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Fast jeder zweite Taugliche geht inzwischen zum Zivildienst. Angesicht der Überalterung der Gesellschaft ist das auch notwendig.
„Der Zivildienst ist eine Lebensschule“, sagt Jakob Köllesberger. Der 19-Jährige absolviert gerade seinen Zivildienst beim Samariterbund im Rettungsdienst. „Man lernt, Empathie zu entwickeln und auch mit unangenehmen Situationen umzugehen. In einem Zwölf-Stunden-Dienst erlebe ich jede Emotion mindestens einmal, von Trauer und Verzweiflung über Wut bis zu heller Freude und Lachen.“
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Auch den 18-jährige Korin Sehati prägt sein Zivildienst in einer Wohngemeinschaft der Caritas für Menschen mit Behinderung im Alter von 18 bis 50 Jahren: „Die Zeit hier hat meine Sichtweise aufs Leben verändert. Ich habe nicht nur sehr viele neue Menschen kennengelernt und sehr viele Lebensgeschichten gehört, sondern auch Geduld und Dankbarkeit gelernt.“ Für Korin war von vornherein klar, dass er Zivildienst bei der Caritas machen würde, weil er schon vorher bei der Käfig League engagiert war, einem kostenlosen Fußballprojekt für Kinder.
Man taucht in ganz andere Lebensrealitäten ein.Rettungssanitäter Jakob Köllesberger (19)
Jakob hingegen wollte ursprünglich zum Bundesheer, bevor ihm sein Vater davon abriet. Im Rückblick ist er froh darüber – auch, weil inzwischen sein Bruder hauptberuflicher Sanitäter ist und die beiden nun gemeinsam im Rettungswagen unterwegs sind. Und beim Bundesheer hätte Jakob auch nicht erleben können, wie es ist, mit Blaulicht und Folgetonhorn Radarboxen und rote Ampeln zu ignorieren.
Aber natürlich geht es ihm in erster Linie um den Dienst an den Menschen, die er als Sanitäter medizinisch versorgt und transportiert. Und im Rettungsdienst, meint der 19-Jährige, „bin ich so richtig erwachsen geworden. Es fühlt sich an wie hundert Jahre Lebenserfahrung. Man taucht in ganz andere Realitäten ein. In vielen Momenten wird mir so richtig bewusst, was für ein privilegiertes Leben ich habe, wenn wir in Wohnungen kommen, die so ganz anders sind als bei mir daheim.“
Um 3.000 Euro ärmer, aber um viele Erfahrungen reicher
Mittlerweile entscheiden sich 45 Prozent der Tauglichen nicht für den drei Monate kürzeren Wehrdienst, sondern verbringen lieber ein Dreivierteljahr im Gesundheits- und Sozialwesen. Auch wenn sie dafür nur knapp 1.000 Euro im Monat bekommen. Das ist wohl auch der Grund, warum mit 80 Prozent überdurchschnittlich viele Maturanten und nur sehr wenige Lehrlinge Zivildienst machen.
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Oliver Steininger (20) gehört zu jener Minderheit, die vor dem Zivildienst schon voll gearbeitet und ihr eigenes Geld verdient hat. In den drei Monaten, die sein Zivildienst beim Roten Kreuz länger gedauert hat als der Grundwehrdienst, hätte er als Installateur etwas mehr als 2.000 Euro netto im Monat bekommen – also in Summe rund 3.000 Euro mehr als beim Zivildienst. „Genau deshalb sind auch Arbeitskollegen von mir zum Bundesheer gegangen“, erzählt Oliver, für den es aber keine verlorenen Monate waren: „Es war eine gute Pause von der Arbeit, noch einmal was ganz anderes zu machen.“
8 bis 9 Prozent wechseln nach dem Zivildienst den Job
Die Politik diskutiert derzeit eine Verlängerung des Wehrdienstes ab 1. Jänner 2027 auf insgesamt zehn Monate – der Zivildienst würde dann wieder zwölf Monate dauern, so wie schon in den Jahren 1997 bis 2005. Das wären für Oliver weitere 3.000 Euro weniger gewesen. Hätte er sich trotzdem für den Zivildienst entschieden? „Ich glaube schon“, meint er. Die Erfahrungen im Rettungsdienst waren insgesamt so positiv, dass er sogar überlegt hat, den Beruf zu wechseln und Sanitäter zu werden. „Nur leider war in meiner Umgebung keine Stelle frei.“ Oliver, der jetzt wieder als Installateur arbeitet, hätte sonst zu den rund 1.200 Zivildienern pro Jahrgang (etwa 8 bis 9 Prozent) gehört, die ihre Berufspläne ändern und ins Gesundheits- und Sozialwesen gehen – also in Jobs, in denen der Männeranteil eher gering ist.
