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Zwischen Selfie und Empathie: Reiz an Katastrophentourismus?

6 Min
Reiseunternehmen bieten Reisen in Katastrophengebieten. Oft für viel Geld.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Ein Selfie vor dem Holocaust-Mahnmal, Fitcheck in Auschwitz, eine Tour durch Tschernobyl: Warum am Strand chillen, wenn man „dunkle Orte“ bereisen kann, an denen Geschichte geschah? Bei dieser Art von Tourismus kippt Mitgefühl in Voyeurismus.


Hans war 2018 oder 2019 in Tschernobyl. Genau kann er das nicht mehr sagen. Mit fünf, sechs Freunden. Sie waren alle Studierende: Wenig Kohle, viel Abenteuerlust. “Der Flug nach Kiew hat 20 Euro gekostet”, sagt Hans. „Und wir wollten halt irgendwo billig saufen.” Dann die Idee: „Wenn wir schon da sind, können wir auch einen Tagesausflug nach Tschernobyl machen.”

Atomkraftzeichen überall

Sie stehen vor dem Eingang des Katastrophengebiets: 80 Euro-Ticket gekauft, durch die Passkontrolle. Dann weiter im Minivan, in dem eine DVD läuft: „Da hat’s nur Dokus gezeigt von Tschernobyl, aber keine aufarbeitenden Dokus, sondern so strange. Die wollten nur zeigen, wie arg der Ort ist.“

Jede:r kriegt einen Geigerzähler, um die radioaktiven Strahlen beim Besuch mitzumessen. Beim ersten Halt schlägt er aus. „Der hat voll durchgedreht, weil die Radioaktivität so hoch war. Dann haben wir ihn weniger sensibel eingestellt.“ Die Gruppe steigt aus. Erst ein kleines Dorf, dann der Blick auf Reaktorblock 4. Der Beton-Sarg, der alles zudecken soll. Weiter nach Pripjat.

Sie klettern durch die Geisterstadt, durch einen alten Freizeitpark, das Riesenrad rostet, Sträucher wachsen durch das Karussell. In einer Ruine steht ein Klavier. Der Geigerzähler piepst. Hans schaut sich um: „Das hat schon irgendwas.“

Am Ende gibt’s eine Urkunde. „Da haben sie den Geigerzähler abgelesen, wie viel Radioaktivität wir aufgenommen haben. Das wird in Mikro-Seged angegeben oder so. Auf der Urkunde steht: Sie haben an Ihrem Besuch in Tschernobyl so und so viele Mikro-Seged aufgenommen.“

Hans wirkt nicht schadenfroh. Eher fasziniert. Und ein bisschen irritiert. „Es war spannend zu sehen, wie sich die Natur das alles wieder zurückerobert.” sagt Hans. Aber das mit dem Geigerzähler? „Das war sehr auf Sensation aufgebaut.“

Erinnerung oder Event?

„Dark Tourism“ ist ein Sammelbegriff. Zu groß, findet Tourismusforscher Stefan Küblböck: „Menschen besuchen Orte, die mit Leid und Tod verbunden sind. Aber die Motivlage ist entscheidend.“ Er unterscheidet zwischen Erinnerungstourismus und Katastrophentourismus. Letzterer ist, so Küblböck, besonders gefährlich: „Da kommt schnell Voyeurismus rein.“ Etwas, wovor auch Zeitgeschichts-Professorin Barbara Sterzl-Marx warnt.

Das Problem sei nicht der Ort – sondern das Warum. Man solle sich immer fragen: „Will ich mitfühlen? Oder will ich gaffen?“ Wenn das Leid der anderen zum moralischen Spiegel für das eigene Wohlstandsdasein wird, dann wird’s problematisch. Und: „Wenn das Ganze zum Geschäftsmodell wird, wird’s bedenklich.“

So wie in Tschernobyl. „Da gibt’s überall Reisebüros, die nur für den Tschernobyl-Besuch da sind“, erzählt Hans. „Das war voll groß aufgezogen. Diese Atomkraftzeichen sind überall.” Alles wirke touristisch verpackt, sagt er. „Die Guides geilen sich dann darauf auf, wie arg das ist.“

Das echte Leben? Zwischen Slumtour und KZ-Besuch

Expertin Barbara Stelzl-Marx, spricht von „ethisch sensiblen Orten“. Für sie ist die Frage zentral: „Warum gehe ich dorthin? Will ich gedenken, lernen, verstehen? Oder geht’s um Nervenkitzel?“

In Mauthausen, sagt sie, werden Schüler:innen gut vorbereitet. Es gehe um Kontext, Biografien, Einzelschicksale. Um Respekt. Nicht um ein Selfie mit Gruselfaktor.

