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Zypern: Schwieriger Arbeitsmarkt für Junge

6 Min
Die geschäftige Ledra-Straße im griechischen Teil Nikosias.
Die geschäftige Ledra-Straße im griechischen Teil Nikosias.
© Fotocredit: Florian Bayer

Zypern kennt man vor allem als Urlaubs- und Steuerparadies. Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre wirkt aber weiter nach. Welche Perspektiven haben die Jungen im drittkleinsten EU-Staat? Eine Recherche vor Ort. 


„Your ID please“, sagt die zypriotische Grenzbeamtin und lächelt. Keine fünf Minuten dauert das Durchschleusen von der „griechischen“ zur „türkischen“ Seite in Nikosia, vorausgesetzt, man hat den richtigen Pass. Von der touristischen Ledra-Einkaufsstraße, die jäh endet, geht es durch einen kurzen Gang mitten durch die Pufferzone. Und schon steht man im türkischen Landesteil, den auch Tourist:innen gern tageweise besuchen für einen Blick über die Grenze − und günstige Souvenirs. 

Dort, im Nordteil Zyperns, ist das Leben aber härter als im Süden: Die Einkommen niedriger, die Arbeitslosigkeit höher, viele haben keinen EU-Pass, da sie oder ihre Eltern aus der Türkei zugewandert sind und die 1983 ausgerufene „Türkische Republik Nordzypern“ international nicht anerkannt wird.

Hohe Jugendarbeitslosikeit im EU-Vergleich

Vor allem für die Jungen gibt es wenig Perspektiven, ist doch keine Lösung des fast 50-jährigen Konflikts in Sicht. Doch auch im Süden ist die berufliche Situation für Jugendliche und junge Erwachsene schwierig. Noch immer hängt die Wirtschaftskrise ab 2008 dem Land nach. Am Höhepunkt der Krise, 2013, lag die Jugendarbeitslosigkeit (15-24 Jahre) bei rund 38 Prozent. Auch heute noch beträgt sie 16 Prozent, einer der höchsten Werte in der EU. Zum Vergleich: In Österreich liegt sie bei elf Prozent, das damit auf Platz sieben liegt.

Ein Foto der Green Line in der Nacht.
Die Green Line trennt den griechischen Süden vom türkischen Norden.
© Fotocredit: Florian Bayer

Zwei-, dreimal ums Eck vom Grenzübergang im türkisch-zypriotischen Teil der Hauptstadt und man landet im Holloi Polloi, einer alternativen Kneipe mit alternativem Rock und später Sperrstunde. Wo noch weiter gefeiert wird, wenn ringsum schon die Gehsteige hochgeklappt sind. Dort warten Saleh und Maria (Namen auf ihren Wunsch geändert), beide um die 30, auf uns, um mehr über die schwierige Jobsituation zu erzählen.

Saleh

„Ich bin 2013 aus dem Jemen nach Zypern gekommen und arbeite bei der Refugee Right Association. Wir haben ein Projekt mit dem UNHCR für Asylsuchende und Flüchtlinge. In Nordzypern gibt es keinen Asylmechanismus, was viele Nachteile für Flüchtlinge mit sich bringt, besonders am Arbeitsmarkt. Im Süden dürfen sie arbeiten, während sie um Asyl ansuchen, im Norden ist es das Gegenteil. Ich sehe Hoffnung auf Wiedervereinigung und Frieden, besonders unter der jüngeren Generation, obwohl es viele offene Fragen gibt, wie die Landverteilung und der Einfluss der Türkei.“ 

Maria

„Ich finde es schwierig, vom Mindestlohn zu leben, besonders, seit die türkische Lira eingebrochen ist und die Preise explodiert sind. Ich wohne im Nordteil Nikosias, arbeite aber im Süden bei einer Glücksspielfirma, wo ich etwas über 1.000 Euro verdiene. Das ist mehr, als ich hier verdienen würde, reicht aber trotzdem kaum aus. Früher habe ich eine Weile in Lissabon gelebt, da das Geld, das ich hier verdiente, nicht ausreichte. Dort habe ich bei verschiedenen Firmen im Kundenservice gearbeitet, bin aber wegen der immer höheren Lebenshaltungskosten wieder nach Zypern zurückgekehrt. Ich lebe wieder bei meinen Eltern.“

Auch wenn die Lage im Norden noch schwieriger ist als im Süden: Auch im Süden haben die Jungen zu kämpfen. So gibt es kaum Stellen für Akademiker:innen, gibt es doch keine nennenswerte Industrie, auch kaum größeres Gewerbe. Eine Zeitlang boomten Wirtschaftsberatung, Kanzleien und Anwaltsfirmen, die für internationale Firmen tätig sind. Auch für Start-Ups war Zypern wegen der niedrigen Steuern sehr attraktiv. Die goldenen Zeiten sind aber vorbei.

