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Zensiert à la Trump: Der US-Präsident will Museen vorschreiben, was sie zeigen sollen. Was wäre, wenn etwas Ähnliches bei uns passieren würde? Conchitas Eurovision-Kleid würde dann wohl im Depot verstauben.
Lonnie Bunch staunte nicht schlecht. Der Generalsekretär der Smithsonian Institution in Washington, des größten Museumsverbands der USA, hielt einen Brief in Händen, in dem sich das Weiße Haus für Führungen durch seine Häuser bedankte. Doch die Dankbarkeitsfloskeln endeten in eisernen Vorschriften.
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Die Museumsstrategie sei anzupassen. Ausstellungen hätten den präsidialen Empfehlungen zum 250. Gründungsjubiläum der USA am 4. Juli 2026 zu entsprechen. Speziell aus dem National Museum of American History und dem Museum of African American History and Culture seien „spalterische“ und „anti-amerikanische Narrative“ zu entfernen. Die Museen sollten „die Einheit, den Fortschritt und die beständigen Werte der Geschichte Amerikas“ abbilden, heißt es in dem der WZ vorliegenden Schreiben. Ausstellungstexte, Social-Media-Content, kuratorisches Konzept, Didaktik und Sammlungspraxis der Smithsonian Institution würden daher von der US-Regierung auf ihre Entsprechung auf „amerikanische Ideale“ geprüft. Innerhalb von 75 Tagen möge man Information über das künftige Programm übermitteln.
Geschichte wird langsam umgeschrieben
Wie viel politische Einflussnahme halten Museen aus und was bleibt dann von ihrer Autonomie? Und was wäre, wenn in Österreich etwas Ähnliches passieren würde? „Der Grund, warum Trump gerade die Smithsonian Institution herausgreift, ist, weil dieser Museumsverband vom Bund getragen wird. Den meisten anderen Museen in den USA kann er nichts anhaben, da sie privat finanziert sind“, sagt Jasper Sharp, Kurator und Kunsthistoriker in Wien, zur WZ. Und er hebt hervor: „In Österreich ist es genau umgekehrt. Hierzulande sind die Museen zum allergrößten Anteil durch die öffentliche Hand getragen. Dadurch wären sie angreifbar, wenn die Ressorts für Finanzen und für Kultur in denselben politischen Händen wären, und man beschließen würde, eine vorgefertigte Linie zu beschreiten.“
Nur 65 Kilometer von Wien entfernt wird die Geschichte bereits umgeschrieben. „Seit Viktor Orban 2010 die Regierung übernommen hat, wird die ungarische Verfassungsordnung, das Wahlsystem und auch die Kulturlandschaft umgebaut“, hebt die Kunstkritikerin Sabine Vogel in einem Text für die Vienna Art Week hervor. In Ungarn werden Museen beschnitten und freie Radiosender gibt es nicht mehr. Auch in der Slowakei ist die Liste staatlicher Eingriffe in Kunst, Kultur und Medien lang.
Nazis verbannten „entartete Kunst“
Eine allumfassende Zensur gab es in Österreich unter den Nationalsozialisten. Sie legten ihre Ideologie über die Ausstellungspraxis, indem sie den Begriff „entartete Kunst“ für moderne Kunstwerke und Künstler:innen mit jüdischem Hintergrund prägten, und diese beschlagnahmten oder zerstörten. Ersetzt wurden sie durch Werke, die die Nazi-Propaganda versinnbildlichten, etwa mit realistischen Darstellungen von blonden, blauäugigen, körperlich kräftigen Menschen.
Noch ist kein Werk verboten …
Noch ist in den USA zwar kein Kunstwerk verboten. Doch an Universitäten werden Forschungsprojekte, deren Anträge Wörter wie „Frau“, „Klimawandel“, „Ethnie“, „Gender“ oder „Diversität“ enthalten, nicht mehr mit staatlichen Geldern gefördert. Stattdessen lässt Trump einen „National Garden of American Heroes“ mit Statuen von Politikern, Popstars oder Astronauten für die Jubiläumsfeierlichkeiten mit Steuermitteln finanzieren.
… doch was wäre, wenn?
„Es ist eine Frage, wie man Patriotismus interpretiert. Für Trump und seine Anhänger bedeutet Patriotismus alles zu eliminieren, was Zweifel an der Großartigkeit Amerikas schürt, man will die Geschichte umschreiben“, sagt Sharp. „In diesem Zusammenhang ist die Sklaverei natürliche eine ungünstige Erzählung. Museumshistoriker wiederum sehen das ganz anders. Sie wollen aufzeigen, was passiert ist, damit es nie wieder eintritt.“
Dann wäre Migration kein Thema …
„In den USA geht es ein Weltbild, das auch andere autoritäre und populistische Politiker im Kern teilen, und das sich gegen Migration, Diversität und alles jenseits der binären Geschlechterordnung richtet“, sagt Dirk Rupnow, Zeithistoriker und Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck, zur WZ, und: „Wenn sich jemand wie Trump in Österreichs Museen umsehen würde, würde er einiges finden, das er als ,woke‘ oder ,unpatriotisch‘ einstufen würde.“
… Diversität ebenso nicht
Für die Museen würde das bedeuten, dass Fragen von Ausgrenzung, Marginalisierung und Verfolgung ebenso ausgeklammert würden wie die Perspektiven von Minderheiten und Migrant:innen. „„Auch Rassismus und Machthierarchien würden nicht thematisiert. Man würde dann wohl so tun, als wäre alles eine glückliche große und vor allem homogene Volksgemeinschaft - wie die Nazis es genannt hätten“, sagt Rupnow.
