Montag, 12. März 1945: Um 12 Uhr 15 heulen in Wien wieder einmal die Sirenen: Fliegeralarm. Hunderttausende Menschen, Frauen, Kinder und Greise, suchen in den Kellern ihrer Wohnhäuser Schutz vor dem Bombenhagel der alliierten Luftwaffenverbände.

Als ungefähr zwei Stunden später Entwarnung gegeben wird, hat die Stadt den schwersten Fliegerangriff seit dem 12. April 1944, als sie zum ersten Mal bombardiert wurde, hinter sich. Die Schäden sind enorm. Der Stephansdom, die Oper, das Kunsthistorische Museum, das Burgtheater, der vom Industriellen Heinrich Drasche erbaute Heinrichshof (gegenüber der Oper) und zahlreiche öffentliche Gebäude und Privathäuser in der Innenstadt und im Kaiviertel sind schwer beschädigt, es gibt zahllose Tode und Verletzte.

Ein Zeitzeuge, der Diplomat Josef Schöner, hielt in seinem Tagebuch fest: "...keine Tram, in der Richtung der Inneren Stadt stehen schwere Rauchwolken. Tramschienen ragen gegen Himmel, Oberleitungen und Straßenlampen hängen wüst auf die Straße herab, überall Glassplitter und Gesteinstrümmer." Aber das Ausmaß der riesigen Schäden war für einen Einzelnen nicht zu überblicken.

Klostermarienberg

Zweieinhalb Wochen später, am 29. März 1945, gegen Mittag, überschreiten Truppen der Roten Armee beim burgenländischen Klostermarienberg die österreichische Grenze. Sie stoßen rasch weiter vor. In Wien wird am 1. April der Straßenbahnbetrieb eingestellt, Gas und Strom werden nur noch stundenweise abgegeben, das Wasserleitungsnetz ist teilweise unterbrochen, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln wird knapp und knapper.

Am 2. April erklärt der Reichsverteidigungskommissar Baldur von Schirach die Stadt zum Verteidigungsbereich. Führerbefehl: Adolf Hitler, der vom Bunker der Berliner Reichskanzlei aus nach wie vor seine geisterhaften Anordnungen trifft, will es so. Wien, so hat er befohlen, ist bis zum letzten Stein zu verteidigen. Diesem Befehl wird von den Nazibonzen wie von den Militärs Folge geleistet, bedingungslos, koste es, was es wolle.

Zu den wenigen Männern, die den Mut haben ihm zuwider zu handeln, gehört Major Carl Szokoll, einer der leitenden Offiziere im Wehrkreiskommando XVII. Wien darf nicht das Schicksal Budapests erleiden, das nach 55tägiger Belagerung, völlig zerstört, von den Russen eingenommen wurde. Opferbilanz: mehr als 120.000 Tote!

Carl Szokoll hat unter dem Decknamen "Operation Radetzky" einen Plan ausgearbeitet, der die Wiederholung einer solchen Tragödie verhindern soll. Zum Kreis um ihn gehörte eine Reihe von Offizieren, es gab auch Kontakte zur zivilen österreichischen Widerstandbewegung.

Ziel: Kampflose Übergabe

Szokolls Strategiepapier sah eine Änderung der sowjetischen Angriffsplanung für die Eroberung Wiens mit dem Ziel der kampflosen Übergabe der Stadt vor. Dazu war zum gegebenen Zeitpunkt die Kontaktnahme mit der für den Raum Wien zuständigen sowjetischen Armeeführung vorgesehen.

Dieser Augenblick ist nun gekommen. Am 1. April 1945 spätabends machen sich Oberfeldwebel Ferdinand Käs und sein Chauffeur Johann Reif mit einem fingierten Marschbefehl im Dienstwagen Szokolls zum russischen Oberkommando auf den Weg. Sie haben sich freiwillig dazu bereit erklärt. Es ist ein Himmelfahrtskommando. Auf abenteuerliche Weise erreichen sie im Semmeringgebiet die vorderste Linie der Roten Armee. Sie werden gefangen genommen und geraten in die Hände eines Unterleutnants, der die Einheit kommandiert.

Der Russe spricht ein wenig deutsch. Käs macht ihm mühsam seine Mission begreiflich. Er und Reif werden verhört, von einer Einheit zur nächst höheren weiter gereicht, bis sie schließlich in Hochwolkersdorf landen, wo sie in einem Bauernhaus Generaloberst Aleksej W. Zeltov und seinem Stab vorgeführt werden. (Tags darauf wurde im selben Haus übrigens Dr. Karl Renner von den Sowjets mit der Aufgabe betraut, die Souveränität Österreichs wieder herzustellen).

Käs informiert Zeltov über die Verteidigungspläne der deutschen Truppen im Raum von Wien und bespricht die Details des geplanten Zusammenspiels zwischen den vorrückenden sowjetischen Armee- Einheiten und der österreichischen Widerstandsbewegung. Er erhält die Zusage, dass die angloamerikanischen Luftangriffe auf Wien eingestellt werden (die nötigen Absprachen führten die Russen, ab 4. April 1945 gab es tatsächlich keine Bombardierungen mehr) und dass die Versorgung der Wiener Bevölkerung mit Hochquellenwasser gewährleistet bleibt.

Nach den stundenlangen Gesprächen treten Käs und Reif in den späten Abendstunden des 3. April 1945, als Rotarmisten verkleidet und von einem Oberstleutnant mit 40 Soldaten als Bedeckungsmannschaft begleitet, den Rückweg an. Über Soos und Alland gelangen sie nach Wien. Käs erstattet Szokoll in einem Haus im 6. Gemeindebezirk Bericht über seine abenteuerliche Mission. Dieser bespricht seinerseits mit seinen Vertrauten im Detail die Durchführung der "Operation Radetzky", die nun anzulaufen beginnt.

Operationsplan verraten

Aber sie wird im Keim erstickt. Ein NS-Führungsoffizier namens Walter Hanslik, hat den Operationsplan verraten. Die führenden Männer der militärischen Widerstandsbewegung, Major Biedermann, Hauptmann Huth und Oberleutnant Raschke werden verhaftet und am 8. April 1945 am Floridsdorfer Spitz auf offener Straße gehängt. Käs und Szokoll können sich, in letzter Sekunde gewarnt, der Verhaftung entziehen.