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Die einen sehnen sich nach ihr, die anderen rennen vor ihr davon. Hat Nichtstun noch Platz im Alltag? Zwei Redakteurinnen, zwei Meinungen. Zur Langeweile.
Mein love interest: Langeweile
Von Nora Schäffler
Ich sehe sie immer nur von der Ferne, sie lümmelt da, unscheinbar, und doch spüre ich ihre Präsenz. Sie starrt mich an, versucht mich zu umgarnen. Hat sie mir gerade zugezwinkert? Alle anderen, wie zum Beispiel meine Kollegin, reden davon, wie gut es getan hat, sich auf sie einzulassen; wie befreiend es sei, sie mal zu daten, ob sporadisch oder regelmäßig. Aber ich habe sie noch nie an mich rangelassen. Aus Angst, dass ich dann merke, wie gut sie mir täte.
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Mein Name ist Nora, und ich führe eine komplizierte Beziehung … mit der Langeweile.
Ich öffne meine Kalender-App am Handy, ich sehe lauter kleine, bunte Kacheln, die sich aneinanderdrängen. Ich sehe keinen freien Platz. Ach, herrlich. Nur ein kurzer Blick reicht, um sie, die Langeweile, zu verscheuchen, sie zu verdrängen, fast schon zu vergessen, dass sie existiert. Mir wird warm um mein Herz. Ich schaffe es einfach nicht, nichts zu tun, geschweige denn Langeweile zuzulassen.
Immer wenn die Chance bestünde, in einem leeren Moment zu versinken, ertappe ich mich dabei, wie ich frage: „Was genau bedeutet es eigentlich, nichts zu tun?“
Und: Ist das überhaupt Langeweile?
Ich glaube, es ist eine Art Angst, dass ich die Zeit nicht genug auskoste. Der Druck, dass ich jede Minute etwas Wertvolles machen muss: Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Bin ich ein Produkt der Leistungsgesellschaft? Zählt für mich Zeit nur, wenn ich produktiv bin?
Ach egal, ich zück mal mein Smartphone. Ich öffne Instagram und sehe, wie mir „Me-Time“-Reels vorgeschlagen werden. Hier wird das Nichtstun romantisiert, und natürlich auch perfektioniert. Die schummeln bei diesem Framing ja genauso wie ich! Oder muss Me-Time wirklich immer mit einer kühlenden Gesichtsmaske, Journaling, Yoga oder Snacks und Serien im Bett einhergehen? Trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich den Bullet Point „heute mal chillen“” auf meine To-Do-Liste schreibe, mir im Kalender einen Termin mit „entspannen“ eintrage. Ich streiche es durch. Nora!! Anfänger:innen-Fehler!! Ich soll mich doch entspannen. Schließlich würde mir das guttun, schließlich würde ich dann noch mehr Leistung erbringen können, wenn ich auch mal runterfahre und es zulasse, mich zu langweilen. Denn insgeheim merke ich, je mehr Pläne ich mit anderen Menschen mache, desto weniger bin ich Teil der Konversationen, desto weniger bin ich wirklich anwesend, desto weniger genieße ich diese Termine, auf die ich mich doch eigentlich gefreut hatte.
Und wenn ich dann theoretisch mal Zeit habe, erwische ich mich dabei, wie ich den Airfryer anwerfe, Nüsse röste (weil irgendwann werde ich es mir danken, dass ich diesen Schritt jetzt vorausgedacht habe), wie ich den Schrank ausmiste, wie ich mal wieder die Schubladen putze und Meals preppe. Ist das Nichtstun? Ist das Langeweile? Oder ein weiterer Schritt von Selbstoptimierung und der Jagd nach einem Dopamin-Kick?
Und da sitzt sie wieder, die Langeweile. Sie sitzt mir gegenüber, so wie meine Kollegin im Büro. Unscheinbar, geduldig. Sie zwinkert mir zu und sagt nichts. Ich lache nervös, weil ich keine Ahnung habe, wie man sich auf sie einlässt.
Wer weiß, vielleicht beginne ich mit einem kurzen Treffen. Zehn Minuten Nichts. Keine Hintergedanken, nichts Verpflichtendes. Ein One-Night-Stand mit der Langeweile, vielleicht jetzt, zwischen den Jahren.
Noch traue ich mich nicht. Aber ich glaube, sie wartet …
Im Herzen Epikureerin
Von Eva Stanzl
Manchmal muss man einfach nichts tun, um Klarheit zu finden. Oder sich auf einer weißen Wand ein buntes Quadrat vorstellen.
