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Die WZ-Reihe "What the Song Contest?" beantwortet die wichtigsten Fragen zum größten Musikevent der Welt – dem Eurovision Song Contest.
Der Eurovision Song Contest inszeniert sich gern als Fest der Verbindung. Doch 2026 in Wien wird dieser Anspruch besonders herausgefordert. Die Debatte um Israels Teilnahme, angekündigte Proteste und Boykottaufrufe zeigen, dass der ESC zwar unpolitisch sein will, von den Konflikten der Welt aber nie ganz unberührt bleibt.
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Wie politisch ist der ESC 2026?
Die Lage vor dem Eurovision Song Contest 2026 ist angespannter denn je. Die Konflikte und gegenseitigen Angriffe zwischen Israel und den Hamas im Gazastreifen und in den von Palästinenser:innen besiedelten Gebieten belasten die Weltpolitik. Dass Israel dennoch am ESC teilnimmt, sorgt für Spannungen und hat auch bereits in den vergangenen Jahren die Meinungen der Fans gespalten.
Beim diesjährigen ESC sind die Proteste jedoch besonders laut: Unter dem Titel „No Music For Genocide“ haben sich mehr als 1.000 Musiker:innen zum Boykott zusammengetan. Sie machen ihre Musik in Israel nicht mehr verfügbar und haben ihre Songs aus den lokalen Streamingangeboten genommen. Auch 62 Prozent der Österreicher:innen sind laut einer Marketagent-Studie wenig oder nicht am ESC interessiert. In Wien wurden für die Zeit vor und während des Events Demonstrationen und Boykott-Aktionen angekündigt.
Der Hörspaziergang "Bonuspunkte" verbindet Orte in Wien mit den vielen Facetten des ESC.
Das offizielle Statement der Europäischen Rundfunkunion (EBU) ist hingegen mehr als deutlich: Der Eurovision Song Contest sei ein unpolitisches Event. „The ESC is an international entertainment event and is intended to remain strictly non-political“, heißt es in den offiziellen Statuten. Im Dezember 2025 betonte ESC-Direktor Martin Green in einem offenen Brief an die Fans, dass der Wettbewerb zwar aus einer Idee von Frieden und Verbindung entstanden sei, zugleich aber keine politische Position zum Weltgeschehen einnehmen könne. Genau darin zeigt sich die Spannung des ESC: Er will unpolitisch sein, bleibt aber von den Konflikten der Welt nicht unberührt.
Wie politisch war der ESC in der Vergangenheit?
Immer wieder wurden Auseinandersetzungen zwischen Staaten auf der Bühne, im Green Room oder sogar bei der Punktevergabe des ESC verhandelt. 2009 war im armenischen Vorstellungsvideo im Halbfinale die Skulptur „We Are Our Mountains“ zu sehen, die in der umstrittenen Region Bergkarabach steht. Nach Protesten aus Aserbaidschan wurde das Bild für das Finale entfernt. Armenien reagierte trotzdem sichtbar: Sprecherin Sirusho zeigte bei der Punktevergabe ein Bild der Skulptur auf ihrem Klemmbrett.
Auch der Konflikt zwischen Israel und Palästina tauchte beim ESC immer wieder auf. Besonders deutlich wurde das 2019 in Tel Aviv, als die isländische Band Hatari im Green Room palästinensische Flaggen zeigte. Der isländische Sender RÚV musste dafür später 5.000 Euro Strafe an die EBU zahlen. 2024 waren palästinensische Flaggen und pro-palästinensische Symbole im Publikum in Malmö noch ausdrücklich untersagt, 2025 wurde die Flaggenpolitik für Zuschauer:innen wieder gelockert. Für Wien 2026 kündigte der ORF an, offizielle Flaggen nicht grundsätzlich zu verbieten – auch die palästinensische Flagge nicht, solange rechtliche und sicherheitsrelevante Vorgaben eingehalten werden.
Noch sichtbarer wurde die politische Dimension beim Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine. 2016 gewann Jamala für die Ukraine mit „1944“, einem Lied über die Deportation der Krimtataren unter Stalin. Wegen der russischen Annexion der Krim 2014 wurde der Beitrag auch als politisches Signal gelesen, von der EBU aber zugelassen. 2022 gewann die Ukraine erneut: Kalush Orchestra holte mit „Stefania“ den Sieg – wenige Monate nach Beginn der russischen Vollinvasion. Russland durfte in diesem Jahr nicht teilnehmen, weil das laut EBU den Wettbewerb in Verruf gebracht hätte.
