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Österreich ist ein Bierland, das wird selten so deutlich wie in Freistadt. Wer dort ein Altstadthaus besitzt, hat auch Anteile an der Brauerei. Das ist seit 1770 so. Früher wurden diese Anteile in Bier ausgezahlt.
Der Geruch von süßlichem Malz und herbem Hopfen liegt wie ein Schleier über dem oberösterreichischen Freistadt. Die Sonne wärmt die mit Kopfsteinpflaster überzogenen Gassen und auf dem Hauptplatz versammeln sich die Menschen, um die ersten Frühlingssonnenstrahlen zu genießen. Wo auch immer man sich in der kleinen, von den letzten Resten einer Stadtmauer umrundeten Altstadt bewegt, man riecht die Geschichte, die eng mit der Bierbrauerei verknüpft ist. Denn Freistadt ist die letzte existierende Braucommune Europas.
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Freistadt und das Bier
„Braucommune bedeutet, dass das Eigentum von Anteilen der Brauerei mit dem Besitz von Häusern innerhalb der Stadtmauern verbunden ist“, erklärt Michael Raffaseder, Rechtsanwalt und Vorstand der Braucommune. So steht es im Grundbuch. Und damit werden die Freistädter Bürger:innen zu den Eigentümer:innen der hiesigen Brauerei.
Seit 1770 ist Freistadt eine Braucommune. Doch auch schon vorher spielten das Bier und das Brauen eine Rolle, so schreibt es Fritz Fellner im Buch „Freistadt, 800 Jahre Leben an der Grenze“. 1363 verlieh Herzog Rudolf IV. den Bürger:innen von Freistadt das Braurecht. Bürger:in war, wer ein Haus in der Stadt besaß. Sie durften in den zwölf Brauhäusern der Stadt ihr eigenes Bier brauen, konsumieren oder verkaufen. Die Menge hing vom Kauf- oder Schätzwert ihres Hauses ab.
Mitte des 18. Jahrhunderts entschieden sich die Bürger:innen zur Wahrung der Eigeninteressen dann gemeinsam dazu, eine Brauerei außerhalb der Stadtmauern zu kaufen. Und genau in diesem Kaufvertrag steht die Verbindung des Besitzes von Häusern in der Stadt mit Brauerei-Anteilen festgeschrieben. Die 149 Häuser, die sich damals innerhalb der Stadtmauern befanden, bilden heute die Altstadt. Ihre Anzahl hält sich nach wie vor.
Eimer, Bier und Ausschüttung
Für das eigens investierte Geld bekam man von der Brauerei auch etwas zurück: Bier. Denn die Eigentumsanteile wurden an die Brauinteressenten, so nennt man die Eigentümer:innen, in Naturalien ausgezahlt. Anders als in den meisten Unternehmen werden die Anteile nicht in Prozent bemessen, sondern in Eimern. Das ist ein historisches Hohlmaß – ein Eimer sind 56 Liter. Insgesamt besteht die Brauerei aus 6.390 Eimern. Wie viele Eimer jedem Haus zugeschrieben sind, hängt von dessen Größe ab und ist folgendermaßen geregelt: Ein Haus kann nicht weniger als 15 und nicht mehr als 140 Eimer haben.
Schon seit einigen Jahrzehnten bekommen die Freistädter:innen kein Bier mehr, sondern Geld. Die Messeinheit wurde allerdings beibehalten, auch heute noch spricht man von Eimern. Wie viel die Freistädter:innen jährlich an Geld bekommen, wird nicht verraten. Der Geschäftsführer der Brauerei, Paul Steininger, sagt aber: „Die Ausschüttung, die wir machen, ist sehr moderat.“ Er erklärt, dass es eine Stärke dieser Eigentumsform sei, das meiste Geld ins Unternehmen selbst investieren zu können.
Eine wechselseitige Wirkung
Was bedeutet es, wenn eine ganze Stadt eine Brauerei besitzt? Die Eigentümer:innen haben neben den Eimern auch ein Stimmrecht. Einmal jährlich findet eine Brauinteressentenveranstaltung statt, in der über das vergangene Geschäftsjahr berichtet wird. Und sollte den Eigentümer:innen nicht passen, was der Geschäftsführer macht, so hat der Vorstand als oberster Eigentümer:innenvertreter das Recht, zu intervenieren.
