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Zuckersteuer: Wie wirksam ist das Modell?

4 Min
Die deutsche Bundesregierung will ab 2028 eine Zuckerabgabe auf zuckergesüßte Getränke einführen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock, OpenAI

Deutschland plant eine Zuckersteuer auf gesüßte Getränke. Was spricht für und was gegen eine solche Abgabe? Die WZ hat mit zwei Expert:innen gesprochen, die unterschiedlicher Meinung sind.


    • Die deutsche Bundesregierung plant ab 2028 eine Zuckersteuer auf zuckergesüßte Getränke zur Gesundheitsförderung und Finanzierung der Krankenversicherung.
    • Eva Winzer sieht eine Zuckersteuer als wirksamen Teil einer umfassenden Strategie, Jürgen König hält den Effekt für gering.
    • In Österreich enthalten Softdrinks oft mehr Zucker als in Deutschland, die Einführung einer Zuckersteuer ist dort umstritten.
    • Deutschland plant ab 2028 eine Zuckerabgabe auf Softdrinks.
    • Erwartete Einnahmen: bis zu 500 Millionen Euro jährlich.
    • In Großbritannien halbierte sich nach Einführung der Steuer der Zuckerkonsum bei Kindern.
    • In Österreich sank der Pro-Kopf-Verbrauch zuckerhaltiger Getränke von 118,4 auf 106,9 Liter (2008–2022).
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Cola, Eistee, Limonaden. Sie stapeln sich neben- und übereinander in der Getränkeabteilung im Supermarkt. Es ist ein bunter Mix aus Farben, perfekt ausgerichtet für Kund:innen. Ein Mädchen geht vorbei, bleibt stehen und überlegt für eine Millisekunde. Dann greift sie zur Capri Sonne. Ihr Spaßgetränk für heute, passend zum Wetter.

Genau solche Softdrinks nimmt Deutschland jetzt ins Visier. Denn die deutsche Bundesregierung will ab 2028 erstmals eine Zuckerabgabe auf zuckergesüßte Getränke einführen, wie es letzte Woche aus Kreisen des Finanzministeriums hieß.

Die Idee dahinter ist zweigeteilt: Einerseits sollen der Zuckerkonsum in der Bevölkerung reduziert und damit langfristig gesundheitliche Probleme wie Übergewicht oder Diabetes eingedämmt werden. Zum anderen verfolgt die Politik auch ein finanzielles Ziel: Durch Einnahmen von bis zu 500 Millionen Euro im Jahr soll die gesetzliche Krankenversicherung stabilisiert werden.

Die Maßnahme ist politisch umstritten. Unterstützung kommt von Ärzt:innen und Verbraucherschützer:innen, während sich Lebensmittelhandel und Industrie dagegenstemmen. Doch wie wird eine Zuckersteuer von österreichischen Expert:innen beurteilt?

Pro: „Sinnvoll als Teil einer umfassenden Strategie“

„Süßgetränkesteuern können das Ernährungsverhalten nachhaltig und nicht nur kurzfristig verändern, wenn sie ausreichend hoch angesetzt und nach Zuckergehalt gestaffelt sind“, sagt Eva Winzer, Forscherin in der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien, im WZ-Interview.

Expert:innen und Organisationen wie die WHO empfehlen, dass Zuckersteuern mindestens 20 Prozent des Verkaufspreises betragen sollten, um messbare gesundheitliche Effekte zu erzielen. Durch eine Staffelung steigt außerdem der Druck auf Hersteller, ihre Produkte gezielt zu überarbeiten und weniger Zucker zu verwenden – statt die höheren Kosten einfach an Konsument:innen weiterzugeben.

„In Ländern wie Großbritannien zeigt sich, dass solche steuerinduzierten Umformulierungen tatsächlich zu einem deutlich niedrigeren durchschnittlichen Zuckerverbrauch führen, ohne dass die Menschen gleich viel mehr andere kalorienreiche Lebensmittel konsumieren“, so Winzer. Tatsächlich halbierte sich in Großbritannien nach Einführung der Zuckersteuer die Zuckermenge, die Kinder über Softdrinks konsumierten, innerhalb eines Jahres. Bei Erwachsenen ging sie um rund ein Drittel zurück. Das zeigt eine 2024 im Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlichte Studie.

Es brauche laut der Forscherin jedoch eine umfassende Strategie und eine Reihe von Maßnahmen, um dem Trend der steigenden Adipositas-Zahlen entgegenzuwirken: „Unter anderem eine Verbesserung von Verpflegungs- und Bewegungsangeboten in Kindergärten und Schulen, eine Mehrwertsteuerbefreiung von Obst und Gemüse, eine Regulierung von an Kinder gerichteter Werbung für ernährungsphysiologisch unausgewogene Lebensmittel sowie eine stärkere Bewegungsförderung.“

Contra: „Effekt bleibt gering“

Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Universität Wien, bewertet die Wirkung von Zuckersteuern zurückhaltend.

