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Zwischen Schönheitsidealen und ständigem Vergleichen wird der Sommer für viele schnell zu einer Zeit voller Unsicherheit und Selbstzweifel. Statt Leichtigkeit entsteht oft der Druck, den eigenen Körper besonders kritisch zu betrachten.
„Kommst du am Montag mit ins Freibad?“, fragt mich eine Freundin an einem der ersten sommerlichen Tage des Jahres. Eine Frage, in der eigentlich so viel Leichtigkeit steckt. Doch ich beginne zu schwitzen. Nicht nur wegen der warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut, sondern weil sich Angst in mir breitmacht. Ein Schwimmbadbesuch bedeutet, einen Bikini anzuziehen. Und einen Bikini zu tragen bedeutet, Haut zu zeigen. Haut, die ich eigentlich lieber verstecken würde. „Ich gebe dir noch Bescheid“, sage ich, wohlwissend, dass es noch mindestens einen Monat Gym-Besuche brauchen wird, um mich in ein Freibad zu bekommen. Es macht mich wütend, denn eigentlich liebe ich den Sommer und das Schwimmen, aber die Scham ist einfach größer.
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So wie mir geht es vielen Menschen im Sommer. Mit steigenden Temperaturen werden die Klamotten kürzer und die eigenen, selbst definierten „Problemzonen“ sichtbarer. Während die warmen Monate für manche mit Leichtigkeit, Urlaub und Erholung verbunden sind, werden sie für andere zu einer belastenden Zeit voller Vergleiche und Unsicherheiten.
In der Modeindustrie und auf TikTok versucht man inzwischen, dem Ideal des „Skinny-Bikini-Bodys“ mit „Curvy Models“ und Slogans wie „Every body is a bikini body“ entgegenzuwirken. Katja, eine Leidensgenossin, findet das zwar gut gemeint, fühlt sich davon aber trotzdem nicht repräsentiert. Denn auch diese sogenannten „Curvy Models“ haben meist flache Bäuche und gesellschaftlich akzeptierte, sanduhrförmige Proportionen.
B-Belly und Schamgefühle
„Ich habe einen klassischen B-Belly, also ich bin nicht diese Art von curvy, die als ästhetisch gilt“, erklärt sie. Katja ist mehrgewichtig, seit sie denken kann, weil sie nach einem medizinischen Notfall mit sieben Jahren stark zunahm. Dazu kommt, dass sie in ihrer Familie nie ein gesundes Essverhalten gelernt hat. Katja nimmt deutlich wahr, dass Menschen mit ihrer Körperform in Medien und Öffentlichkeit noch immer unterrepräsentiert sind und nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen.
Das ist auch der Hauptgrund, warum die 27-Jährige den Sommer oft als belastend empfindet und mit Schamgefühlen kämpft. Besonders das Thema Kleidung setzt ihr zu. „Eigentlich hätte ich kein Problem damit, mehr Haut zu zeigen, aber eben nur dann, wenn mein Körper normschön wäre“, erklärt sie. Kleidung zu finden, in der sie sich schön fühlt, fällt ihr schwer. Oft sitzen die Dinge, die ihr gefallen, nicht so, wie sie es sich wünschen würde. Ähnlich geht es ihr beim Thema Bademode. „Ich habe nur in einer kurzen Phase, in der ich ein bisschen weniger wog, einen Bikini getragen“, erzählt Katja. Zu der Zeit achtete sie streng auf ihre Kalorienzufuhr. Als sie es psychisch nicht mehr ausgehalten hat, weil sie ständig schwach und hungrig war, nahm sie wieder zu. Für Bikinis fühlt sie sich heute zu unwohl in ihrem Körper. Mit diesem Unwohlsein ist sie jedoch nicht allein. Wie verbreitet dieses Gefühl ist, zeigt auch die Ö3-Jugendstudie: Nur 19 Prozent der Befragten gaben an, mit ihrem Aussehen und ihrem Körper sehr zufrieden zu sein.
Kein Strandurlaub ohne Reue
Im Sommer vergeht kein Tag, an dem Katja keine Reue empfindet, weil sie der Meinung ist, in der Zeit vor den heißen Monaten nicht genug auf ihre Ernährung geachtet oder zu wenig Sport gemacht zu haben. Diese Reue beeinflusst auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. „Manchmal frage ich mich, ob mein Freund überhaupt zufrieden ist mit der Entscheidung, mit mir zusammen zu sein.“ Freibad- oder Strandbesuche mit ihm vermeidet sie so gut es geht, und das, obwohl er ihren Körper besser kennt als alle anderen, sie ständig unterstützt und ihr gut zuredet.
„Wenn der eigene Selbstwert stark an die Körperform gekoppelt ist, kreisen die Gedanken fast ausschließlich darum, wie man aussieht und wie viel man wiegt“, erklärt Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision Ursula Prinz." Darunter könne die Lebensqualität deutlich leiden, weil diese starke Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen zwischenmenschliche Beziehungen, Nähe, Sexualität und die Lebensfreude beeinflusse, so Prinz.
„Das kann so weit gehen, dass Betroffene sich zunehmend von sich selbst und anderen Menschen entfremdet fühlen. Bleibt die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper über längere Zeit bestehen, kann sie die psychische Gesundheit erheblich belasten und das Risiko für Essstörungen, Depressionen oder Angststörungen erhöhen.“, so Prinz
Für Katja steht diesen Sommer ein gemeinsamer Urlaub mit ihrem Freund und dessen Freund:innen an. Allein der Gedanke daran setzt sie unter Druck, denn statt Vorfreude empfindet sie Angst. Angst davor, diejenige zu sein, die am wenigsten dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht. „Ich würde mir einfach wünschen, den Sommer so wie alle anderen genießen zu können.“ Also ein Sommer ohne Scham, Reue und Dauervergleiche.
