WZ: Warum nicht?

Schuh: Es lag nicht an der "Wiener Zeitung".  Es lag am Wiener Theater. Dem Nachmittag in der Redaktion folgte ein Abend im Theater. Ich saß im Zuschauerraum und schaute mir an, was die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Danach war mir elendiglich zumute und ich dachte, was immer mir die Arbeit als Theaterkritiker zur Bewältigung der Misere im Daseinskampf gebracht hätte, ich könnte über das, was ich da gesehen habe, niemals schreiben. Und so bin ich wieder einmal verstummt und zurückgetreten.

WZ: Wenn wir einen Sprung machen und die heutige Medienlandschaft betrachten, dann ist doch vieles besser geworden – sagen zumindest die Medien über sich selbst. Die Qualitätspresse sei relevanter geworden, recherchiere genauer, urteile sauberer. Und der Boulevard sei zumindest weniger schlimm. Können Sie dieser Einschätzung folgen?

Schuh: Bei diesem Thema bin ich kein guter Gesprächspartner, denn in mir hallen solche Erbaulichkeiten nicht wider. Ich bin der Meinung, dass der Journalismus, wie er seit dem Ersten Weltkrieg existiert, nämlich als Einflussnahme auf große Menschenmassen, und in der Organisationsform, die dafür eingebürgert ist, also als Zeitung und später als Fernsehen, am Ende ist, auch wenn er sich selbst in einer Endlosschleife weiter hervorbringen wird. Und ich bin auch der Meinung, dass das nicht das Schlechteste ist: Diese Institutionen haben im Dienste der Propaganda, der Verblödung und Antiaufklärung Ungeheures geleistet. Das ist eine geschichtsphilosophische Behauptung, der ich hinzufügen muss, dass es Ausnahmen gibt. Diese Ausnahmen sind extrem wichtig, aber sie bestätigen nicht die Regel, sondern bloß ihren eigenen Ausnahmecharakter. Diese Ausnahmen werden als Ausrede dafür benützt, um das Übliche, den "Mainstream", erträglich erscheinen zu lassen.

WZ: Das Verhältnis von Regel und Ausnahme ist aber doch nicht dasselbe wie vor zwanzig Jahren?

Schuh: Lassen Sie mich aus der Qualitätspresse zitieren (Schuh nimmt ein Notizbuch zur Hand, blättert und liest vor): "In Wohnung gegrillt: Ehepaar im Spital." Wenn man in der Wohnung gegrillt wird, kann man doch froh sein, am Ende im Spital zu landen! Wer das liest, ist ein Trottel, und ich lese sowas dauernd, bin also durch die Qualitätspresse noch blöder geworden, als ich ohnedies schon war. Ich halte solche Grillparties nicht für eine Nebensächlichkeit, sondern für das Wesentliche, für das vielseitig steigerungsfähige Fundament:  Denken wir an den britischen Boulevard, an die Murdoch-Presse, an diese mit der Politik vernetzten Analphabeten, wie sie mit geheimdienstlichen Methoden Privatheit ausspionieren: Wer soll diese Form von Öffentlichkeit, auch wenn sie Ausnahmen gestattet und Murdoch nur ein Extrem darstellt, im Ernst ernst nehmen?