Boulevardmedien zeichnen oft das Bild des kriminellen Asylwerbers. Wie sehen die Fakten aus?

Natürlich ist ganz klar: Wenn wir Zuwanderung haben, gibt es auch Menschen, die Delikte begehen. Es stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. In Ungarn gilt, ein Flüchtling ist illegal und damit kriminell. Das liegt schon alleine daran, dass illegale Einreise ein Straftatbestand ist. Schon dadurch können Menschen Kriminalität erzeugen. Wenn wir allerdings Alltagskriminalität nehmen und uns anschauen, welche Delikte Flüchtlinge begehen, ist ein anderes Bild zu sehen. Wir haben herausgefunden, dass Bagatellkriminalität oder minderschwere Straftaten wie Ladendiebstahl oder Schwarzfahren überwiegen. Das sind klassische Delikte, die auch Einheimische begehen.

Männliche Jugendliche haben ein besonders hohes Risiko, kriminell zu werden. Woran liegt das?

Zwei Drittel der Geflüchteten sind junge Männer unter 30 Jahren. Junge Menschen begehen deutlich mehr Kriminalität. Jugendkriminalität ist normal, über alle Schichten verbreitet und episodenhaft – unabhängig von Nationalität oder Ethnie. Das bedeutet, dass es völlig normal ist, dass Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Milieus vorübergehend eine oder mehrere leichte Straftaten, wie etwa Ladendiebstahl oder Schwarzfahren, begehen.

Warum reden Menschen dann davon, dass so viele Asylwerber Delikte begehen?

Da sind wir beim Thema der alternativen Fakten. Es gibt ja sogar Vergewaltigungsticker, die einen benachrichtigen, wenn wieder ein Flüchtling eine Deutsche vergewaltigt. Die Frage ist: Woher kommen diese Informationen? Das sind vielfach Gerüchte, die nicht valide sind, aber für bare Münze genommen werden. Das ist ein Problem, gegen das andere Menschen nicht argumentieren können. Fakten können Glauben nicht überwinden. Natürlich haben Fakten auch Verzerrungsfaktoren, etwa wenn wir nur einen gewissen Ausschnitt der Kriminalität erfassen. Aber das gehört nun einmal zum seriösen wissenschaftlichen Geschäft. Das Problem ist, dass die Welt differenziert ist.

Wie sieht es denn bei der Kriminalität gegen Geflüchtete aus?

2015/16 wurde insofern ein unrühmlicher Höhepunkt erreicht, als die Zahl der Delikte gegen Asylsuchende die der frühen 1990er-Jahre übertroffen hat. Es gibt unterschiedliche Zahlen, was die Übergriffe auf Asylsuchende betrifft. Die Polizei hat ein Meldesystem, wo sie bei Anzeigen entsprechend ankreuzen muss, dass es sich zum Beispiel um Hasskriminalität handelt. Das wird aber nicht einheitlich gehandhabt, weil es ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand ist. Daher geht man von einer Untererfassung aus. Auf der anderen Seite gibt es die Zahlen von der Amadeu Antonio Stiftung, wo man von einer Übererfassung ausgeht. Klar ist: Es gibt eine Reihe von Taten, die nicht erkannt werden, obwohl sie sich bewusst gegen Asylwerber richten.