Hurra, der Neue ist da! Ruck, zuck wird ihm die kurze Hose runtergezogen, schon wird ihm die bunte Strickmütze vom Kopf gehauen, und ehe er es sich versieht, steckt er in einer weißen Zwangsjacke. Schwester Waltraud stellt ihm seine neuen Freunde vor: "Das ist unser kleiner Friedrich. 1937 bis 42. Todesursache laut Akte: Schwachsinn."

So grob wird man begrüßt, als Neuer in der NS-Kinderklinik "Am Spiegelgrund". Zumindest wenn es nach dem Autor Christoph Klimke geht. Er hat für den Choreographen und Regisseur Johann Kresnik, der nach langer Abwesenheit wieder in Wien inszenierte, das Stück "Spiegelgrund" verfasst. Mit dieser Uraufführung hat am Sonntag die Ära Schottenberg am Volkstheater durchaus erfolgreich und bestens akklamiert begonnen.

Mit dem politischen Gegenwartsbezug und einer viel raueren Inszenierung unterscheidet sich der zweistündige Abend grundlegend von dem feingeistigen und poetischen Requiem, das Christoph Marthaler zu diesem Thema bei den diesjährigen Wiener Festwochen veranstaltete.

Das Stück eignet sich jedenfalls hervorragend, um ein politisches Bekenntnis abzulegen: Es beruht auf historischen Dokumenten und Gesprächen mit Zeitzeugen, es mischt Träume der Spiegelgrund-Kinder mit surreal anmutenden Szenen aus der Anstalt, erfindet eine zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Eingesperrten und rollt den Fall Gross auf.

Karriere mit Euthanasie

Der ehemalige NS-Arzt machte trotz seiner Beteiligung an der Ermordung hunderter Kinder in der Zweiten Republik Karriere als Psychiater und Gerichtsgutachter und blieb lange von der Justiz unbehelligt. Erst im Jahr 2000 begann der Prozess gegen Gross, der aber wegen Verhandlungsunfähigkeit (Diagnose: fortgeschrittene Demenz) auf unbestimmte Zeit vertagt wurde.

Auch diese Szene wird am Volkstheater köstlich ausgeweidet: Rainer Frieb sitzt als Dr. Gross auf einem Kindersarg, lässt sich für dumm erklären, schweigt, aber grinst perfid.

Doch vielleicht überholt hier die Wirklichkeit bald das Theater: Erst jüngst tauchten neue Dokumente auf, die Heinrich Gross schwer belasten. Derzeit wird geprüft, ob der Fall wieder aufgenommen wird.

Theater mit Profil

Dieser aktuelle politische Aspekt dürfte es Regisseur Johann Kresnik auch besonders angetan haben: Der 66-Jährige, der in den 60er Jahren als einer der wichtigsten Erneuerer des Tanzes im deutschsprachigen Raum galt, ist seinen Idealen (Gesellschaftskritik auf die Bühne zu bringen) und seinen Überzeugungen (der Sohn eines Kärntner Bergbauern ist mit 17 in die Kommunistische Partei eingetreten und heute noch bekennendes Mitglied) treu geblieben - auch wenn sich die Zeiten geändert haben.

Das ist bewundernswert. Aber die Zeit ist an seinen Arbeiten nicht ganz spurlos vorüber gegangen. Bei manchen überdeutlich akzentuierten Szenen (etwa die Sex-Szenen) kann man nur mehr milde abwinken.

Etwas steif geraten

An diesem Abend sind auch die Massen-Szenen etwas danebengegangen. Wie sich die zwölf Schauspieler auf der schneeweißen Drehbühne formieren, die einmal wie ein Verließ mit Gitterstäben aussieht und einmal eine extreme Schräglage annimmt (Bühne: Bernhard Hammer), mutet doch etwas steif und betulich an.

Die stärksten Momente hat die Inszenierung immer dann, wenn sie weg von den inszenierten Standbildern, hin zu den Schauspieler-Szenen geht.

Wie etwa Rainer Frieb den Heinrich Gross spielt, ist ein Erlebnis. Mit süffisantem Dauergrinsen im Gesicht, macht er aufs Eleganteste gute Miene zum bösen Spiel. Und dann Silvia Fenz als widerborstige Anna! Ihr wildes Aufbegehren, das bald in ein "Das-ist-alles-so-gemein"-Gemurmel übergeht und schließlich mit einem leisen Wimmern erstirbt, geht einem durch und durch. Allein deshalb sollte man sich den "Spiegelgrund" ansehen.