)
Die Statistik Austria hat vor ein paar Tagen ihren neuen Bericht zu Migration und Integration veröffentlicht. Aus dem Bericht kommt hervor, dass die am stärksten wachsende Nationalität in Österreich die Syrer:innen.
In den nächsten Wochen – je nachdem, wann man ihren genauen Beginn festsetzen will, jährt sich die große Migrationskrise von 2015 / 2016 zum zehnten Mal. Ich vermute, dass uns viele Aus- und Rückblicke dazu ins Haus stehen, manches davon – etwa die stark gesunkene Zahl der Asylanträge in Österreich – wird Leser:innen dieses Newsletters bekannt vorkommen. Andere werden eher auf den „Kontrollverlust“, den Aufstieg mancher politischer Parteien, und weitere Bauchgefühl-Fragen setzen.
- Kennst du schon?: Am Weg zur Schrumpfung
Ich werde mich lieber, wie immer, an statistisch belegbares Material halten. Und praktischerweise gibt es dazu etwas Neues: Vor ein paar Tagen hat die Statistik Austria ihr Jahrbuch „Migration und Integration 2024“ veröffentlicht. Vielleicht hast Du hier und da ein bisschen was darüber gelesen: Der Fokus der Präsentation und der meisten Berichte darüber ist heuer darauf gelegen, dass Österreich ohne Migrant:innen längst geschrumpft wäre.
Immer spannend, aber ich möchte heute einige Erkenntnisse aus dem Jahrbuch mit der Zehnjahresbilanz der Migrationskrise verknüpfen. Die Auswertung enthält eine ganze Reihe von Daten zu Syrer:innen, Afghan:innen und Iraker:innen, die im Zuge der Migrationsbewegungen der vergangenen zehn Jahre besonders stark nach Österreich gekommen sind. Erstere führen sogar die Statistik der Ausländer:innen an, deren Zahl in Österreich in dieser Zeit am stärksten gewachsen ist:
Was mich in dem Jahrbuch am meisten interessiert hat, sind die Zahlen zur Erwerbstätigkeit. Diese haben erfahrungsgemäß Auswirkungen auf viele andere Integrationsfragen, von Armutsbetroffenheit über Kriminalität bis zu der politisch hoch relevanten Frage der Sozialhilfe. Und da schaut es gerade bei der Gruppe der Menschen mit Staatsbürgerschaft Syrien/Irak/Afghanistan, also den häufigsten Asylländern, auf den ersten Blick nicht allzu gut aus:
In dieser Grafik sehen wir, wie hoch der Anteil der 15- bis 64-Jährigen in der jeweiligen Gruppe ist, der am Erwerbsleben teilnimmt, ausgewertet nach Geschlecht und Staatsbürgerschaft. Nicht berücksichtigt sind also Arbeitslose, karenzierte Eltern, Studierende, usw. Insgesamt liegt die Erwerbsquote in Österreich knapp unter drei Viertel, Männer etwas darüber, Frauen etwas darunter – das sind die ersten drei Balken.
Sowohl die Gruppen der Österreicher:innen – etwas höher - als auch jene der Fremden insgesamt – etwas niedriger – spielen da zahlenmäßig ungefähr in derselben Liga. Nicht aber die Staatsbürger der drei Nahost-Asylstaaten: Knapp mehr als jeder zweite Mann im Erwerbsalter arbeitet und fast nur jede vierte Frau.
Das ist deutlich weniger als jede andere Gruppe, die die Statistik Austria ausgewertet hat; bei Türk:innen liegen diese Werte bei 61/72/50 Prozent, zum Beispiel, deutlich höher als bei Syrer:innen, Afghan:innen und Iraker:innen.
Das ist ein beträchtliches Problem, nicht nur individuell, sondern – aufgrund der Auswirkungen auf die gesamte Integrationsfrage – auch politisch. Die Ursachen sind vielfältig, von einem besonders konservativen Religionsbegriff, der Frauen von der Arbeit fernhält über jahrelange Arbeitsverbote und mangelnde Deutschkurse während des Asylverfahrens bis hin zur Konzentration der Migrant:innen-Gruppen in Ballungszentren, in denen es schlicht wenig Arbeit für ihre Kompetenzsituation gibt.
Aber: Es ist nicht alles schlecht. Schauen wir uns an, wie sich die Erwerbsquote in den vergangenen Jahren entwickelt hat:
vergangenen Jahren beträchtlich gestiegen. Das liegt einerseits daran, dass die Leute überhaupt erst nach dem Ende ihrer Asylverfahren arbeiten dürfen – aber nicht zuletzt auch daran, dass Integration eben auch funktionieren kann. (Der Gegenindikator, die Arbeitslosenquote von Menschen aus diesen drei Staaten, ist im selben Zeitraum übrigens von 42 auf rund 30 Prozent gesunken).
Es ist mir wichtig, hier nichts schönzureden: Diese niedrigen Erwerbsquoten sind ein Problem, das dringend angegangen werden muss. Ganz besonders unter den Frauen aus diesen Ländern, von denen nur jede vierte arbeitet und sich so Risiken wie Isolation und Altersarmut aussetzt. Aber es ist eben nicht so, dass Erwerbslosigkeit ein Dauerschicksal sein muss: Deutschkurse und andere Qualifikationsmaßnahmen – die Koalition hat die Budgets dafür gerade signifikant erhöht – wirken, zumindest dort, wo es darum geht, Menschen in Beschäftigung zu bringen.
Das ist es, was ich aus diesem Jahrbuch Migration und Integration mitnehme – das ganze Dokument gibt es hier zum Download.
Hast du Fragen oder Themen zur 10-Jahres-Marke der Migrationskrise? Schreib mir, ich schaue mir das gerne an.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- statistik.at: Migration und Integration 2024
- orf.at: Bevölkerung wäre auf Stand von 1950
- statistik.at: Migration & Integration 2024
- statistik.at: Migration & Integration 2023
)
)
)
)