"Wiener Zeitung": Frau Haverkamp, welche Herausforderungen hat die "Migrationskrise" für den Rechtsstaat gebracht?

Rita Haverkamp: Das ist eine große Frage. Meines Erachtens ist nicht die Migration das Problem, sondern die Reaktion darauf.

Wie hätte der Rechtsstaat darauf reagieren sollen?

"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp von der Universität Tübingen. - © Friedhelm.Albrecht
"Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie", sagt die Kriminologin Rita Haverkamp von der Universität Tübingen. - © Friedhelm.Albrecht

Der Fokus lag auf der Willkommenskultur. Befragungen zufolge war zu der Zeit eine Mehrheit der Deutschen für eine Aufnahme von Geflüchteten. In einer pluralen und demokratischen Gesellschaft wird es immer unterschiedliche Auffassungen geben. Nicht zu vergessen ist, dass auch der ablehnende Teil der Bevölkerung nicht homogen ist und folglich im ablehnenden Teil ein Meinungsspektrum besteht. Beim Rechtsstaat - also der Justiz - erkenne ich keine Versäumnisse.

Wie gut funktioniert derzeit die Integration von Geflüchteten?

Ich glaube, da kann man noch kein abschließendes Urteil fällen. Denn Integration ist ein langjähriger Prozess, der über Generationen andauert. Wir stehen erst am Anfang und müssen sehr viel Geduld haben. Ich finde, der Begriff der Integration ist in den Hintergrund geraten.

Warum?

Nach der Kölner Silvesternacht wendete sich allmählich der Kurs gegenüber Geflüchteten. Aufgrund populistischer Strömungen konnte sich eine Abschottungspolitik durchsetzen.

Wieviel Schuld tragen die Medien an der derzeitigen Situation?

Wenn man den Begriff Medien benutzt, muss man zwischen traditionellen und sozialen Medien unterscheiden. Man muss sich den Bedeutungszuwachs von sozialen Medien vergegenwärtigen. Denn sie sind komplett abgekoppelt von den traditionellen Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio. Was wir in verschiedenen Ländern beobachten, ist, dass Menschen sich in ihrer Blase bewegen. Dieses Blasendenken befördert die sozialen Medien, da man sich nur noch mit bestimmten Inhalten auseinandersetzen muss. Wenn sie zum Beispiel einen Bericht im Radio hören, bekommen sie zwangsläufig Dinge mit, die sie nicht hören wollen. Dieser Information sind sie in den sozialen Medien nicht mehr ausgesetzt. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn es um Polarisierung geht: Wenn Menschen sich in Blasen aufhalten, wird es schwierig, miteinander zu kommunizieren.