Müßiggang war für die griechischen Philosophen eine Tugend. Die von Epikur entwickelte hedonistische Lehre zielte auf die zu Lebzeiten vollendete Seelenruhe ab, welche man dadurch erreichen sollte, dass man sich durch Kontemplation Unbekanntes verständlich machte, Unerreichbares als irrelevant erkannte und Unvermeidbares akzeptierte. Der Lust und der Lebensfreude wurde ein zentraler Stellenwert eingeräumt, Arbeit war eher weniger erstrebenswert.
In meinem tiefsten Herzen bin ich also Epikureerin. Um meinen Lebensunterhalt dennoch verdienen zu können, überlegte ich mir eine Haltung zur Arbeit. Da ich den Hauptteil des Tages dort verbringen würde, dachte ich mir nach der Ausbildung, sollte es idealerweise ein interessanter Job sein, der Spaß macht und den ich mit voller Konzentration ausüben will, damit er meine Zeit wert ist. Für etwas, was mir sinnvoll erschien, wollte ich mich gerne tatkräftig engagieren.
An Geld dachte ich dabei wohl eher weniger, sonst hätte ich mir wohl eine lukrativere Branche ausgesucht. Interessant ist es jedoch geworden. Außerdem erweis sich meine Arbeitsmoral als Beweis für die These, dass man es sich lieber nicht wünschen möge, in interessanten Zeiten zu leben. Denn nie hätte damit gerechnet, dass ich als Epikureerin so viel für meine Arbeit tun würde.
Der Terminkalender ist voll
In meiner Tätigkeit als Redakteurin gelte ich als Vielschreiberin. Daneben leite ich einen Verein, für den ich auch Veranstaltungen organisiere, und moderiere Diskussionen. Zu Hause achte ich eher auf Ordnung, pflege einen großen Freundeskreis, sehe die Familie regelmäßig und habe einen ähnlich beschäftigten Mann, der diese Gangart glücklicherweise nachvollziehen kann. Nur der Sport kommt zu kurz. Es werde mir teuer zu stehen kommen, sagte kürzlich die Orthopädin, in meinem Alter müsse man regelmäßig Krafttraining machen. Nur wann? Was muss weg?
Als Frau der Lebensfreude interessiert mich viel, organisatorische Effizienz ist also gefragt. Doch was den Sport betrifft, stehe ich an.
„Manchmal muss man einfach nichts tun außer eine innere Stille finden, damit die Richtung von selbst kommen kann“, sagte kürzlich eine Freundin, die schamanisches Rasseln (auch das ist ein Hobby von mir) anleitet. In diesem Fall ist mit Richtung Prioritätensetzung gemeint.
Ich wechsle also die mentale Ebene. Wenn der Tag nicht allzu voll geräumt ist, fällt mir das gar nicht schwer. Eigentlich genieße ich nämlich das Nichtstun, die Faulheit, das bewusste Aufsuchen von Muße, das in der Stille liegt. Zugegebenermaßen hat die Langeweile in der Regel wenig Chance bei mir – aber in Wahrheit liebe ich die Ruhe.
Innere Stille, innere Bilder
Ich lege mich also aufs Sofa, schließe die Augen und lasse innere Bilder am geistigen Auge vorbeiziehen. Sehe alles Mögliche, stelle mir vielleicht auch Geräusche vor, komme zur Ruhe, raste, schlafe vielleicht ein. Oft kommen mir in diesem Zustand tatsächlich wie von selbst Einfälle, die zu einer Klarheit beitragen.
An anderen Tagen hilft es auch, mit offenen Augen zu sitzen, auf eine weiße Wand zu starren und sich dort für genau zehn Minuten – Wecker stellen! – ein buntes Quadrat vorzustellen. Das klappt zwar nie. Aber es fokussiert den Geist, der dann aufhört, sich in Gedankengebäuden zu verstricken, sondern sich zu entspannen scheint.
Auf diese Weise werde ich langsamer und schalte nicht einen, sondern mehrere Gänge herunter, bis hin zum Müßiggang. Auch ist es freilich gar nicht so leicht, wieder herauszufinden. Nach einem faulen, langsamen Tag fühlt es sich an wie im Urlaubsmodus. Langweilig ist mir dabei aber nie. Denn dann bin ich im Grunde das, was mich im Inneren ausmacht. Und darauf freue ich mich, jetzt, zwischen den Feiertagen, wenn in der Stadt kurz die Gehsteige hochgeklappt werden und die Welt etwas ruhiger ist.
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Infos und Quellen
Quellen
- Das Gehirn: Langeweile – ein zweischneidiges Schwert
- Planet Wissen: Meditationen für alle Lebenslagen
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Quarks: Langeweile: Mehr als nur das Fehlen einer Beschäftigung
- Profil: Tabuthema Langeweile: Wie fad ist Ihnen? Und warum?
- Natinal Geographic: Das Geheimnis der Langeweile
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