Wiener Zeitung:Wie kann die technologische Vorreiterrolle Europas sichergestellt werden?

Sabine Herlitschka: Bei der Fußball-WM haben zuletzt nur europäische Länder um den Titel gespielt aber im globalen Match um die technologische Vorreiterrolle läuft Europa Gefahr, deutlich den Anschluss zu verlieren. Mit dem digitalen Wandel werden Forschung, Innovation und industrielle Produktion zu geopolitisch strategischen Faktoren.

China und die USA agieren hier mit Protektionismus und massiven Investitionen in Schlüsselkompetenzen, wie beispielsweise die Mikroelektronik, Künstliche Intelligenz oder die Biotechnologie. Europa muss angesichts dieser Dynamik mit einer strategisch ausgerichteten und finanziell bestens ausgestatteten Industrie- und Technologiepolitik Stärke zeigen. Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung in einem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wettbewerb, und dieser wird über die strategische technologische Kompetenz entschieden. Mit der technologischen Wettbewerbsfähigkeit steht viel auf dem Spiel – es geht um nicht weniger als die Souveränität Europas und damit um unsere europäischen Werte wie Demokratie, Chancengleichheit und soziale Standards.

Welche Forschungsbereiche werden als Schlüsseltechnologien gesehen?

In Vorbereitung des kommenden 9. EU Forschungsrahmenprogramms "Horizon Europe" war ich Anfang des Jahres als Mitglied der "EU High Level Strategy Group on industrial technologies" persönlich daran beteiligt, die neue Generation von Schlüsseltechnologien (Key Enabling Technologies – KETs) zu definieren. 2009 wurden von der Europäische Kommission sechs KETs als strategisch zentral für die globalen Wachstumstrends und damit für Europa identifiziert: Nanotechnologie, Mikro- und Nanoelektronik, Photonik, Werkstoffe, Biotechnologie und Produktion. Diese technologiepolitische Fokussierung hat seither Wirkung gezeigt: 65% aller EU-Regionen und 15 Mitgliedsstaaten haben mittlerweile eine der sechs KETs "as a smart specialisation priority" definiert.

Als Expertengruppe haben wir nun vorgeschlagen, innerhalb von drei große Clustern – Produktions-, Digital- und Cybertechnologien – die bestehenden Schlüsseltechnologien Werkstoffe und Nanotechnologie, sowie Mikro- /Nanoelektronik / Photonik zusammenzuführen und den Schwerpunkt Biotechnologie zu Life-Science-Technologien auszuweiten. Dieser neuen Struktur haben wir zwei neue KETs hinzugefügt, die grundlegend für die aktuellen Entwicklungen sind: Digitale Sicherheit und Konnektivität sowie Künstliche Intelligenz.