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Wo Wohnen und Drogen nebeneinander Platz haben

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Der Besitz der Substanzen ist im NEST so geregelt, dass er sich unter dem gesetzlich bestimmten Grenzwert befinden muss.
© Illustration: WZ

Wohnungslosigkeit und Stigmatisierung: Viele Menschen mit Suchterkrankungen enden in einer Sackgasse. Das NEST in Linz zeigt, wie Stabilität und Teilhabe dennoch möglich werden – der Konsum bleibt dabei Teil ihres Alltags.


„Wir schaffen für Menschen ein Zuhause, das sie schon lange nicht mehr, oder überhaupt noch nie, hatten“, sagt Brigitte Ortner, Leiterin des NEST in Linz. Das Übergangswohnhaus richtet sich an obdach- oder wohnungslose Menschen mit problematischem Substanzkonsum. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um intravenösen Konsum. Hier dürfen die Bewohner:innen konsumieren, aber nur im eigenen Zimmer und unter klar definierten Vorschriften. Der Besitz der Substanzen ist so geregelt, dass er sich unter dem gesetzlich bestimmten Grenzwert befinden muss.

Der Aufenthalt ist auf zwei Jahre befristet. In dieser Zeit werden persönliche Ziele gesteckt und Stabilisierungsmaßnahmen fokussiert. Wie diese genau aussehen, hängt laut Ortner von den jeweiligen Personen ab: „Wir sind nicht abstinenzorientiert. Das kann natürlich ein Ziel bei uns sein und wir unterstützen das, wenn jemand Abstinenz anstrebt. Wir versuchen individuell besonders die Gesundheitslagen und das Finanzielle zu stabilisieren.“ Das Wohnprojekt gehört zum Sozialverein B37 und wird im Auftrag der Abteilung für Soziales durch das Land Oberösterreich finanziert.

Diese Einrichtung stellt in Österreich noch eine Ausnahme dar und ist auf Skepsis gestoßen. „Die Ängste sind natürlich da. Einerseits aus Unwissen, andererseits aus einer gewissen Einstellung gegenüber Suchtkranken, die in Richtung Stigmatisierung geht: ‚Sollen doch aufhören‘ oder ‚sind selbst schuld‘. Das ist in Österreich noch sehr weit verbreitet“, sagt Thomas Schwarzenbrunner, Sucht- und Drogenkoordinator des Landes Oberösterreich. Schon im Vorfeld der Eröffnung von NEST habe es Diskussionen gegeben, wie man mit der Nachbarschaft umgehen soll und ob ein solches Projekt nicht ausufern könnte. Diese Bedenken seien berechtigt, sagt er, und nur durch Einbindung von Anwohner:innen und Exekutive auszuräumen gewesen.


Stigmatisierung erleben wir sehr stark.
Thomas Schwarzenbrunner

Unterschiedliche Maßstäbe

Ob und wie Menschen mit Suchterkrankungen integriert werden, hängt oft von der Substanz ab, die sie konsumieren. Während Alkoholabhängigkeit in der Gesellschaft weitgehend anerkannt ist, gilt für Menschen mit anderen Suchterkrankungen häufig das Gegenteil: Sie müssen ihren Konsum verbergen und tun dies häufig unter gefährlichen und unhygienischen Bedingungen. Diese Unterscheidung erschwert nicht nur die Gesundheitsversorgung, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe. Genau hier setzt das Wohnprojekt mit seinem akzeptanzorientierten Ansatz an.

Ein Haus, das Konsum nicht verurteilt

Im NEST leben aktuell 14 Menschen, aufgeteilt auf vier WGs. Jede:r hat ein Einzelzimmer, es gibt Gemeinschaftsräume und einen kleinen Garten. Der Substanzkonsum ist erlaubt, solange er im eigenen Zimmer stattfindet und die gesetzliche Eigenbedarfsmenge nicht überschreitet. In vielen anderen Einrichtungen müssen Betroffene ihren Konsum verschweigen, um ihren Wohnplatz nicht zu verlieren, hier ist das nicht nötig. Für die Verantwortlichen bedeutet das auch, den Menschen Wertschätzung entgegenzubringen. Sie erhalten einen sicheren Wohnraum, in dem ihre Abhängigkeit nicht tabuisiert oder bestraft wird.