Hans war auch in Mauthausen. Aber nach Auschwitz würde er nicht fahren. „Das ist irgendwie zu dark für mich“, sagt er. „Das ist für mich wie Krieg. Wenn du den ärgsten Bombenanschlag anschaust, dann denkst du dir irgendwie: Das ist nur gschissen.“

Hans beginnt zu differenzieren: Vielleicht zieht er dort die Grenze, wo Menschen bewusst Leid verursachen und wo Katastrophen einfach passiert sind? Der Vergleich hinkt, sagt Barbara Stelzl-Marx. Auch Katastrophen wie Tschernobyl haben Verantwortliche, nicht einen Täter, aber viele Faktoren. „Technisches Versagen, menschliches Versagen, ein System, das Informationen vertuscht hat.“ Die späte Warnung, das lange Schweigen, waren ein Teil einer politischen Strategie. „Im Hintergrund steht das kommunistische System, das versucht hat, das Ausmaß zu verheimlichen.“

In Slums in Südafrika war Hans sehr wohl. „Da fährst du hin, links und rechts sind nur Blechtrümmer. Die Leute, die dort wohnen, sind die Parkwächter. Natürlich zahlst du für sie. Dann singen sie und wollen nochmal Geld.“ Hans sagt nicht, dass er das schön fand. Er sagt, es war traurig. Aber: „Du kannst nichts dagegen tun.“

Was dabei oft übersehen wird: Viele dieser Orte sind nicht nur moralisch aufgeladen – sie sind wirtschaftlich abhängig vom Tourismus. „Wenn die Tourismusströme wegbleiben, verlieren Menschen nicht nur ihre Häuser oder Angehörigen, sondern auch ihre Existenzgrundlage“, sagt Krübelböck. Nach Katastrophen wie dem Tsunami in Sri Lanka 2004 oder Terroranschlägen in Südostasien 2005 sei es sogar notwendig gewesen, wieder hinzufahren – aber nicht zum Schauen, sondern um zu unterstützen.

Auch Krübelböck kennt solche Touren – und war selbst einmal bei einer dabei. Für ihn ist entscheidend: „Wenn es eine Begegnung auf Augenhöhe ist, ist das legitim.“ Wenn es aber darum geht, „sich mit Geld anzuschauen, wie arm die anderen leben“, wird’s schwierig.


POV mit Doppelmoral

Dark Tourism ist kein neues Phänomen, durch Social Media erlebt es aber ein neues Level an Inszenierung. Und eine Industrie, die mit Gänsehaut Umsatz macht, befeuert das. „Was ich bedenklich finde“, sagt Küblböck, „sind Orte, zum Beispiel in Russland, wo nach dem Besuch gleich noch Maschinengewehrschießen angeboten wird. Nach dem Motto: ‚Jetzt ist es eh schon wurscht‘.“

Stelzl-Marx sagt: „Ein und derselbe Ort kann respektvoll oder respektlos besucht werden.“ Es gehe um Haltung, Vorbereitung, Nachbereitung. Um Sensibilisierung. Und darum, sich zu fragen: Wer profitiert? Wer leidet? Und was bleibt, außer einer Eisbrecher-Story fürs nächste Partygespräch?

Hans sagt am Ende: „Ich hab’ meine Gesundheit dafür nicht aufs Spiel gesetzt. Aber in Tschernobyl tun sie so, als wäre es so.“ Vielleicht bringt genau das das Problem auf den Punkt: Es fühlt sich kurz echt an. Aber am Ende ist es ein Erlebnis, das man nach dem Besuch abgeschlossen hat.


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Infos und Quellen

Genese

Als WZ-Redakteurin Nora Schäffler auf Instagram sieht, wie selbsternannte Reisende Fotos vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin posten, wird ihr unwohl. Wo sind wir falsch abgebogen? Und wo ist die Grenze zwischen inszeniertem Mitgefühl und echter Auseinandersetzung?

Gesprächspartner:innen

  • Barbara Stelzl-Marx ist Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Graz.
  • Hans ist begeisterter Urlauber.
    (Name von der Redaktion geändert)
  • Stefan Küblböck ist Professor für Tourismus- und Freizeitmanagement an der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften am Campus Salzgitter.

Daten und Fakten

  • Tschernobyl ist ein Kernkraftwerk in der Nähe der ukrainischen Stadt Prypjat, wo es am 26. April 1986 zu einem verheerenden Reaktorunfall kam. Bei einem missglückten Sicherheitstest explodierte Block 4 des Werks, wodurch große Mengen radioaktiver Strahlung freigesetzt wurden. Die Katastrophe gilt als der schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Atomkraft und machte Tschernobyl weltweit bekannt.
  • In Tschernobyl ist die Strahlung heute nicht überall gleich gefährlich. Das Reaktorgelände und der nahegelegene „Rote Wald“ sind weiterhin stark radioaktiv und gelten als gefährlich. Die Stadt Prypjat und viele Teile der Sperrzone sind dagegen weniger belastet. Dort sind geführte Touren möglich, die Strahlung ist für kurze Aufenthalte unbedenklich, dauerhaft leben sollte man dort aber nicht.
  • Mithilfe eines Geigerzählers (eigentlich Geiger-Müller-Zählrohr) misst man ionisierende Strahlung, also Strahlung, die so energiereich ist, dass sie Elektronen aus Atomen entfernt und dadurch die chemischen Eigenschaften von Stoffen verändern kann.
  • Hinweise und Tipps für Tourismus dieser Art:

    Motivation prüfen:
    Warum besuche ich diesen Ort? Aus Interesse? Zum Gedenken? Oder nur aus Sensationslust?
    Gut vorbereiten:
    Vor dem Besuch informieren: Was ist dort passiert? Welche Opfergruppen waren betroffen?
    Respektvoll verhalten:
    Versuche dem Ort und den Menschen würdig begegnen. Informiere dich, welche Kleidung dort angemessen ist, ob es in Ordnung ist Fotos zum machen, etc.
    Zeit für Nachbereitung nehmen:
    Erlebtes reflektieren, darüber sprechen und einordnen. Wenn möglich, etwas Positives daraus ableiten.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

Das Thema in der WZ

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