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Warum lieben die Girls und Gays den ESC so?

5 Min
In der 70-jährigen Geschichte des Eurovision Song Contest gab es einige ikonische Auftritte mit queerem Bezug.
© Illustration: WZ. Bildquelle: Wiki Commons

Die WZ-Reihe "What the Song Contest?" beantwortet die wichtigsten Fragen zum größten Musikevent der Welt – dem Eurovision Song Contest.


    • Der ESC ist für viele mehr als Musik: Bühne, Safe Space und Symbol für Vielfalt.
    • Queere Bezüge gab es schon früh, anfangs aber meist nur zwischen den Zeilen.
    • Mit Acts wie Dana International, Conchita und Nemo wurde queere Sichtbarkeit immer größer.
    • Viele Auftritte wurden für Fans zu prägenden Momenten der Selbstfindung.
    • Gerade Pop, Pathos und Offenheit machen den ESC bis heute zu einem queeren Kult-Event.
    • 1956: Dany Dauberson trat beim ersten ESC an und zählt zu den frühen Künstlerinnen mit queerer Biografie.
    • 1961: Jean-Claude Pascal gewann mit „Nous les amoureux“, einem Lied, das oft als versteckter Song über gleichgeschlechtliche Liebe gelesen wird.
    • 1998: Dana International gewann für Israel und schrieb als erste Trans-Siegerin ESC-Geschichte.
    • 2007: Marija Šerifović siegte mit einem Auftritt, der für viele als queerer Meilenstein gilt.
    • 2014: Conchita Wurst gewann für Österreich und wurde europaweit zum Symbol queerer Sichtbarkeit.
    • 2024: Nemo gewann für die Schweiz und machte nichtbinäre Identität beim ESC noch sichtbarer.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Der ESC ist für viele mehr als nur ein Musikwettbewerb: Er ist Bühne, Safe Space und queeres Großereignis zugleich. Jahr für Jahr wird hier gefeiert, was im Alltag oft noch erklärt werden muss – Identität, Vielfalt und Selbstbestimmung.

Wer war die erste queere ESC-Ikone?

Der ESC ist heute ein lautes, buntes Spektakel für alle Menschen. Aber schon zu Zeiten von Orchester und Schwarzweißbild waren queere Persönlichkeiten Teil des Events, erhielten aber noch nicht die gleiche Sichtbarkeit wie heute: Menschen aus der LGBTQIA+-Community mussten in den 1950er- und 1960er-Jahren oft noch aufpassen, weil Homosexualität verpönt war. Die Französin Dany Dauberson vertrat beispielsweise im allerersten „Grand Prix“ ihr Land 1956 mit dem Lied „Il est là“, also „Er ist da“.

Dass vielmehr „Sie ist da“ im Leben der Sängerin zählte, zeigte sich erst später. Dauberson lebte in Beziehungen mit Frauen und zeigte sich offen mit ihnen. Trotzdem wurde ihre Homosexualität immer nur vermutet und nie offen bestätigt. Auch der attraktive Luxemburger Jean-Claude Pascal sang 1961 in seinem Siegerlied „Nous les amoureux“ über zwei Verliebte, ohne deren Geschlecht zu nennen. Möglicherweise der erste ESC-Song über schwule Liebe, bestätigt wurde das aber nie. Diese Zurückhaltung wurde im weiteren Verlauf der ESC-Geschichte abgelegt.

Welche Auftritte wurden zu Meilensteinen der Community?

Im Jahr 1998 bringt Israel einen Act an den Start, der für viele Menschen aus der Community bis heute eine Art „gay awakening“ des ESC darstellt: Mit Dana International singt zum ersten Mal eine Transgender-Person beim Bewerb. Mit dem Song „Diva“ holt die Sängerin gleich auch den Sieg für ihr Land – gleichzeitig bringt sie aber auch völlig selbstverständlich Queerness in Millionen europäische Wohnzimmer.

Ein weiterer für die Community wichtiger Sieg findet 2007 statt: Die Serbin Marija Šerifović schmettert mit „Molitva“ ein emotionales Liebeslied auf der Bühne – begleitet von fünf Backgroundsängerinnen, die genau wie sie im schwarzen Anzug auftreten. Die Kombination aus queeren Codes und emotionaler Liebesballade kommt an – und ermöglicht der Sängerin, beim ESC im eigenen Land 2008 noch einen draufzulegen. In der Eröffnung des Finales tanzen Frauen in Kostümen, die halb Brautkleid und halb Anzug sind, und stellen Geschlechterrollen auf der Bühne in Frage. Šerifović outet sich erst später als lesbisch, tritt mit ihrem Sieg aber etwas los: Homosexualität ist in Serbien zwar seit 1994 legal, Antidiskriminierungsgesetze werden trotzdem erst 2009 erlassen.