So geschehen bei Nico Hafenscher: Der 23-Jährige hat die HTL abgebrochen und eine Lehre als Technischer Zeichner mit Matura absolviert, ehe er relativ spät Zivildiener bei Kinder in Wien (KIWI) wurde, wo er 6- bis 10-Jährige betreut hat. „Als Mann hat man im Hort eine Sonderstellung bei den Kindern. Sie sind an mir gehängt und ich auch an ihnen“, erinnert er sich zurück. Das Dreivierteljahr als Zivildiener bei KIWI brachte ihn dazu, sich nach dem Zivildienst für mehrere Monate als hauptberuflicher Hortbetreuer zu verpflichten – bis er wieder etwas ganz anderes machen wird, nämlich Sales & Marketing studieren.
Es geht nicht um billige Arbeitskräfte.Samariterbund-Geschäftsführer Gerald Fitz macht sich Sorgen um die Finanzierung von Leistungen
Drei Monate länger werden bald dringend notwendig
Österreichs Gesundheits- und Sozialsystem baut darauf auf, dass rund 15.000 junge Männer pro Jahrgang für relativ wenig Geld diese systemrelevanten Tätigkeiten verrichten. „Die Zivildiener können und sollen keine Berufsgruppen ersetzen, aber sie stellen eine ganz wichtige Unterstützung in der täglichen Arbeit dar“, erläutert der Wiener Caritas-Direktor Klaus Schwertner. Daniel Unger, Leiter der Stabstelle Rettungswesen beim Samariterbund, formuliert es drastischer: „Das jetzige System würde ohne Zivildiener nicht funktionieren.“ Und weil geburtenschwache Jahrgänge auf eine immer ältere und gebrechlichere Gesellschaft treffen, verfolgen die rund 1.500 Trägerorganisationen gespannt die politische Debatte um die Verlängerung von Wehr- und Zivildienst. Aktuell können nämlich nur knapp 90 Prozent des Bedarfs gedeckt werden.
An manchen Standorten ist es überhaupt nur die Hälfte oder gar ein Drittel, berichtet Gerald Fitz, Geschäftsführer beim Samariterbundes Österreich im Bereich Rettungswesen. „Der Rettungs- und Krankentransport ist jetzt schon sehr schwierig zu finanzieren, die niedergelassenen Ärzt:innen werden immer weniger, das Spitalsnetz wird immer dünner. Je besser hier die Erstversorgung durch die Rettung – und da eben auch durch Zivildiener – ist, desto entlastender wirkt das hinten raus.“
Und er betont: „Es geht nicht darum, ob wir billige Arbeitskräfte haben, sondern ob unsere Leistungen ausreichend finanziert werden.“ De facto muss jeder fehlende Zivildiener durch eine:n Hauptamtliche:n ersetzt werden. Das tut im Krankentransport finanziell weh, denn die Krankenkasse kalkuliert ihre Tarife nach den billigen Zivildienern – sie berücksichtigt dabei aber nicht, ob in Wahrheit zwei Hauptamtliche im Auto sitzen. „Und es wird auch nicht die medizinische Leistung gesehen, die über den reinen Transport hinausgeht. Würde man das privatwirtschaftlich kalkulieren, käme etwas ganz anderes heraus, als die Krankenkasse uns bezahlt“, ist Daniel Unger überzeugt.
Stärkung von Gesundheitskompetenz und Resilienz
Außerdem, betont Gerald Fitz, „fördert die Rettungssanitäterausbildung der vielen Zivildiener die allgemeine Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung.“ Peter Kaiser, Stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, spricht sogar von einer „wichtigen Säule unserer umfassenden Landesverteidigung und gesellschaftlichen Resilienz“. Denn vor allem die fast 40 Prozent der Zivildiener, die im Rettungswesen eingesetzt werden, bekommen dort nicht nur eine fundierte Sanitätsausbildung, sondern wachsen auch in Einsatzstrukturen hinein. „Das sind Menschen, die später im Notfall anpacken und das abrufen, was sie gelernt haben.“ Jeder Monat mehr ist hier wertvoll. Deshalb warnten die Einsatzorganisationen in den 2000ern auch – erfolglos – vor der Verkürzung des Zivildienstes.
