WZ: Wenn der Journalismus, wie wir ihn kennen, am Ende ist,  fehlen aber doch auch die Trägerorganisationen für die Ausnahmen – den investigativen Journalismus, die guten Momente des Räsonierens und Analysierens . . .

Schuh: Martin Walser sprach einst von einem "System der gestaffelten Öffentlichkeiten". Genau das ist die Rettung.  Hätten die Medien die Allmacht, würden wir alle starr, verblendet und hilflos sein. Was den Medien-Irrsinn letztlich kompensiert, ist die Tatsache, dass Öffentlichkeiten existieren, in denen man andere Dinge sagen kann, als etwa die "Kronen Zeitung" von uns gesagt haben will. Es gibt Spezial-Öffentlichkeiten, die nach sachlichen Kriterien funktionieren, es gibt universitäre Öffentlichkeiten mit Zugängen zur Forschung auf der Welt und zur Weltliteratur. Solche gestaffelten Öffentlichkeiten kompensieren wenigstens zum Teil den allseits akzeptierten Medien-Irrsinn. Und die Institutionen, die sich als Träger des Ausnahme-Journalismus definieren, werden sich auf andere Weise, in anderen Institutionen,  auch konstituieren können. Jene Leute, die so begabt sind, dass sie etwa die "Seite Drei" in der "Süddeutschen Zeitung" zusammenbringen, werden auch unter anderen medialen Umständen Entsprechendes produzieren. Es sei denn, es kommt zu einer generellen Katastrophe in Wirtschaft, Wissenschaft und Moral - aber dann wäre alles andere ebenso ungewiss.

WZ: In gestaffelten Öffentlichkeiten zählt also nicht das Primat der Organisationsform, sondern mehr das individuelle Talent. Wenn es so etwas gibt wie die öffentlich-rechtliche Zeitung, wo hätte die ihren Platz?

Schuh: Jetzt folgt ein persönlicher Ausbruch, dafür sind Zeitungsinterviews ja – auch – da. Da gibt es diesen Milliardär, der denkt: In Kanada habe ich keine Chance, aber die Burschen hier, die kauf ich mir. Stronach ist ja mitunter rührend in seinen Auftritten und sagt führenden Funktionären der Republik ins Gesicht:  "Sie sind ja von der Raiffeisen–Kassa!", also ein Günstling der herrschenden Verhältnisse. Das hat er so oft gesagt, dass es sogar der "Kurier" bemerkt hat. Das Wort "Raiffeisen-Kassa" ist in Stronachs Munde eine Art gelb-grünes, hässliches, schleimiges Wesen. Und so fingen die im "Kurier" an, eine Kampagne gegen den Stronach aufzuziehen. Bei aller Freundlichkeit und Hochachtung, aber für wie blöd hält uns ein Medien-Management, das so vollkommen unabhängig den von mir aus ungeschriebenen Regeln dieser Raiffeisen-Kassa folgt? Der "Kurier" ist meine Lieblingszeitung, mein Lieblings-Qualitätsboulevard, dort hat der Herr Rabl vor kurzem geschrieben, was ich seit den 70er-Jahren sage, dass sich nämlich im Establishment, vor allem in der Finanzwirtschaft, verdächtige Subjekte herumtreiben.