Der Besitz der Brauerei hat auch eine finanzielle Wirkung. Raffaseder beschreibt diese als wechselseitig: „Geht es der Braucommune gut, geht es letztlich auch den Eigentümern gut, weil sie nicht nur entsprechende Auszahlungen bekommen, sondern weil auch der Wert ihrer eigenen Immobilie dementsprechend steigt.“ Diese Entwicklung beobachtet er vor allem innerhalb der letzten 15 Jahre.
Steininger erzählt, dass er von Zeit zu Zeit auch Anrufe von Kaufinteressent:innen bekommt, die nachfragen, wie viele Eimer einem Haus, an dem sie interessiert sind, zugeschrieben sind. Während früher traditionell weitervererbt wurde, so wird mittlerweile auch viel verkauft. Allerdings gebe es aktuell kaum Angebote am Markt, so Raffaseder, „weil die Leute stolz sind, Miteigentümer der Braucommune zu sein.“
Nur das Innere zählt
Eine symbolische Bedeutung hat die Braucommune auch. Stolz seien die Freistädter auf ihre Brauerei, so beschreiben es Vorstand und Geschäftsführer. Auch eine gewisse Verbundenheit spüre man. Deshalb sei es auch wichtig, die Werte des Betriebs in Einklang mit jenen der Bürger:innen zu bringen. Steininger sagt: „Es ist sicher nicht dasselbe, wie wenn man um ein paar Tausend Euro Aktien von irgendeinem Unternehmen hat. Ich glaube schon, dass der Mitbesitz an der Brauerei einen sehr viel höheren, auch immateriellen, Wert hat.“ Er sehe demnach auch einen Kulturauftrag in der Brauerei.
Die Sonne scheint noch immer warm auf das kleine Städtchen hinunter. Mit dem Drehen des Windes verfliegt der Biergeruch und trotzdem hält ein Hauch davon noch an. Die bunten Altstadthäuschen reihen sich zierlich und manchmal etwas schief aneinander. Einige sind neu gestrichen und aufgehübscht, anderen sieht man die Spuren der Zeit an. Beim Betrachten fragt man sich, wer wohl in ihnen gelebt hat und ob sie sich ausgemalt hätten, dass die Braucommune auch Jahrhunderte später noch immer existieren würde.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Michael Raffaseder ist Rechtsanwalt und Vorstand der Freistädter Braucommune.
- Paul Steininger ist Geschäftsführer der Freistädter Brauerei.
Daten und Fakten
- 1507 zerstörte ein Brand einige der Brauhäuser in Freistadt und nicht alle wurden wieder in Betrieb genommen. Daraufhin beschwerten sich die Bürger:innen über den Mangel an Brauhäusern. 1525 gab es dann zwölf Stück. (“Freistadt, 800 Jahre Leben an der Grenze”, Fritz Fellner)
- Inzwischen können zwischen den einzelnen Häusern Eimer ver- und gekauft werden. Doch das Minimum (15 Eimer) und das Maximum (140 Eimer) dürfen nicht unter- bzw. überschritten werden. (Paul Steininger)
- Die Braucommune ist durch ihre einzigartige Struktur vor externen Käufern geschützt. Würde man die Brauerei kaufen wollen, müsste ein großer Teil der Innenstadt ebenfalls gekauft werden. (Michael Raffaseder)
- In mehreren Kulturen war das Bierbrauen die Aufgabe von Frauen. In Mesopotamien, wo das Bier erfunden wurde, belegen Schrifttafeln, dass Frauen das Monopol beim Brauen und Verkaufen von Bier innehatten. Im mittelalterlichen England waren es die „Alewives“, die das Bier brauten und sich somit ein Einkommen sichern konnten. Und im Peru des 16. Jahrhunderts überlebten die Indio-Frauen dadurch die spanische Kolonialisierung. (Arte: Geniale Frauen: Die Erfindung des Bieres)
Quellen
- „Freistadt, 800 Jahre Leben an der Grenze“ von Fritz Fellner, Verlag Plöchl, 2013, 512 Seiten (ISBN: 9783901479861)
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