Österreich wäre ohne diesen Sozial- und Friedensdienst um vieles ärmer.Caritas-Direktor Klaus Schwertner
Jeder Dritte bleibt als Ehrenamtlicher
Ein weiterer Punkt: Laut einer Studie der Wiener Wirtschaftsuniversität engagiert sich jeder Dritte nach dem Zivildienst zumindest eine Zeit lang im jeweiligen Bereich. Caritas-Direktor Klaus Schwertner glaubt, dass „Österreich um vieles ärmer wäre, wenn es nicht diesen Sozial- und Friedensdienst gäbe, der zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beiträgt, indem er junge Männer an eine oft andere Lebensrealität heranführt, zu sozialen Fragestellungen mit Menschen, mit denen sie sonst nichts zu tun hätten.“
Den Zivildienst zur Ausbildung anrechnen
Diesen Aspekt streicht auch Thomas Czypionka, Ökonom am Institut für Höhere Studien (IHS), hervor: „Mit bedürftigen Menschen zu arbeiten, hat eine charakterbildende Funktion. Wer später so einen Beruf ergreift, bekommt hier früh einen Einblick. Diesen Vorteil sollte man noch weiter ausbauen und aus dem Zivildienst eine anrechenbare Ausbildung machen. Dann verliert jemand, der danach zum Beispiel in die Medizin oder die Pflege geht, durch den Zivildienst nicht so viel Zeit, weil er damit einen Teil der Ausbildung schon erledigt hat.“ Dann würde eine erneute Verlängerung des Zivildienstes sicher besser akzeptiert.
Für den Staat wäre sie jedenfalls ein Gewinn, ist der Ökonom überzeugt, „weil die Zivildiener dann ja noch länger qualifizierte Tätigkeiten für wenig Geld ausüben würden. Wir hätten ja sonst gar nicht die Personen für diese vielen tausenden Arbeitsstunden.“
Ein paar Monate lang wird auch Korin Sehati noch seine 40 Arbeitsstunden pro Woche leisten. Danach will er in die Wirtschaft gehen. Die Erfahrungen aus der Behinderten-WG wird er aber mitnehmen. Und auch der Käfig League will er noch länger treu bleiben.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Thomas Czypionka ist Ökonom am Institut für Höhere Studien (IHS).
- Gerald Fitz ist Geschäftsführer beim Samariterbund Österreich (Geschäftsbereich Rettungswesen).
- Nico Hafenscher war Zivildiener in einem Hort von Kinder in Wien (KIWI). Davor war er Technischer Zeichner, aktuell ist er als hauptamtlicher Hortbetreuer tätig. Ab Herbst wird er allerdings Marketing und Sales studieren.
- Peter Kaiser ist Stellvertretender Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.
- Jakob Köllesberger ist Rettungssanitäter beim Samariterbund. Nach dem Zivildienst will er Schauspiel studieren.
- Anton Reschny war 1980 beim Zivildienst. Damals gab es davor noch die sogenannte Gewissensprüfung.
- Klaus Schwertner ist Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien.
- Korin Sehati ist Zivildiener in einer Caritas-WG für Menschen mit Behinderung. Danach will er an der WU studieren.
- Oliver Steininger war bis Dezember 2025 Zivildiener beim Roten Kreuz. Jetzt ist er wieder in seinem erlernten Beruf als Installateur tätig.
- Daniel Unger ist Leiter der Stabstelle Rettungswesen beim Samariterbund.
