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Ein lukratives Angebot, eine kaum auffindbare Denkfabrik und auffälliges Interesse an geopolitischen Themen. War die Anfrage nur ein dubioser Auftrag oder der Versuch, Einfluss zu nehmen?
In meinem Mailpostfach landen oftmals Nachrichten aus aller Welt. Anfragen für Interviews, mögliche Vorträge und Workshops. Artikel, die ich schreiben soll, Recherchen, die mich interessieren könnten. Es hat mich also anfangs nicht weiter erstaunt, als irgendeine Denkfabrik großes Interesse an meiner Person bekundete und von genau diesen Dingen sprach: Artikel und Interviews über die Lage in Afghanistan. Less responsive wie ich bin, habe ich erst einmal gar nicht geantwortet. Ein paar Wochen später meldete sich die Person aus dem „Research Center“, das sich mit „Zentralasien“ beschäftigt, ein weiteres Mal. Sie trug den Allerweltsnamen Aaron. Ich wollte mehr über Aaron und seinen Arbeitgeber erfahren – und fand so gut wie nichts.
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Dabei wurden mir keine schlechten Summen angeboten. Für einen Artikel wollten Aaron und seine Kolleg:innen je nach Umfang zwischen 500 und 2.000 US-Dollar bezahlen. „Not bad“, dachte ich mir zuerst. Ich recherchierte weiter und fand eine Instagram-Seite, die den Namen der besagten Denkfabrik trug. „We are new“, war Aarons Antwort, als ich mehr über sie wissen wollte. „Neu“ war allerdings der falsche Ausdruck. Tatsächlich wurde mir nach einem Blick auf das Instagram-Profil deutlich, dass „verdächtig hoch zehn“ der passendere Ausdruck gewesen wäre. Denn Aarons Denkfabrik postete ausschließlich Beiträge über Infrastrukturprojekte und andere Deals, die China mit dem Taliban-Regime in Afghanistan abgeschlossen hatte.
„Where are you based?“, wollte ich von Aaron wissen. „In Singapore“, antwortete er. Langsam läuteten bei mir die Alarmglocken. Denn ich hatte immer wieder gehört, dass in Singapur viele Cover-ups des chinesischen Geheimdienstes ansässig sind. Dazu gehören auch vermeintliche NGOs oder Denkfabriken, die mit Journalist:innen oder Wissenschaftler:innen zusammenarbeiten wollen. Dass Afghanistan für China eine zentrale strategische Bedeutung hat, ist kein Geheimnis. Dass man in Peking Geld und Ressourcen hat, um möglichst viele Menschen mit Kenntnissen über Land und Leute zu rekrutieren, wusste ich ebenfalls, und zwar aus Kabul. Dort hatte die chinesische Regierung bereits vor mehreren Jahren die Publikation von Büchern, die sich kritisch mit den USA und der NATO auseinandersetzen, gefördert.
Nachdem ich mir sicher war, dass Ähnliches auch bei Aarons Denkfabrik der Fall war, erlaubte ich mir einen Spaß. „I want $10,000 for a detailed article“, schrieb ich ihm. Wenn schon, denn schon! Vor allem, wenn ein potenzieller Geheimdienst rekrutieren will, oder? „We will discuss this“, schrieb mir Aaron. Danach hörte ich lange nichts mehr. Erst vor wenigen Tagen öffnete ich mein Postfach und sah eine neue Nachricht vom „Research Center“. „Hi Emran, we would love to work with you“, wurde mir da wieder geschrieben. Diesmal nicht von Aaron, sondern von Dan.
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Infos und Quellen
Genese:
Autor Emran Feroz meint, Ziel eines chinesischen Rekrutierungsversuchs geworden zu sein. Er wurde von einem Thinktank kontaktiert, der sich angeblich mit Zentralasien und Afghanistan beschäftigt. China unterhält seit Jahren gute Beziehungen zu den militant-islamistischen Taliban, die Afghanistan regieren. In den letzten Jahren gab es immer wieder Berichte über die Versuche des chinesischen Geheimdienstes, westliche Journalist:innen oder Wissenschaftler:innen mittels verlockender Angebote zu gewinnen. Meist werden hierfür Fake-Profile und Scheinfirmen und Thinktanks benutzt. Ein wichtiger Schauplatz dieser Geschehnisse ist Singapur.
Berichte in anderen Medien:
- Erst vor wenigen Wochen warnte der britische Geheimdienst MI5 vor chinesischen Agenten auf LinkedIn. Auf der Plattform kam es zu mehreren Rekrutierungsversuchen. Das Ziel waren britische Poliker:innen: MI5 spy agency warns Chinese agents are trying to recruit UK politicians on LinkedIn
- Auch in den USA hat der chinesische Geheimdienst Anfang des Jahres kurz nach der von Donald Trump und Elon Musk befeuerten Entlassungswelle zahlreicher Beamt:innen versucht, zu rekrutieren: Exclusive: Secretive Chinese network tries to lure fired federal workers, research shows
- In Singapur wurde aus einem PhD-Studenten ein Agent Chinas, der sensible Informationen über das US-Militär sammeln sollte. Bekannt wurde der Fall 2020: How a Singaporean man went from NUS PhD student to working for Chinese intelligence in the US
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