Conchita Wursts ESC-Kleid würde nicht gezeigt …
„Conchita Wursts ESC-Kleid, Ceija Stojkas Mantel, Roma und Sinti als Minderheit, Migrationsbewegungen, die Stellung von Frauen in der Gesellschaft: Über all diese Dinge würde Trump stolpern, wenn er bei uns ins Museum ginge“, stellt der Zeithistoriker in den Raum. Insbesondere das Haus der Geschichte Österreich, dessen Strategie Rupnow mitkonzipiert hat, müsse dann seinen Fokus ändern. „Anders als derzeit könnte es Migration nicht mehr als Querschnittsthema, das in viele Aspekte der Geschichte unseres Landes hineinspielt und somit in Bezug auf viele Themen gezeigt wird, behandeln. Sondern man müsste das Thema, wenn überhaupt, dann in einen eigenen Raum verbannen“, erklärt Rupnow.
Frauen kämen weniger vor …
Denken wir weiter in Richtung Technisches Museum Wien. Vorstellbar ist, dass die Erfindungen von Forscherinnen nicht mehr als integraler Teil der Wissenschafts- und Technikgeschichte behandelt würden, sondern höchstens als Ausnahme gezeigt würden.
… und Rassismus wäre wieder en vogue
Auch das Weltmuseum müsste die Zeit zurückdrehen. Heute wirft das Haus am Wiener Heldenplatz einen kritischen Blick auf Kolonialismus und Rassismus. Würde jemand wie Trump regieren, könnte es gut sein, dass indigene Völker wieder so dargestellt würden, als stünden sie in einer fiktiven Hierarchie unter den weißen Europäer:innen – und als hätte niemand ein Problem damit.
Mit der Schönfärberei der Geschichte würden wir unsere Wertehaltung verlieren.Monika Pessler
Gefährdung der freien Meinungsäußerung
„Dass freie Meinungsäußerung und damit individuelle Entfaltung nicht selbstverständlich sind, wie die Zunahme von diktatorischen und rechten Regierungssystemen belegt, macht die akute Gefährdung unsere gesellschaftlichen Werte deutlich. Es stellt sich also die Frage: Wie wollen wir leben?“, meint Monika Pessler, Direktorin des Sigmund Freud Museums in Wien, im Telefonat mit der WZ.
Die Kunsthistorikerin geht davon aus, dass unter einer rechtspopulistischen Regierung auch das Sigmund Freud Museum in die Kritik geraten würde. „Freud, der für eine freie und offene Gesellschaft eintrat, beschäftigte sich aus psychoanalytischer Perspektive intensiv mit soziologischen Aspekten des menschlichen Zusammenlebens und verwehrte sich gegen die Diskriminierung und Pathologisierung Homosexueller“, erläutert Pessler, deren Museumsstrategie gesellschaftspolitische Fragen, die österreichische Erinnerungskultur und den Verlust von Kultur und Menschlichkeit unter dem Terror-Regime des Nationalsozialismus aufgreift.
Demokratie fördern und bewahren
„Mit der Schönfärberei unserer Geschichte sowie der Verleugnung von sozialen und politischen Missständen und Ungerechtigkeiten würden wir jene Wertehaltung verlieren, die seit Ende des letzten Weltkriegs in Europa, und zwar über alle parteipolitischen Grenzen hinweg, etabliert werden konnte“, sagt die Museumsdirektorin. „Das wäre ein ungeheurer Rückschritt, der die Zivilgesellschaft schwächt und im tatsächlichen Sinn des Wortes ‚mundtot‘ und letztendlich auch handlungsunfähig macht.“
Rückschritte würden möglicherweise klein beginnen mit einfach umzusetzenden Maßnahmen, „etwa, indem man kleine, kritische Kulturinitiativen beschneidet, die zunächst nur in der Kulturszene einen Aufschrei auslösen, vom Rest aber kaum wahrgenommen werden“, sagt Sharp. Erst nach und nach würden sich Änderungen so lange einschleichen, bis eine neue Normalität entsteht. Geschichte wird langsam umgeschrieben, könnte man sagen. Umso wichtiger ist es, Demokratie in allen Schritten zu fördern und zu bewahren.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Monika Pessler, geboren in Graz, ist seit 2014 Direktorin des Sigmund Freud Museums in Wien. Sie studierte Kunstgeschichte in Graz und absolvierte eine Ausbildung zur Museums- und Ausstellungskuratorin am Institut für Kulturwissenschaften an der Donau-Universität Krems. Nach Tätigkeiten an der Kärntner Landesgalerie, für den steirischen herbst und für den Künstler Peter Kogler war sie von 2003-2014 Direktorin der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung.