Das Übergangswohnhaus ist rund um die Uhr besetzt. Das Team hat sein Büro im Erdgeschoss, während sich die Wohngemeinschaften in den oberen Stockwerken befinden. Die Mitarbeiter:innen sind im Alltag viel präsent, unterstützen die Bewohner:innen beim Kochen, begleiten sie zu Arztterminen und Behörden oder helfen ihnen bei organisatorischen Aufgaben. Auch zwischenmenschliche Begegnungen, wie ein Kaffee im Garten oder ein Gespräch zwischendurch, gehören dazu. Wer möchte, kann im Büro Konsumartikel tauschen. Das Konzept folgt klar dem Harm-Reduction-Ansatz: Der Konsum wird nicht zwingend aktiv begleitet, aber offen angesprochen. Risiken werden thematisiert, es gibt Beratung, und im Notfall ist jederzeit jemand per Knopfdruck erreichbar.

Wenn Ruhe zum Erfolg wird

„Manche Bewohner:innen waren jahrzehntelang wohnungslos und wohnen jetzt seit über einem Jahr stabil“, sagt Ortner. Viele hätten zuvor prekär bei anderen mitgewohnt, in Notschlafstellen übernachtet oder seien immer wieder aus Einrichtungen herausgefallen. Heute haben sie ein eigenes Zimmer und erleben erstmals seit Langem wieder ein stabiles Zuhause. Für sie ist vor allem bemerkenswert, wie ruhig und harmonisch das Zusammenleben in den WGs funktioniert. Es gab keinen einzigen Fall von Gewalt oder Hausverbot. Auch das Verhältnis zur Nachbarschaft hat sich verbessert: Statt Beschwerden über Spritzen im Stiegenhaus gibt es gemeinsame Treffen und offene Gespräche.

Nichts für alle

Trotz der Offenheit und Akzeptanz stößt auch das NEST an Grenzen. Nicht jede Person mit Suchterkrankung kann oder möchte sich auf die gemeinschaftlichen Regeln und Strukturen einlassen, die das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft erfordert. Wer hier wohnen will, muss bereit sein, sich in eine Gruppe einzufügen, Absprachen zu treffen und Verantwortung für gemeinsame Bereiche zu übernehmen. Für manche stellt genau dieser soziale und organisatorische Rahmen eine Hürde dar, sodass das Projekt nicht für jede:n passend ist. Ortner dazu: „Manche Leute bräuchten nur eine Notschlafstelle, die Konsum akzeptiert. Es bräuchte so viele verschiedene Angebote für diese Zielgruppe.“


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Infos und Quellen

Genese

WZ-Trainee Mimi Gstaltner ist während ihres Urlaubs in Kanada immer wieder auf Konsumräume gestoßen. Bei ihrer Recherche über die Situation von Konsumräumen in Österreich ist sie dabei dem Wohnprojekt NEST begegnet.

Daten und Fakten

  • NEST steht für Niederschwellige Einrichtung für Suchtthematik
  • Die akutellsten Schätzungen gehen davon aus, dass es in Österreich in etwa 36.000 bis 39.000 Personen mit risikoreichem Drogenkonsum unter Beteiligung von Opioiden gibt.
  • Opioidkonsum macht aktuell die Mehrheit des risikoreichen Drogenkonsums in Österreich aus.
  • Von risikoreichem Drogenkonsum spricht man, wenn der Konsum zu körperlichen, psychischen und/oder sozialen Problemen führt oder das Risiko dafür deutlich erhöht. Gemeint ist ein wiederholter Gebrauch, der Schäden wie Abhängigkeit, gesundheitliche Beschwerden, psychische Belastungen oder Schwierigkeiten im sozialen Umfeld nach sich ziehen kann. Entscheidend an dieser Definition ist, dass nicht die Substanz selbst, sondern vor allem die Art und Weise des Konsums darüber bestimmt, ob dieser problematisch ist oder nicht.
  • Bei den meisten Konsument:innen herrscht Mischkonsum vor, also der Konsum kombiniert mit anderen legalen und/oder illegalen Substanzen.
  • Menschen konsumieren Suchtmittel aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dahinter können grundlegende Bedürfnisse stehen, wie etwa das Verlangen nach Geborgenheit, Zugehörigkeit oder Entspannung, aber auch der Wunsch nach gesteigerter Leistungsfähigkeit. Problematisch wird der Konsum dann, wenn die betroffene Person ihn als einzige Möglichkeit erlebt, um diese Bedürfnisse zu stillen oder einen bestimmten Zustand zu erreichen.

Gesprächspartner:innen

  • Brigitte Ortner, Leitung NEST
  • Thomas Schwarzenbrunner, Leitung der Sucht- und Drogenkoordination in Oberösterreich

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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