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Zwischen Datensatz und Duftwolke

6 Min
Unser Geruch verrät eine Menge über uns. Was wir essen, ob wir gesund sind oder krank, können unsere Mitmenschen unbewusst riechen. Wir nutzen Parfum, um unseren Grundduft zu verbessern und zu vermitteln, was wir von uns selbst zeigen wollen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Künstliche Intelligenz kann aus Daten Duftprofile errechnen. Doch ob ein Parfum zu einem Menschen passt, scheint sich erst auf der Haut zu entscheiden.


Werde ich durch KI ersetzt? Die Sorge ist berechtigt, denn Künstliche Intelligenz erobert immer mehr Berufssparten – und sogar Profi-Parfumeur:innen mit ihrem außergewöhnlich trainierten Geruchssinn müssen um ihren Job fürchten. Was früher als rein menschliche Domäne galt – die Sinnlichkeit des Riechens und des Duftes – können Algorithmen heute ganz ohne die feine Nase zusammenstellen.

„Die KI schlägt Düfte vor, die wirklich zu einem passen“, verspricht eine Influencerin auf Social Media. „Ich habe mir eine Box zusammengestellt mit fünf Proben, und da weiß ich, das sind Düfte nach meinem Geschmack.“ Im Video der Name der Firma, an die man sich wenden kann.

Bergamotte, Zitrone, Minze oder Blütennoten?

Also: ausprobieren. Immerhin suche ich den optimalen Sommerduft. In der Hoffnung auf Bergamotte, Zitrone, Minze oder zarte Blütennoten registriere ich mich bei einem Webshop, der drei verschiedene von KI zusammengestellte Parfums für 45 Euro anbietet. Als Parfumeure fungieren spezielle Algorithmen und Misch-Roboter. Das Unternehmen wolle „Benutzer in den Mittelpunkt des Erstellungsprozesses stellen“, heißt es: KI analysiere die Kund:innenvorlieben für individuelle Duftkreationen.

Ich schreite zur persönlichen Durchleuchtung. Die Algorithmen wollen eine umfassende Selbsteinschätzung vom Wohnort in Stadt oder Land über die Farbe, die mich am ehesten repräsentiert, bis hin zu Fragen, wie gesprächig, zurückhaltend, gehemmt, offen, sozial oder vergebend ich sei. Ich unterbreche die Fragestunde auf dem PC. Was machen die mit meinen Daten, frage ich mich. Und was genau hat mein Charakter mit meinem Parfum zu tun?

Was der Geruch über den Menschen verrät

Der Geruch verrät eine Menge über den Menschen, erklärt die deutsche Geruchsforscherin Bettina Pause in einem Buch zum Thema. Was wir essen, ob wir gesund sind oder krank, welche Gene, welchen Hormonspiegel und welche Emotionen wir gerade haben, könnten unsere Mitmenschen unbewusst riechen.

Die Frage, ob bestimmte Persönlichkeitstypen gewisse Parfums bevorzugen, lasse sich hingegen nicht eindeutig beantworten, berichtet die Duftpsychologin Pavlína Lenochová in einer Studie. Denn die Parfumwahl hänge auch vom Körpergeruch, von persönlichen Erinnerungen oder der Stimmung ab: Im Allgemeinen würden wir Parfum nutzen, um einerseits unseren Grundduft zu verbessern und um andererseits zu vermitteln, was wir von uns selbst zeigen wollen.

Düfte und Diskretion

Was sagt der Mensch dazu? Ich betrete das Geschäft von Parfumeur Yogesh Kumar, der sich auf individuell zugeschnittene Düfte aus natürlichen Aromastoffen spezialisiert hat, in Wien. Der Duftexperte mit ayurvedischem Hintergrund fragt mich, ob er kurz an mir schnuppern darf, und fügt als Erklärung hinzu: „Das geht leider nicht anders, denn nicht jeder Duft entfaltet sich auf dieselbe Weise auf jeder Haut. Jeder Mensch hat seinen eigenen Körperduft, daher passt nicht jede Note allen, und um die richtige zu finden, muss ich den Grundgeruch kennen.“ Er riecht an meinem Nacken und verpasst mir – völlig richtig – keine Note, die dominant holzig und schwer nach Patschuli riecht. Und auch er stellt mir, wie die KI-Parfumerie, gefühlt 100 Fragen. Allerdings gibt er die Antworten in keine Datenbank ein, sondern schreibt sie in ein Buch, was sich für mich diskreter anfühlt. Nach zwei Testreihen erhalte ich ein Parfum mit einer aus meiner Sicht überraschend cremigen Note, das ich liebe.