Daten und Fakten
Begonnen hat die Geschichte des Zivildienstes in Österreich 1975. Damals wurde die Möglichkeit eines Wehrersatzdienstes geschaffen, die 344 junge Männer nutzten. Sie und auch die folgenden Jahrgänge mussten sich allerdings einer sogenannten Gewissensprüfung unterziehen. „Die Kommission hat mich damals wirklich in die Mangel genommen“, erzählt Anton Reschny, der 1979 seine Gründe gegen den Dienst an der Waffe ausführlich darlegen musste. „Fünf Leute sind in einem Halbkreis um mich herumgesessen, nur im Rücken hatte ich niemanden.“
Erst 1992 wurde die Gewissensprüfung abgeschafft, seither genügt das Ausfüllen eines Formulars. Zeitgleich wurde auch der Auslandsdienst als Alternative etabliert, der als Gedenk-, Sozial- und Friedensdienst an rund 140 Einsatzstellen in 66 Ländern auf allen Kontinenten geleistet werden kann. In Summe haben in den vergangenen fünf Jahrzehnten fast eine halbe Millionen Österreicher den Zivildienst absolviert.
Parallel zur Dauer des Wehrdienstes wurde auch jene des Zivildienstes mehrmals geändert. Bereits ab 1955 gab es innerhalb des Bundesheeres einen ordentlichen Präsenzdienst ohne Waffe, der nicht wie der reguläre Grundwehrdienst neun Monate dauerte, sondern zwölf. Ab 1975 dauerte dann der neu geschaffene Zivildienst acht Monate – und damit gleich lang wie der Wehrdienst (sechs Monate Präsenzdienst plus zwei Monate Truppenübungen). Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung stieg ab 1992 die Zahl der Zivildiener massiv an. Um für ein Gleichgewicht mit dem Grundwehrdienst zu sorgen, wurde der Wehrersatzdienst deshalb zunächst auf zehn Monate verlängert, dann auf elf und 1997 schließlich auf zwölf Monate, während Rekruten weiterhin für acht Monate einrückten. 2006 wurde dann nach einer weiteren Verkürzung des Wehrdienstes auf sechs Monate auch der Zivildienst reduziert, nämlich auf die bis heute gültigen neun Monate. Seit Jänner 2026 diskutieren die Regierungsparteien ÖVP, SPÖ und Neos nun über eine erneute Verlängerung von Grundwehr- und Zivildienst.
Das monatliche Grundentgelt für Zivildiener beträgt derzeit 605,60 Euro, dazu kommen bis zu 16 Euro Verpflegungsgeld pro Tag. In Summe kommt ein Zivildiener also auf etwa 850 bis knapp über 1.000 Euro im Monat für bis zu 45 Wochenstunden (in Ausnahmefällen können es bis zu 60 Wochenstunden sein). Zum Vergleich: Der Mindestlohn in der Sozialwirtschaft beträgt 2.150 Euro brutto (etwa 1.700 Euro netto) für 37 Wochenstunden. Zivildiener sind also neun Monate lang billige Arbeitskräfte, oft mit Nacht- und Wochenenddiensten, aber nur zwei Wochen Urlaub – in einem regulären Arbeitsverhältnis wären es aliquot fast vier Wochen Urlaub bei neun Monaten Arbeit. Zumindest gibt es das Klimaticket Österreich gratis, und bei Bedarf können Wohnkostenbeihilfe, Familien-/Partnerunterhalt und eine Befreiung von der ORF-Abgabe beantragt werden. Hingegen bekommen Zivildiener selbst weder Familienbeihilfe noch etwaige Unterhaltszahlungen.
Quellen
- Überblick über die Zivildienststellen in Österreich
- FAQs zum Zivildienst
- Was der Zivildienst für Österreich wert ist
- Geschichte des Zivildienstes
- Die ersten Zivildiener 1975 (Video)
- Zufriedenheitsstudie beim Samariterbund (Seite 11)
Das Thema in der WZ
- Was uns das Bundesheer wert ist
- Grundwehrdienst: Verlorene Monate oder ein Benefit fürs Leben?
- Kann sich Österreichs Militär verteidigen?
- Will Österreich keine Kinder mehr?
Das Thema in anderen Medien
- Der Standard: Bauer hält Verlängerung des Zivildiensts wegen „Versorgungslücke“ für nötig
- ORF: Wehrpflicht: Hameseder pocht auf Einigung
- Die Presse: Längerer Wehrdienst mit 1. Jänner: Warum der Zeitplan nicht halten kann
- Kurier: Wehrpflicht – Plattform appelliert an Parlamentarier
- ORF: SPÖ-Vorstoß: Neuer Schwung für Wehrpflichtdebatte
- Der Standard: Wehrpflicht: Zurück zu 6 plus 2?
- Krone: Zivildienst: Immer mehr Burschen wollen, aber . . .
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