Am 23. Dezember 1936 stieß Dr. Gerhard Schrader, ein Wissenschaftler bei dem deutschen Chemiegiganten IG (Interessensgemeinschaft) Farbenindustrie AG, dem größten deutschen Wirtschaftsunternehmen (das nach dem Krieg von den Alliierten aufgelöst wurde), bei Forschungen zur Herstellung von Insektenvertilgungsmitteln auf ein außerordentlich starkes Gift. Wie sich herausstellte, tötete die später Tabun genannte Substanz nicht nur Blattläuse, sondern hatte auch äußerst unangenehme Nebenwirkungen auf den menschlichen Organismus. Schrader und seine Mitarbeiter waren drei Wochen krank. Dabei hatten sie ungeheures Glück, dass die Menge so klein gewesen war. Sie hätten auch sterben können - denn Schrader hatte unabsichtlich den bis dahin stärksten chemischen Kampfstoff gefunden.

Später wurden noch giftigere Exemplare dieser Stoffgruppe (Phosphorsäureester) gefunden: Sarin 1938 und Soman 1944. Die Verwendbarkeit von Schraders "Insektengift" als Kriegswaffe wurde rasch erkannt und Tabun sofort strengster Geheimhaltung unterworfen. Tatsächlich wussten die Alliierten bis 1945 nichts von den Nervenkampfstoffen. Im Frühjahr 1940 begann in Dyhernfurth (jetzt polnisch Brzeg Dolny) nördlich von Breslau der Bau einer geheimen Fabrik ("Hochwerk") zur Herstellung von Tabun. Vom April 1942 bis Kriegsende wurden dort wahrscheinlich rund 70.000 Tonnen Tabun erzeugt. (Es gab 300 Betriebsunfälle mit mindestens zehn Toten.) Auch geringe Mengen von Sarin wurden produziert. Ungefähr 12.000 Tonnen Tabun wurden in Granaten und Bomben gefüllt, doch gab es gegen Kriegsende nicht genug deutsche Bombenflugzeuge, um die letzteren über Feindgebiet abzuwerfen. Das Werk in Dyhernfurth fiel den Sowjettruppen 1945 fast unversehrt in die Hände, ebenso eine fast fertige Sarin-Fabrik in Falkenhagen bei Berlin.

Dass im Zweiten Weltkrieg die vorhandenen chemischen Waffen nicht verwendet wurden, geschah keineswegs aus Menschlichkeit, sondern aus nüchternen militärischen Erwägungen - vor allem dem Gedanken an Vergeltung durch den Feind. Der Verantwortliche für Dyhernfurth, Dr. Otto Ambros, wies das Oberkommando des Heeres nämlich darauf hin, dass die grundlegende Information über Phosphorsäureester schon um die Jahrhundertwende veröffentlicht wurde. Der deutsche Chemiker August Michaelis (1847-1916) stellte damals Stoffe her, die strukturell mit Tabun und Sarin verwandt waren. Sicher würden also auch die Feindmächte über diese Waffen verfügen - was aber keineswegs stimmte.

C-Waffen, keineswegs nur Tabun, sondern auch das schon im Ersten Weltkrieg und in den 80er Jahren auch vom Irak gegen Iran verwendete Senfgas, hätten vielleicht die alliierte Landung in der Normandie - die "Invasion" - im Juni 1944 verhindern können, doch Hitler schreckte angesichts der erdrückenden alliierten Luftüberlegenheit vor dem Einsatz der tödlichen Substanzen zurück, obwohl ihn drei der fanatischsten Naziführer, Bormann, Goebbels und Ley, mehrmals dazu drängten. Ein Faktor war möglicherweise auch, dass Hitler selbst vier Wochen vor dem Waffenstillstand von 1918 bei Wervick (Belgien) durch eine englische Gelbkreuz-(Senfgas-)Granate vorübergehend erblindete und das Kriegsende daher im Lazarett in Pasewalk (Pommern) erlebte. Außerdem wären auch die eigenen Leute in Gefahr gewesen. Jeder deutsche Soldat hatte zwar eine Gasmaske, aber keinen Gasschutzanzug gegen Tabun.

"Als der Tag der Landung (6. Juni 1944) ohne einen Hauch von Giftgas endete, war ich ungeheuer erleichtert", schrieb US-General Omar Bradley, der nichts von Tabun wusste, später. "Denn selbst ein leichtes Versprühen schwerflüchtiger Gase am Omaha-Strand hätte uns unser dortiges Fußfassen gekostet." Keiner der englischen und amerikanischen Soldaten, die gegen heftigen deutschen Widerstand an Land gingen, trug nämlich seine Gasmaske bei sich.