Morgens um 10.30 steige ich in den Railjet, der mich zum Europäischen Forum Alpbach bringen soll. Der Zug ist voll, Sitzplätze sind knapp. Wenig später kommt die Durchsage: "Wegen eines Polizeieinsatzes ist dieser Zug zehn Minuten verspätet."Anders als meine Mitreisenden, die sich noch fragen, was da los ist, kann ich mir sofort vorstellen, was oder besser wer die Verzögerung verursacht. Erst am Donnerstag hatte die Polizei 93 Flüchtlinge am gegenüberliegenden Bahnsteig aufgegriffen. Sie wollten nach Deutschland und weigerten sich über Stunden, mit der Polizei mitzugehen. Zwei entnervte Durchsagen des Zugführers später, fahren wir dann doch los. Im Vorbeifahren kann ich nicht zählen, wie viele es sind. Vielleicht siebzig, vielleicht hundert. Sie sind abgemagert und selbst die Gesichter der älteren Männer sind zu einer verzweifelten Grimasse verzerrt. Sie halten die Tränen gerade so zurück. Aus dem Zug blicken ihnen ernste Gesichter entgegen. Wir starren, sie starren zurück Und dann geht das spontan formierte Diskussionspanel an Bord des Zuges los. "Aha, das sind also die Schuldigen an der Verspätung", sagt eine alte Frau neben mir. Sie schüttelt den Kopf, beginnt in ihrer Tasche kramend zu schimpfen: "Ich hätte längst zu Hause sein können, aber so?"  Die Verspätung beträgt nicht einmal 30 Minuten und die Leute auf dem Bahnsteig werden vielleicht nie wieder nach Hause können. Mittlerweile telefoniert sie: "Ich komme zu spät. Diese Flüchtlinge haben mir den Weg versperrt." Zwei Reihen weiter diskutiert ein Bayer, der allein so breit ist, wie drei der ausgehungerten jungen Männer draußen zusammen: "Wenn sie nicht immer in den Krieg ziehen würden, dann müssten’s auch ned dauernd flüchten", erklärt er seinem Sitznachbarn  Ich habe genug. "Wie bitte? Erklären Sie mir das noch einmal genau!", sage ich laut.  "Syrien ist doch im Vergleich zu Österreich 100 Jahre in der Vergangenheit", sagt er jetzt. Ich koche innerlich, werde jedoch von einer Beobachtung abgelenkt. Zwischen den wild gestikulierenden Wutbürgern sitzen auf einmal ein paar Leute, die vorher noch nicht da waren. Sie hatten sich erst auf die Plätze gesetzt, als der Zug schon losgefahren waren. Ein Mädchen neben mir ist kaum 12 Jahre alt. Sie trägt Jeans und ein zerschlissenes langärmliges Shirt und ist mucksmäuschenstill. Ein Typ in Halbschuhen, die aussehen, als seien sie sehr teuer gewesen, zählt die Leute mit den Augen durch, reicht ihnen die Tickets. Sie hatten sich wohl auf der Toilette verbarrikadiert, als die Polizei durch die Sitzreihen ging. Nur Sekunden später ist das Mädchen an meiner Schulter eingeschlafen. Das spontan formierte Panel zur Flüchtlingsdebatte jedoch, bekommt minütlich mehr Teilnehmer. Bestimmt zehn Leute reden jetzt schon durcheinander. Die meisten schimpfen, spinnen Verschwörungstheorien, schwingen Stammtischreden. Einige wenige lehnen sich dagegen auf, doch sind hilflos gegen die Ignoranz. Und so viele andere sind still. Ich auch, nachdem ich zweimal ruhig aber bestimmt aufgefordert worden bin, mich zu beruhigen und wieder hinzusetzen. Währenddessen bekomme ich Einladungen zu Pressekonferenzen, Diskussionen und Antworten auf Interviewanfragen per Mail. Es ist Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Die nächsten zwei Wochen werde ich in einer Blase verbringen. Am Eurpäischen Forum Alpbach werden intelligente, gebildete, wohlhabende und noch ein paar andere Leute interessante Diskussionen miteinander führen und sich einbilden, dass sie damit die Welt verändern. Dabei ist die Welt doch hier draußen, zum Beispiel in diesem Zug.