Zwar gebe es Studien aus Ländern wie Mexiko oder Großbritannien, die einen leichten Rückgang des Zuckerkonsums zeigen, dieser betreffe jedoch vor allem „zuckergesüßte Getränke“. „Die Verhaltensänderung der Konsument:innen ist relativ gering und wird zum Teil auch durch andere kalorienreiche Produkte kompensiert“, sagt König. Entsprechend mache sich der Effekt „kaum in einer Reduktion der Häufigkeit von Übergewicht bemerkbar“.

Auch eine Literaturübersicht der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) aus dem Jahr 2024 zeichnet ein differenziertes Bild: Zwar könne eine Zuckersteuer den Konsum zuckerhaltiger Getränke senken, gesundheitliche Langzeiteffekte seien bislang jedoch nur eingeschränkt nachgewiesen. Da der Zuckerkonsum laut König insgesamt ohnehin zurückgehe, „stellt sich die Frage, wie groß der Effekt der Zuckersteuer wirklich ist“. Laut Statistik Austria ist der jährliche Pro-Kopf-Zuckerverbrauch in Österreich zwischen 1994 und 2023 gesunken – von 41 auf etwa 29 Kilogramm pro Person.

Grundsätzlich sieht der Ernährungswissenschaftler Lebensmittelsteuern nur eingeschränkt als geeignetes Instrument – als kurzfristige Maßnahme könnten sie etwa sinnvoll sein, um über Ernährung aufzuklären. „Als bloßes Mittel zur Budgetsanierung unter dem Anspruch, das Ernährungsverhalten zu verbessern, sind sie jedoch eher problematisch“, meint er.

Und in Österreich?

Die geplante Zuckersteuer in Deutschland hat auch eine Debatte in Österreich entfacht. Ein Vergleich der Organisation foodwatch zeigt, dass viele Softdrinks in Österreich deutlich mehr Zucker enthalten als dieselben Produkte in Deutschland. So enthält Fanta hierzulande laut foodwatch um 2,7 Gramm mehr Zucker pro 100 Milliliter, bei Pepsi Cola beträgt der Unterschied 2,4 Gramm.

Eva Winzer würde eine Zuckersteuer in Österreich als Teil eines umfassenden Präventionspakets jedenfalls begrüßen: „Angesichts der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz spricht einiges dafür.“ Jürgen König hingegen hält eine solche Maßnahme für „wenig zielführend“. Zudem seien Steuern auf Lebensmittel ein „Eingriff in das sehr persönliche Umfeld der Konsument:innen“.

Auch der Fachverband der Lebensmittelindustrie lehnt eine Zuckersteuer nach britischem Vorbild ab. In einem Positionspapier von Dezember 2024 warnt die Branche vor höheren Lebensmittelpreisen und zusätzlichen Belastungen für Unternehmen. „Neue Verbrauchssteuern sind Inflationstreiber und Konsumdämpfer“, heißt es darin.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Eva Winzer, Forscherin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien
  • Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien

Daten und Fakten

  • In Österreich nehmen Menschen durchschnittlich täglich knapp 23 Gramm Zucker allein über Softdrinks wie Cola, Limonaden oder Energydrinks zu sich. Damit stammt inzwischen mehr Zucker aus Getränken als aus klassischen Süßigkeiten, über die im Schnitt rund 15 Gramm pro Tag konsumiert werden.
  • Im westeuropäischen Vergleich zählt Österreich laut foodwatch zu den Ländern mit dem höchsten Softdrink-Zuckerkonsum. Unter den zehn bevölkerungsreichsten Staaten liegt nur Deutschland noch darüber.
  • Die World Health Organization (WHO) empfiehlt Erwachsenen, höchstens 25 Gramm freien Zucker pro Tag zu konsumieren. Dieser Wert wird in Österreich beinahe allein durch zuckerhaltige Getränke erreicht.
  • Für Kinder ist die empfohlene Obergrenze noch niedriger: Bei Vier- bis Siebenjährigen gelten maximal 19 Gramm Zucker täglich als Richtwert.
  • Besonders deutlich gestiegen ist in den vergangenen Jahren der Konsum von Energydrinks. 2025 entfielen pro Person täglich durchschnittlich 4,16 Gramm Zucker allein auf diese Getränkeform – deutlich mehr als noch 2011.
  • Laut foodwatch gelten derzeit rund 3,7 Millionen Erwachsene in Österreich als übergewichtig. Zudem bringt etwa jedes dritte Volksschulkind zu viele Kilos auf die Waage.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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