Soweit zum Profi-Parfumeur mit seinem trainierten Geruchssinn. Was hält er von Duft-Algorithmen? „Menschen leben mit den Sinnen und gehen in Resonanz miteinander. KI geht nicht in Resonanz, sondern sie erfasst Daten und schlichtet diese Daten in Schubladen, was mit uns Menschen eher weniger zu tun hat“, meint Yogesh.

Laut Julia Westermayr, die Duft- und Geschmacksstoffe an der Universität Leipzig erforscht, kann Künstliche Intelligenz allerdings Hilfestellungen bei der Kreation von Duftnoten bieten. „KI eröffnet neue Wege bei der Analyse und Optimierung komplexer chemischer Mischungen“, erklärt sie auf der Website der Universität.

Proben mit zauberhaften Namen

Also zurück zur KI und zum Fragebogen in der Datenbank. Immerhin gehört er noch fertig ausgefüllt. ,,Wenn Sie sich eine Sache vorgenommen haben, bringen Sie sie dann auch zu Ende?” ist die nächste Frage. Scheint so zu sein. ,,Sehen Sie sich in einer Auseinandersetzung eher als diejenige, die Frieden stiftet, oder als die, die der Wahrheit auf den Grund gehen will?” Hängt davon ab. Fix scheint mir jedenfalls, dass der Algorithmus nichts als die Wahrheit über mich wissen will. Und dass er mir als Dank für meine Ehrlichkeit ein Spitzenparfum liefern muss.

Tut er aber nicht. Sondern er sichert sich ab. „Welche Düfte bevorzugen Sie eher?“, werde ich nun gefragt und bekomme einen Multiple-Choice-Test vorgelegt. Kein Patschuli, kein Moschus, kein Oud; gerne Zitrusnoten oder Vanille; gerne blumig, aber nicht süß, wähle ich aus der Palette an Möglichkeiten. Auf diese Weise entstehen drei Düfte aus Komponenten mit zauberhaften Namen wie „After the rain“ oder „Oxygen“.

Und was geschieht mit den Daten?

Mit der Post kommen dann nicht drei, sondern fünf Proben. Zwei davon hat die KI, wie die Firma schreibt, ohne mein Zutun zusätzlich für mich kreiert. Alle Düfte sind gut, wenn man der Typ dafür ist. Sie haben verschiedene blumige Kopfnoten mit unterschiedlichen Zusatzvariationen und sind zu Beginn tatsächlich ein bisschen zauberhaft. Wäre da nicht dieselbe herb-süße Herznote, die einen leichten Mandelton und ein kleines Halskratzen übriglässt. Wäre ich in einem Geschäft, würde ich diese Kompositionen, so wie sie jetzt sind, nicht kaufen.

Die KI-Parfumerie bietet Möglichkeiten zur Optimierung an, man habe mehrere Versuche, um in die olfaktorische Zielgerade zu kommen. Denn ob ein Parfum zu einem Menschen passt, entscheidet sich scheinbar erst auf der Haut. Man kann Vanille, Mimose, Zitrone, Minze, Veilchen, Rose oder Bergamotte noch so sehr lieben – wenn sie nicht zur Chemie des Körpers passen, entfalten sie keine gute Duftspur. Und auch die Frage, warum die KI-Parfumerie letztlich derart detaillierte Daten von mir benötigt, wo meine Angaben letztlich doch nicht zu dem wurden, was ich mir wünschte, steht weiterhin im Raum.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Yogesh Kumar, 1969 in New Delhi geboren, Parfumeur, Duftberater und Anbieter von Duftseminaren in Wien.
  • Der Fragebogen für den Selbsttest zu KI-Parfums wurde bei Algorithmic Perfumery ausgefüllt und die KI-Parfums wurden ebendort zusammengestellt und aus den Niederlanden geliefert. Das Unternehmen hat außerdem eine Filiale in Wien.

Quellen

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