In unserem Instagram Broadcast Channel "WZ Green Room" findest du alles rund um den ESC.

Auch in den deutschsprachigen Ländern hat der ESC mit selbstverständlichen Auftritten queerer Künstler:innen nicht nur für frischen Wind in den Wohnzimmern, sondern möglicherweise auch in den Parlamenten gesorgt. Der legendäre Auftritt von Conchita im Jahr 2014 führte sie zum Sieg und zu mehr Sichtbarkeit in Österreich. Am 1. Jänner 2019 öffnete das österreichische Parlament die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare.

Im Jahr 2024 brachte schließlich der Sieg von Nemo einen neuen Meilenstein für die Community. Nemo identifiziert sich als nichtbinär und möchte im Deutschen ohne Pronomen angesprochen werden. Viele Kommentator:innen und auch Journalist:innen lernten dadurch, wie man über Personen ohne oder mit individuell gewählten Pronomen spricht.

Und warum ist der ESC nun so ein queeres Event?

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte in dieser Liste „Dancing Lasha Tumbai“, eine absurde, glitzernde und bunte Drag-Techno-Nummer von Verka Serduchka, die im Jahr 2007 für die Ukraine antrat und wohl einige Menschen erstaunt vor dem Fernseher zurückließ. Viele Schwule bezeichnen diesen Auftritt als den ESC-Act schlechthin und einige Drag-Queens zitieren den Song bis heute.

Eine Wiener Drag Queen mit einem besonderen Bezug zum ESC ist Dutzi Ijsenhower. Sie hat uns im Interview erzählt, dass ein ganz anderer Song für sie eine persönliche Erinnerung bereithält: „Letztes Jahr habe ich den finnischen ESC-Song ‚Marry Me‘ von Krista Siegfrids aus 2013 gesungen – in einem Brautkleid. Und danach habe ich meinem damaligen Freund, heute mein Verlobter, einen Heiratsantrag gemacht. Deshalb hat dieses eigentlich eher unerfolgreiche, ziemlich trashige Lied einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.“

Michael Peterseil ist Mitglied im Vorstand des ESC-Fanclubs OGAE. Auch er berichtet von seinem persönlichen ESC-Moment: „Ich war 14 Jahre alt, als die beiden vorgeblich lesbischen Sängerinnen von t.A.T.u. kurz nach ihrem internationalen Durchbruch dann 2003 für Russland beim Song Contest angetreten sind. Ich konnte es damals für mich noch nicht einordnen, aber ich habe mich gesehen gefühlt. Man unterschätzt oft, wie wichtig und ausschlaggebend solche Momente für die Selbstfindung sind, weil man sie erst retrospektiv versteht.“

Nico Hofbauer ist ebenfalls im OGAE-Vorstand. Für ihn liegen die Gemeinsamkeiten zwischen der ESC-Gemeinschaft und der queeren Community in der Individualität der Künstler:innen und im seit Jahren verwendeten Slogan „United by Music“: „Beides vermittelt das Gefühl, dass die Eurovision-Welt ein inklusiver Raum ist, in dem alle Menschen, unabhängig von ihrer Identität oder ihrem persönlichen Hintergrund, ihren Platz haben.“

Vielleicht ist genau das das Geheimnis: Der ESC ist ein nicht-sportliches Event, bringt aber trotzdem Millionen Zuschauende und Tausende vor Ort zusammen. Eine Art „Musik-EM“, die insbesondere bei der LGBTQIA+-Community für Emotionen sorgt und vielen am Herzen liegt.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Der Eurovision Song Contest ist seit Jahrzehnten eng mit queerer Popkultur verbunden. Schon früh zog der Wettbewerb viele queere Fans an, auch wenn Sichtbarkeit anfangs oft nur indirekt stattfand. Spätestens mit Dana Internationals Sieg 1998 als erster trans Gewinnerin und Conchita Wursts Triumph 2014 als starkem Symbol für Vielfalt und Akzeptanz wurde die queere Geschichte des ESC auch öffentlich unübersehbar.

Quellen

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