Die Flucht der sozialdemokratischen Führung versetzte die Tschechen jedenfalls gehörig in Aufregung und sorgte für kontroversielle Diskussion. Wobei viele, die sonst der Arbeiterbewegung wohl gesonnen waren, die "Absetzbewegung" Bauers kritisierten. So auch das "Prager Tagblatt", das führende deutschsprachige Medium im Prag jener Tage: Eine Anekdote Friedrich Torbergs, nachzulesen in seiner "Tante Jolesch", gibt Auskunft sowohl über Wesensmerkmale damaliger Journalisten wie auch über die gnadenlose Kritik, die sich der geflohene Otto Bauer gefallen lassen musste.

"Entsetzliches Chaos"

Das "Prager Tagblatt", so schreibt Torberg, nahm die Flucht der sozialdemokratischen Spitze zum Anlass für einen geharnischten Leitartikel. Die Feder führte dabei der Herausgeber Rudolf Keller höchstpersönlich. Er warf den Führern der Sozialdemokratie vor, sich abgesetzt zu haben, während die verlassenen Schutzbündler auf den Barrikaden standen und starben. Tags darauf sei eine Abordnung der im Prager Parlament vertretenen Deutschen Sozialdemokratischen Partei bei Keller erschien, um zu protestieren. Der für seine Zerstreutheit bekannte Mann hörte sich die Vorwürfen an, um zu replizieren (Zitat Torberg):

"Meine Herren, Sie wissen doch, wie es in einer Redaktion zugeht - besonders an einem so aufregenden Tag - da herrscht ein entsetzliches Durcheinander - die Meldungen überstürzen sich - man weiß gar nicht, wo man zuerst hinhören soll - meine Herren: da kann es schon passieren, dass man einmal die Wahrheit schreibt."

Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Charles Adam Gulick, der sich zwei Jahre nach den Februar-Ereignissen in Österreich umtat und die Geschehnisse des Aufstandes genau recherchiert hat, ließ die SDAP-Spitze dagegen ungeschoren. Er konnte allerdings bereits im Jahr 1948 die amerikanische Öffentlichkeit in einem monumentalen zweibändigen Werk über die Bedeutung des tschechischen Exils für die österreichische Sozialdemokratie informieren. Demnach versammelten sich viele verzweifelte "Rote" ab Februar in Brünn, um nach dem vernichtenden Desaster die weitere Vorgehensweise festzulegen.

Konferenz in Blansko

Die Grundprinzipien der illegalen Sozialdemokratie wurden dabei in einer Zusammenkunft beschlossen, die als "Wiener Konferenz" bekannt wurde. Ein Irrtum, wie Gulick schreibt, denn in Wahrheit fand das Treffen in der südmährischen Kleinstadt Blansko, 30 Kilometer von Brünn entfernt, statt. Und dort wurde nicht nur beschlossen, dass die Sozialdemokratie mit "revolutionären Mitteln" kämpfen werde. Die Genossen, so berichtet Gulick, dessen Sympathien eindeutig auf Seiten der Arbeiterbewegung waren, hatten nach den Februar-Erfahrungen vorerst den Glauben an die Demokratie verloren und gedachten, nach der Überwältigung des Faschismus in Österreich eine "revolutionäre Diktatur" zu errichten.

Hilfe und Schikanen

Auch die deutschsprachige tschechoslowakische Sozialdemokratie spielte während und nach den Februartagen 1934 eine nicht unwesentliche Rolle, wie in der oben erwähnten Torberg-Anekdote bereits angeklungen ist: Es gab Solidaritätskundgebungen im ganzen Land, Mitglieder der sozialdemokratischen "Republikanischen Wehr" fuhren an die Grenze, um geflüchteten und verwundeten Schutzbündlern zu helfen. Den entkommenen Sozialdemokraten wurde finanziell unter die Arme gegriffen und das Erscheinen der "Arbeiter Zeitung" ermöglicht.