Wichtigster Wirtschaftsfaktor bleibt der Tourismus, der ein Fünftel der Wirtschaftsleistung ausmacht. Attraktive Jobs gibt es hier aber nicht viele. Gerade im Servicebereich arbeiten viele Zugewanderte. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gibt es EU-weit nirgends mehr Asylanträge als in Zypern – was natürlich den Druck auf dem Arbeitsmarkt erhöht.

Tausende ohne geregeltes Beschäftigungsverhältnis

Wenig hilfreich ist laut Expert:innen, dass Staat und Gesellschaft sich damit abgefunden haben, dass Tausende ohne geregeltes Beschäftigungsverhältnis und ohne Sozialversicherung arbeiten. Dies betrifft vor allem Drittstaatsangehörige, von der Bauwirtschaft über Zustellung bis hin zur Hotellerie. In der Nebensaison oder bei Auftragsflaute hängen sie ohne Job in der Luft. Natürlich werden so auch die Löhne gedrückt – und viele Sparten für Einheimische unattraktiv.

Die Auswahl für junge Akademiker:innen ist dünn. „Es ist absolut üblich, dass Junge nach dem Studium ins Ausland gehen“, sagt Christina Yiannapi. Sie arbeitet im Cyprus Youth Council, der die Rechte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der zypriotischen Politik wie auch auf europäischer Ebene vertritt.

Ein Foto von Christina Yiannapi vom Cyprus Youth Council.
Wer nicht gerade den Betrieb der Eltern übernehmen kann oder will, habe Schwierigkeiten, einen adäquaten Job zu finden, sagt Christina Yiannapi vom Cyprus Youth Council.
© Fotocredit: Florian Bayer

Zwar würden viele nach ein paar Jahren zurückkommen, wie Yiannapi sagt. Wer aber nicht gerade den Betrieb der Eltern übernehmen kann oder will, habe Schwierigkeiten, einen adäquaten Job zu finden. Aus eigenen Kräften etwas aufzubauen, ist damit für viele schwer. Mehr als die Hälfte der 18-29-Jährigen lebt daher noch bei den Eltern. Und Zypern zählt zu den EU-Ländern mit dem geringsten Anteil junger Menschen, die angaben, positiv in die Zukunft zu blicken: Bloß 49 Prozent tun das.

„Die Lage ist schwierig, aber es wird besser“, sagt Andrianna Adamantou, Expertin für Jugendarbeitslosigkeit im (süd-)zypriotischen Arbeitsministerium. Sie verweist auf ein noch junges Programm, für das vier mobile Teams in Städten und am Land unterwegs sind. Das Ziel: Junge, die noch bei ihren Eltern leben, zu erfassen und ins Arbeitsmarktsystem zu bringen. Erst dann können sie unterstützt und vor allem vermittelt werden. Am wichtigsten ist es, zu verhindern, dass Junge in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen. Aus der kommen sie nämlich am schwersten wieder heraus.

Junge waren auf den „richtigen“ Job

Adamantou berichtet auch von einem suboptimalen Verständnis der Arbeitsmoral: Viele Junge würden von ihren Eltern unterstützt und warten auf die „richtige“ Art von Job, wie sie sagt. Vor allem im beliebten öffentlichen Dienst, wo sichere Stellen und gute Bezahlung winken. Am Weg dorthin hilft es, die richtigen Leute zu kennen. Nepotismus, das bestätigen alle Gesprächspartner:innen, ist ein großes Problem, auch wegen der Kleinheit des Landes – zusammen haben Nord- und Südteil nur etwa 1,2 Millionen Einwohner. Konkurrenzfähigkeit, so die Expertin, wird dadurch nicht gefördert.

Trotz aller Probleme gibt es auch gute Entwicklungen: Auch wenn der Entrepreneur-Boom der letzten 15 Jahren wieder abflaut, gibt es immer noch Wachstumsbereiche, etwa im IT- und Finanzbereich, im Marketing oder bei medizinischem Personal. Auch dürften 2023 sogar mehr Tourist:innen nach Zypern gekommen sein als im bisherigen Rekordjahr 2019. Der Coronaschock, der Zypern stark getroffen hat, war also kein nachhaltiger.

Klimawandel trifft Zypern

Eine offene Frage, auf die noch keiner eine Antwort hat, die aber immer brisanter wird: Wie entwickelt sich der Tourismus mit fortschreitendem Klimawandels weiter? Schon jetzt herrschen wochenlang mehr als 40 Grad im Sommer. Für viele Tourist:innen dürfte es bald schlichtweg zu heiß werden.