Angst und Vergleiche
Auch Mert kennt diese Angst im Sommer, denn für ihn gehört das Vergleichen ebenfalls dazu. Besonders mit seinem Bauch fühlt er sich unwohl. Im normalen Alltag ist das für ihn zwar kein Problem, doch im Freibad oder am Strand, wo er seinen Körper nicht mit Unterhemden oder T-Shirts bedecken kann, beginnen seine Gedanken zu kreisen. „Ich schäme mich dann manchmal dafür, dass mein Körper nicht so athletisch aussieht, wie der von anderen Männern“, erklärt der 30-Jährige.
Wenn er die leicht bekleideten Männer um sich herum beobachtet, drängen sich Fragen in seinen Kopf: Warum kann ich nicht so einen flachen Bauch haben? Warum kriege ich es nicht hin, meine Brust so muskulös zu bekommen? Bin ich einfach zu schwach? „Wenn alle um mich herum so gut aussehen, dann will ich einfach wieder gehen, weil ich Angst habe, belächelt zu werden“, so Mert.
Doch warum werden Unsicherheiten gerade im Sommer so verstärkt?
„Im Winter lässt sich der Körper durch Kleidung leichter bedecken. Mit der Sommermode fällt das zunehmend weg. Für Menschen, die sich mit ihrem Körper unwohl fühlen, kann diese größere Sichtbarkeit deshalb ein stärkeres Gefühl von Verletzlichkeit auslösen“, erklärt Prinz. Scham entstehe oft durch die Vorstellung, dass andere genau das wahrnehmen könnten, was man selbst an sich ablehnt. Bei Menschen, die sich außerhalb des gesellschaftlichen Schönheitsideals wahrnehmen, könne das eigene Aussehen eng mit dem Selbstwert verbunden sein. Die Sicht auf den eigenen Körper beeinflusse dann zunehmend, wie wertvoll sie sich insgesamt als Mensch erleben.
Von seiner Familie bekam er schon immer Kommentare zu seinem Äußeren, weshalb sich einige seiner Unsicherheiten bereits in seiner Kindheit gefestigt haben. „Ich kann mich erinnern, wie ich schon mit fünf Jahren meine Badehose über meinen Bauchnabel gezogen habe, um meinen Bauch zu verstecken.“ Außerdem trug er als Kind immer Westen, um seine Brust zu verstecken, die lange eine seiner größten Unsicherheiten war. Diese Gedanken kommen nicht aus dem luftleeren Raum. Für jede Zu- oder Abnahme gibt es einen Spruch seitens seiner Familie. „Mein Papa meinte letztens zu mir, dass es schön ist, dass ich abgenommen habe, weil es besser aussieht.“ Er wird ständig daran erinnert, dass sein Körper so wie er ist, nie gut genug ist.
Therapie und Selbstreflexion
Auch wenn Mert mit Scham und Schuldgefühlen zu kämpfen hat, hat er für sich einen Weg gefunden, in solchen Momenten aus diesen Gedankenspiralen herauszukommen. Durch intensive Selbstreflexion, Therapie und den Einstieg in den Sport, nicht aus Druck, sondern um sich gesünder zu fühlen, hat er begonnen, seine Gedanken anders einzuordnen. „Mir ist klar geworden, dass sich niemand so sehr für meinen Körper interessiert wie ich selbst. Seit ich mir dessen bewusst bin, dass vieles auch nur in meinem Kopf passiert, geht es mir echt viel besser.“
Katja, Mert und ich haben einiges gemeinsam. Wir alle sind im Sommer mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert und schwanken irgendwo zwischen Selbstzweifeln und dem Wunsch, einfach okay zu sein, so wie wir sind. Und vielleicht ist genau deshalb ein Satz von Mert so bei mir hängen geblieben: „Am Ende gilt: Nobody cares, Körper sind schön, egal in welcher Form.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Ursula Prinz, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision
- Katja (27), Name von der Redaktion geändert
- Mert (30), Name von der Redaktion geändert
Daten und Fakten
- In der Ö3-Jugendstudie aus dem Jahr 2025 wurden 27.961 Teilnehmer:innen nach ihrer Zufriedenheit mit ihrem Aussehen und ihrem Körper befragt. Nur 19 Prozent gaben an, sehr zufrieden zu sein. 52 Prozent sind ziemlich zufrieden, 23 Prozent wenig und sechs Prozent gar nicht.
- Bei einer Befragung der Pronova BKK in Deutschland aus dem Jahr 2024 gaben rund 75 Prozent der befragten Frauen an, dass sie versuchen, Körperstellen, die ihnen nicht gefallen, möglichst zu verdecken. Bei Männern sind es dagegen nur 47 Prozent. Während sich 77 Prozent der befragten Männer in Badehose zeigen, fühlt sich nur etwa jede zweite Frau in Badekleidung wohl. Diese Unsicherheit hat Folgen: Sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen, kann so weit führen, dass Strandurlaube deswegen sogar ganz gemieden werden. Das betrifft fast jede dritte Frau, bei Männern hingegen etwas mehr als jeden vierten.
Quellen
- WDR: Studie zu Schönheitsidealen: Zu dick für den Strandurlaub?
- Pronova BKK: Schönheitsideale
- OE3: Die Ö3 Jugendstudie 2025
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