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Zwei Jahre Krieg in der Ukraine

5 Min
Eine Collage aus einem Soldat, ein Panzer, Präsident Putin und Präsident Selensky
Der Blutzoll ist enorm, Friede nicht in Sicht.
© Illustration: WZ, Bildquelle: APA Picturedesk/Getty Images/Wikimedia Commons

Zwei Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sieht es für Kiew nicht rosig aus. Die wichtigsten Fragen und Antworten.


Das kommende Jahr werde den Sieg über Russland bringen, proklamierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Februar 2023. Heute ist die Siegesgewissheit dahin. Die ukrainische Sommer-Offensive ist gescheitert, die Armee ist in der Defensive. Es fehlt an Munition, die Unterstützung des Westens bröckelt, die militärische Übermacht Russlands wird spürbar. Und ein Ende des Krieges ist weit und breit nicht in Sicht.

Wie sieht die Situation an der Front aus?

Die groß angekündigte ukrainische Offensive, die den Sieg bringen sollte, ist nach minimalen Anfangserfolgen stecken geblieben. Dem widersprechen auch die Ukrainer:innen nicht. Jetzt sieht alles danach aus, als würde sich das Kräfteverhältnis zugunsten der russischen Angreifer wenden, wie auch Bundesheer-Experte Albin Rentenberger in einem WZ-Podcast betont. Die ukrainische Armee musste die symbolträchtige Frontstadt Awdijiwka räumen, nachdem die akute Gefahr bestand, dass die Kämpfenden dort von russischen Einheiten eingekesselt werden. Russland konnte die Lufthoheit erringen. Der Rückzug ist offenbar nicht so geordnet verlaufen, wie von Kiew behauptet. Das berichtete zuletzt die "New York Times”, die gewöhnlich sehr gut informiert ist. Verletzte mussten zurückgelassen werden, viele Soldat:innen gerieten in Kriegsgefangenschaft. Russland ist drauf und dran, die Initiative zu übernehmen. Die entscheidende Frage ist, ob die rückwärtigen Stellungen der ukrainischen Armee gut ausgebaut sind und halten.

Wie hoch sind die ukrainischen und die russischen Verluste nach zwei Jahren?

Es ist ein brutaler Abnutzungskrieg, die Rede ist von einer „Knochenmühle“ – ein Ausdruck aus dem Ersten Weltkrieg. Britische und US-Geheimdienste sprechen von rund 100.000 toten russischen Soldaten, weit mehr wurden verletzt. Über 2.000 russische Panzer sollen zerstört sein. Allgemein wird davon ausgegangen, dass die russischen Verluste etwa doppelt so hoch sind wie die ukrainischen. Die genauen Zahlen sind nicht eruierbar. Sie sind auf beiden Seiten Staatsgeheimnis. Die westlichen Schätzungen sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen, tendenziell dürften die russischen Verluste bei den Angaben zu hoch gegriffen sein, weil der russischen Propaganda entgegengewirkt werden soll.

Was ist militärisch für das Jahr 2024 zu erwarten?

Die Ukrainer:innen werden sich nach übereinstimmender Einschätzung der meisten Militärexperten auf die Defensive verlegen und versuchen, ihre Kräfte zu schonen. Diese Ansicht vertritt auch Bundesheer-Experte Rentenberger. Kiew hat zu wenig Soldaten. Dazu kommt ein eklatanter Mangel an Munition. Zunächst einmal sind beide Kriegsparteien mit der gefürchteten Schlammperiode zum Winterende konfrontiert. Die Nachschubwege sind verstellt, die Angriffe bleiben im tiefen Matsch stecken. Es wird auch 2024 einen Abnutzungskrieg geben, wobei die Verluste für Russland weiterhin höher sein werden als für die Ukraine. Es ist zudem davon auszugehen, dass der Munitionsmangel der Ukraine in den nächsten Monaten behoben wird. Ein weiterer Vorteil für die Verteidiger ist, dass ihre Soldat:innen besser ausgebildet sind als die russischen. Die Ukrainer:innen werden versuchen, Russland durch koordinierten Einsatz von Marschflugkörpern und Drohnen Schaden zuzufügen. Russland setzt weiterhin auf seine Übermacht an Artillerie und Menschen, greift aber auch mit einer Drohnen-Armada an.

Bröckelt die Unterstützung des Westens für die Ukraine?

Nach zwei Jahren Krieg gibt es Abnützungserscheinungen in Russland, stellenweise aber auch bei der westlichen Unterstützung für die Ukraine. So hat die Slowakei ihre Waffenlieferungen nach dem Wahlsieg des linken Populisten Robert Fico eingestellt. Auf der anderen Seite stellt Dänemark alle Bestände an Artilleriemunition der Ukraine zur Verfügung. Weit wichtiger aber ist, dass die USA Probleme machen. Die Anhänger:innen von Präsidentschaftskandidat Donald Trump verzögern die Freigabe von 60 Milliarden US-Dollar für die Ukraine. Republikaner:innen in der zweiten Kammer des US-Kongresses sind aber optimistisch, dass das Paket zumindest in veränderter Form verabschiedet werden kann. Die Frage ist, ob Europa einen Ausfall der USA im Fall eines Wahlsieges von Donald Trump im November als Unterstützer der Ukraine ersetzen kann.

Welche Schlüsse zieht Österreich aus dem Krieg unweit seiner Grenzen?

Die Bundesregierung hat angesichts des Krieges beschlossen, das Bundesheer aufzurüsten. Zuletzt wurden 225 neue Radpanzer des Typs Pandur angeschafft, die Kosten belaufen sich auf 1,8 Milliarden Euro. Die Angst vor Russland ist so groß, dass es keine Proteste dagegen gibt. Zudem hat das Heer den Bericht „Risikobild 2024“ präsentiert, der die geopolitischen Aussichten düster einschätzt. Unter anderem wird die Gefahr einer Konfrontation zwischen der EU und Russland als „sehr hoch“ bezeichnet.

Wie lang wird der Krieg in der Ukraine noch dauern?

Selbst die größten Optimist:innen können derzeit keine Ansätze für einen möglichen Friedensschluss oder zumindest eine Feuerpause erkennen. Diese Ansicht teilt unter anderem der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel gegenüber deutschen Medien. Kiew will den Angreifern keine Zugeständnisse machen und keine Gebiete im Osten abtreten. Ein solches Entgegenkommen würde nur dazu führen, dass Russland wenig später wieder angreifen würde, heißt es hier. Russland unter Kreml- und Kriegsherr Wladimir Putin denkt ebenfalls nicht daran, die Kämpfe einzustellen. Die internationalen Sanktionen konnten Russland bis dato nachweislich nicht zur Aufgabe zwingen, die hohen Verluste an Menschenleben und Material sind für den Kreml ebenfalls kein Grund, aufzugeben.