof spezialisiert. Bisher haben wir aber 235 Akkreditierungen und es werden immer mehr“, sagt Niklas. Die Geschäftsführerin betont, dass sie die Gebühr nicht von den Tourist:innen will, sondern diese sich als Umsatzbeteiligung an den Einnahmen der Fremdenführer:innen ausrichtet. „Wir wissen, dass wir als Touristenmagnet gute Umsätze ermöglichen. Da ist es nicht zu viel verlangt, dass die Tourguides einen Beitrag an den Friedhof abgeben.“

„Friedhöfe sind öffentliche Räume“

Die Besucher:innengruppe hat sich mittlerweile in Bewegung gesetzt. Zwei Stunden lang gibt es Geschichten über den Friedhof, Fakten über Ehrengräber und Anekdoten zu Künstler:innen in exzentrischen Gräbern. Der Zentralfriedhof ist flächenmäßig der zweitgrößte Friedhof Europas und Nummer eins bei der „Einwohner:innenzahl“. Rechtlich gehört der Zentralfriedhof zu den Wiener Stadtwerken, der Grund gehört der Stadt Wien. Es fährt sogar eine eigene Buslinie über das Areal, das so groß ist wie 36 Fußballfelder und in dem mehr als drei Millionen Menschen beerdigt sind. Darunter mehr als 1.000 in Ehrengräbern, wie Ludwig van Beethoven, Udo Jürgens, Hedy Lamarr, Tina Blau oder Falco.

Ein Foto von Blumen vor einem Grab.
Zwischen pilgernden Fans, wie hier am Grab von Udo Jürgens, und als Ort des Gedenkens und Trauerns sucht der Zentralfriedhof nach seiner Zukunft.
© Fotocredit: Anja Stegmaier

Die Totenstätte ist für zahlreiche Wien-Tourist:innen ein beliebtes Ziel. Michael Getzner von der TU Wien hält daher Maßnahmen gegen Overtourism grundsätzlich für sinnvoll. „Die neue Eintrittsregelung hat aber bezüglich der Tourist:innenzahlen einen Einnahmen- und keinen Lenkungscharakter“, sagt der Stadtplaner. Dafür sei der Betrag von drei Euro zu gering. Zumal der Verwaltungsaufwand dafür größer erscheine, als die Einnahmen hereinspielen würden, so der Ökonom. „Ein Friedhof ist kein Unternehmen im klassischen Sinn, sondern eine Art Betrieb der Stadt Wien in einer privatwirtschaftlichen Hülle. Friedhöfe sind öffentliche Räume.“ Ein Ort der Ruhe ist der Zentralfriedhof aber immer weniger.

Tausende Fans stehen vor der Dr.-Karl-Lueger-Kirche gleich bei der Präsidentengruft und klatschen und jubeln Wolfgang Ambros zu, als dieser ansetzt, „Es lebe der Zentralfriedhof“ zu singen. Einmal im Jahr veranstaltet der Friedhof ein Gratis-Open-Air-Konzert. Geschäftsführerin Renate Niklas betont immer wieder, dass sie Leben auf die Friedhöfe bringen will. Es gibt Leih-E-Bikes, mit denen das Areal erkundet werden kann, Urban Gardening für Bestands-Kund:innen, zwei Laufstrecken und Qi Gong für Sportliche, Architekturführungen, Foto-Ausstellungen in der Outdoor-Galerie, nächtliche Führungen für Gruselbegeisterte und am Ende: Einkehr in die Konditorei Oberlaa, die erst kürzlich ihre Terrasse vergrößert hat.

Was soll ein Friedhof sein?

Das klingt nach einem Widerspruch. Tourist:innen bitte weniger, Lokal-Bevölkerung mehr. Doch an den Führungen am Friedhof nehmen auch gern Wiener:innen teil. Und die will Renate Niklas ganz und gar nicht verprellen.

Gestorben wird zwar immer, aber klassische Bestattungen gehen zurück. Statt massiver Särge, Erdbestattungen und opulentem Blumenschmuck geht der Trend hin zur Feuerbestattung. Die Bio-Urne darf dann am Waldfriedhof verrotten. Das ist schlicht und relativ günstig. Noch günstiger ist es, die Urne nach Hause zu nehmen oder im eigenen Garten zu bestatten.

Ein Foto vom Zentralfriedhof.
Der Waldfriedhof am Zentralfriedhof ist fast 10.000 Quadratmeter groß mit altem Baumbestand und beliebt bei Spaziergänger:innen, die Ruhe suchen.
© Fotocredit: Anja Stegmaier

„Wenn Wiener:innen den Friedhof nicht als Lebensraum, als Ort der Begegnung, der Erinnerung wahrnehmen, sondern nur als traurigen Ort, dann wird es der Friedhof über die nächsten Jahrzehnte nicht mehr machen“, sagt Niklas. Sie will, dass die Friedhöfe eine attraktive Fläche für die regionale Bevölkerung sind, damit diese sich für eine Bestattung ebendort entscheiden. Die Resonanz auf die Veranstaltungen und Angebote sei positiv, sagt Niklas.

„Wenn ich Action will, geh ich in den Wurstelprater"

Ich frage eine Spaziergängerin. Wie findet sie das breite Angebot der Wiener Friedhöfe? „Für mich ist das Erholung hier. Das Grün, die Weite, die Stille. Ich will in Ruhe spazieren. Wenn ich Action will, geh ich in den Wurstelprater“, sagt die Wienerin. Am Grab von Musik-Legende Falco steht eine junge Frau aus Deutschland. Ich frage sie, ob sie sich vorstellen kann, hier beerdigt zu werden. „Das wäre schon cool", sagt sie. Vielleicht unterschätzen die Friedhöfe Wien das Potenzial der Tourist:innen als mögliche „Neukund:innen". Denn man muss nicht Wiener:in sein, um sich ein Platzerl am Zentralfriedhof zu sichern.

Friedhöfe gehören zu den letzten Ruheorten in der Stadt. Die insgesamt 5,2 Quadratkilometer Grünflächen in Wien sind auch Lebensraum für viele Tiere. Der Erholungsdruck der Stadtbewohner:innen steigt. Viele Trauernde suchen stille Orte im Alltagstrubel, an denen sie aus der Zeit fallen dürfen. Ab und zu nicht mit dem Funktionieren und der Schnelllebigkeit konfrontiert werden. Zwischen Overtourism und Events für die Wiener:innen sucht der legendärste Friedhof Österreichs nach seiner Zukunft. Nach seinem Platz im Leben und Sterben der Menschen.