PodcastSchul- und Unibeginn bringen wieder klare zeitliche Strukturen mit sich. Doch ob wir uns mit der Pünktlichkeit schwer oder leicht tun, hängt vom Charakter ab.
„Eva-Zeit“: So nannte die Seminarleiterin mein Zuspätkommen. Das überraschte mich, denn meine vermeintliche Trödelei war mir kaum aufgefallen – meiner Ansicht nach hatte ich mich sogar gehetzt. Trotzdem waren die anderen schneller gewesen, und hier waren sie alle, vollzählig in der Gruppe versammelt – und ich zu spät.
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An sich bin ich gerne pünktlich. Doch gelegentlich verliere ich mich in meiner Eigenzeit. Das geht sogar so weit, dass ich den Uhrzeiger dort sehe, wo ich ihn haben will. So passiert im selben Seminar, zwei Stunden später, was dem Ganzen die Krone aufsetzte.
Wie gibt es das?
Die Psychologie hat eine Erklärung. Jeder Mensch hat einen eigenen Zeitmanagement-Stil. Ähnlich wie wir persönliche Charakterzüge haben, etwa indem wir eher extrovertiert, offen, zurückhaltend oder neurotisch sind, hätten wir auch „time personalities“, wie die New York Times berichtet. Der Ansatz, der sich um den persönlichen Zeitmanagement-Stil und um den Umgang mit zeitlichen Strukturen dreht, kommt aus der Psychologie. Sind wir eher pünktlich oder eher unpünktlich? Welche Dauer berechnen wir für eine Tätigkeit? Pferchen wir viel zu viel in den Tag, oder setzen wir uns realistische Ziele und arbeiten das Programm ab?
Zeitoptimismus und Zeitangst
„Zeitoptimist:innen“ gehen davon aus, dass sie mehr Zeit haben, als ihnen tatsächlich zur Verfügung steht, und dass die Dinge kürzer dauern, als das der Fall ist. Wenn sie zu einem Termin pünktlich da sein wollen, kalkulieren sie die Wegedauer zum Optimum – also ohne rote Ampeln und ohne Staus. Wenn aber etwas derartiges dazwischenkommt, dann kommen sie zu spät. Die Schuld suchen sie oft nicht bei sich, sondern in der Außenwelt.
Menschen mit „Zeitangst“ erleben genau das Gegenteil. Sie gehen davon aus, dass immer etwas passieren kann. Es könnte die Straßenbahn zusammenbrechen, ein Verkehrsunfall sich ereignen, man könnte keinen Parkplatz finden oder sich verirren. Daher sind sie kategorisch zu früh da.
Die Stunden biegen oder gar nicht bemerken
Wieder anders verhalten sich „Time Bender“. Von ihren Gefühlen und Ideen geleitet, leben sie in ihrer Eigenzeit, entfalten aber unter Druck eine hohe Produktivität. Eine Verspätung von zehn Minuten ist für sie Pünktlichkeit. Sie biegen sich die Zeit zurecht und fragen sich in ihrem Flow immer wieder, wie sie denn so schnell vergehen konnte.
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Es gibt noch eine vierte Gruppe der „zeitblinden“ Menschen. Sie brauchen Hinweise von außen, um die Dauer einer Tätigkeit im Auge zu behalten. Personen mit der Diagnose ADHS sind oftmals hiervon betroffen. Viel davon steht außerhalb der eigenen Kontrolle, da es im Gehirn verwurzelt ist: „Zeitblinde“ tun sich schwer, Informationen über Minuten und Stunden zu verarbeiten.
Ende der Sommerzeit
Wo reihe ich mich ein? Vermutlich als Mischung der ersten drei Kategorien. Zuspätkommen macht mir Kummer, da ich mit niemandem rücksichtlos umgehen will, also erlebe ich eine gewisse Zeitangst. Tatsächlich aber nehme ich die Uhrzeit manchmal kaum wahr, weil es so vieles gibt, das mir interessant erscheint. Und ganz sicher stopfe ich mir den Tag zu voll, weil ich mir zu viel auf meine Listen schreibe.
Vielleicht sollte ich also daran arbeiten, öfter nein zu sagen. Denn in jedem Fall tritt jetzt im Herbst die Uhrzeit wieder in den Vordergrund. Die Schule hat in ganz Österreich begonnen. Nur die Frühaufsteher:innen unter den Kindern tun sich mit dem Schulstart um acht Uhr leicht. Auch das neue Uni-Jahr geht bald los – jetzt heißt es pünktlich bei Vorlesungen sein. Außerdem werden die Tage kürzer: Die Sommerzeit endet in Österreich am 26. Oktober, wenn die Uhren in der Nacht von drei auf zwei Uhr umgestellt werden. Nur zu gut, dass ich in meiner Eigenzeit lebe. In meinem Herzen ist das ganze Jahr Sommer.
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Infos und Quellen
Quellen
- Schulferien.org: Zeitumstellung 2025 Österreich Sommerzeit
- Verywellmind: If You’re Always Late, Your „Time Personality“ Might Be to Blame
- healthline: Feel Like Time’s Always Running Out? It Might Be „Time Anxiety“
- ARD Alpha: Seid ihr schon munter oder immer noch müde?
Das Thema in der WZ
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- Sommerzeit-Vorteile für Leib und Leben
Das Thema in anderen Medien
- NYT: Always Late? Blame Your Time Personality.
- Der Standard: Wie unterschiedlich Menschen Zeit empfinden
- Deutschlandfunk Kultur: Das alltägliche Gehetze ist gefährlich
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