- Dirk H. Rupnow, geboren in Berlin, ist ein deutscher Historiker. Er ist Universitätsprofessor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Von 2010 bis 2018 fungierte er als Institutsleiter, seit März 2018 ist er Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät. Dirk Rupnow ist Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien und Mitglied des Museumsbunds Österreich.
- Jasper Sharp, geboren in London, ist Kurator und Kunsthistoriker und Absolvent der Universität Edinburgh, Schottland. Er war bis 2005 als Leiter der Ausstellungen und Sammlungen der Peggy Guggenheim Collection in Venedig, ab 2011 Kurator für moderne und zeitgenössische Kunst am Kunsthistorischen Museum Wien, 2013 er Kommissar des Österreichischen Pavillons bei der 55. Biennale in Venedig und ist Mitbegründer von Phileas, einer unabhängigen philanthropischen Organisation zur Förderung zeitgenössischer Kunst.
Daten und Fakten
- EU-Grundrechtecharte Artikel 13 – Freiheit der Kunst und der Wissenschaft: An sich ist Zensur nur in Diktaturen normal. In Demokratien gibt es keine Kontrolle und keine Verbote von menschlichen Äußerungen oder Darstellungen. „Kunst und Forschung sind frei. Die akademische Freiheit wird geachtet“, heißt es in Artikel 13 der Charta der Grundrechte der EU. In autokratischen Demokratien schleicht sich Zensur jedoch nach und nach ein so lange, bis sie zur Normalität wird, in eine andere Art zu denken und zu leben mündet, uns die Freiheit, für uns selbst einzustehen, nimmt, und die Erinnerungskultur verändert.
- Die Smithsonian Institution ist eine bedeutende US-Forschungs- und Bildungseinrichtung mit Sitz in Washington, D.C., die zahlreiche Museen betreibt. Mit 19 Museen und Galerien sowie dem Nationalzoo ist das Smithsonian der größte Museumskomplex der Welt. Die Smithsonian Institution verwaltet über 142 Millionen Objekte menschlichen oder natürlichen Ursprungs für das US-amerikanische Volk. Seit Jänner 2025 übt die Trump-Administration immer wieder Druck auf das Smithsonian aus.
- Vertrauen in Museen: Im April 2024 hat eine Studie des Instituts für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ergeben, dass die Museen mit einem Durchschnittswert von 7,4 auf einer Skala bis 10 das höchste Vertrauen unter allen öffentlichen Einrichtungen genießen – direkt nach Familie und Freunden (8,3), vor Wissenschaftler:innen und Medien. Entscheidend dafür: die Neutralität von Museen – Museen gelten demnach als Ort des gesellschaftlichen Zusammenhalts, bieten Raum für Offenheit, Dialog und Reflexion. Hollein: „Dafür muss gekämpft werden. Wir haben eine Verantwortung für dieses Vertrauen“, sagte kürzlich die Direktorin des Museums für Angewandte Kunst, Lilli Hollein, bei einer Diskussion am Rande der Vienna Artweek 2025.
- Zensur in Österreich heute? Und auch hierzulande gab es heuer im Frühjahr eine Debatte, weil eine Ausstellung an inhaltlichen Differenzen scheiterte. Im demokratischen Österreich wurden die Arbeiten der pakistanischen Künstlerin Rabbya Naseer im Belvedere 21 nicht gezeigt, da das Museum keine einseitige Darstellung des Nahostkonflikts wolle, hieß es vonseiten des Direktoriums. Es folgte eine mediale Debatte zu Grenzen der Freiheit auch an heimischen Museen.
Quellen
- Brief des Weißen Hauses an Smithsonian-Vorstand Lonnie Bunch
- Executive Order „Restoring Truth and Sanity to American History“
- Museumsbund Österreich: Letter to the Smithsonian
- Gastkommentar Der Standard von Dirk Rupnow: Wie Trump die Geschichte sieht
Das Thema in der WZ
- Selbstzensur in den USA: Trumps schwarze Listen
- „Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen“
- Können wir bitte über Gaza sprechen?
Das Thema in anderen Medien
- ZDF Heute: Trump will Inhalte von US-Museen prüfen
- ARD-Tagesschau: Trump verordnet US-Museen Patriotismus
- Der Standard: Smithsonian reagiert auf Trumps Forderung nach Zensur
- Deutschlandfunk: Abgehängt – Zensur im größten Kunstmuseum der Slowakei
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