Eigentlich hätte die Ukraine nach ihrem Sieg den ESC 2023 ausrichten dürfen. Wegen der Sicherheitslage entschied die EBU jedoch, dass der Wettbewerb nicht dort stattfinden könne. Stattdessen sprang das zweitplatzierte Vereinigte Königreich ein: Liverpool richtete den ESC 2023 „on behalf of Ukraine“ aus.
Kann der ESC überhaupt unpolitisch sein?
Die 39-jährige Anna, langjähriger ESC-Fan, bricht heuer mit ihrer Tradition. Im WZ-Podwalk erklärt sie ihren Boykott: Angesichts der humanitären Not in Gaza sei die Teilnahme Israels unvereinbar mit den Werten von Frieden und Menschenrechten. Sie warnt davor, die Show als Propaganda-Tool zu instrumentalisieren, um politische Zustimmung zu suggerieren. Von EBU und ORF fordert sie, endlich Verantwortung zu übernehmen, statt den Wettbewerb als rein unpolitisch zu verklären.
Peter Rehberg, ESC-Forscher und Dozent, analysiert den ESC als ein Zusammenspiel aus familiärer Unterhaltung und politischer Symbolik. Trotz des Versuchs der EBU, den Wettbewerb als unpolitisch darzustellen, betont Rehberg dessen unvermeidbare politische Dimension – Länder würden sich hier als progressiv präsentieren, während man innenpolitisch beispielsweise queere Rechte stark einschränken würde. Mit diesem paradoxen Feld müsse der ESC leben, hätte aber dafür auch das Potenzial, gesellschaftliche Grenzen zu verschieben.
Im Interview mit der WZ fasst die Drag Queen Dutzi Ijsenhower die Meinungen vieler Fans, die den ESC heuer nicht boykottieren wollen, treffend zusammen: „Obwohl wir ‚divided by politics‘ sind, können wir trotzdem ‚united by music‘ sein.“
Der ESC soll nicht politisch sein, ist aber fast immer politisch aufgeladen. Er reagiert auf Kriege, Grenzkonflikte, Boykotte und öffentliche Proteste – selbst dann, wenn die EBU das Event als unpolitischen Musikwettbewerb versteht. Genau deshalb ist die Debatte um Israel im Jahr 2026 kein Bruch mit der ESC-Geschichte, sondern eine Zuspitzung dessen, was den Wettbewerb seit Jahren begleitet. Die EBU-Mitglieder entschieden im Dezember 2025, keine gesonderte Abstimmung über die Teilnahme einzelner Länder abzuhalten und den ESC 2026 mit neuen Regeln zu Transparenz und Abstimmung fortzuführen. Kritiker:innen sehen darin keinen Beweis für Neutralität, sondern gerade den politischen Kern des Wettbewerbs.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
In den offiziellen ESC-Regeln ist festgelegt, dass der Wettbewerb ein internationales Unterhaltungsevent ist und „strictly non-political“ bleiben soll. Politische Botschaften, Gesten oder Symbole sind auf der Bühne und im direkten Wettbewerbsumfeld grundsätzlich nicht erlaubt; Verstöße können Sanktionen nach sich ziehen.
Gleichzeitig treten beim ESC Nationen gegeneinander an – mit Flaggen, Sprachen, öffentlichen Votings und Gastgeberländern. Dadurch wird der Wettbewerb immer wieder zur Projektionsfläche für politische Konflikte, auch wenn diese nicht ausdrücklich Teil der Show sein sollen.
Gesprächspartner:innen
- Drag Queen Dutzi Ijsenhower
- Fan Anna aus Wien
Quellen
- ESC-Studie von Marketagent
- Offizielle ESC-Regeln der EBU
- Aktion „No Music For Genocide“
- Offener Brief des EBU ESC-Direktors Martin Green
- Interview mit ESC-Forscher Dr. Peter Rehberg
- RTVE-Präsident zum Boykott Spaniens beim ESC 2026
Das Thema in der WZ
- Teil 1: Wie funktioniert der ESC?
- Teil 2: Warum lieben die Girls und Gays den ESC so?
- Teil 3: Was macht Schweden beim ESC so erfolgreich?
Das Thema in anderen Medien
- NEWS-Artikel zur angemeldeten Großdemo
- Standard-Artikel zum Boykott
- Beitrag des Deutschlandfunk zur Petition
- „Politik statt Pop?“-Beitrag im Weltspiegel der ARD
- Artikel im Tagesspiegel aus 2024 zur Politisierung
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