Für Medienmenschen ist Unabhängigkeit nicht zuletzt ein subjektiver Begriff. Man pflegt die Neigung, unter seinen jeweiligen Bedingungen eine relative Freiheit von diesen Bedingungen bereits für die totale Unabhängigkeit zu halten. Es gibt diese Vorstellungen von freier Presse, die aus den Schubladen der Ideale kommen, und die auch zu unterschreiben sind. Aber herauszufinden, was wirklich unabhängig ist, ist schwer, und wahrscheinlich braucht man dafür die Eule der Minerva. Sie kommt immer zu spät: Wer wirklich eine unabhängige Meinung hatte, wissen wir immer erst hinterher, wenn der Meinungsstreit und die wabernde Lohe der Interessen endlich weg ist. Die "Wiener Zeitung" hat auf der Grundlage ihrer merkwürdigen und vollkommen seltsamen Verankerung in diesem Staat und dieser Gesellschaft Chancen, die andere Blätter nicht haben. Ein Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" hätte sogar die Chance, etwas für unabhängig zu halten, was wirklich – fast – unabhängig ist.

WZ: Wir haben das "fast" bemerkt und notiert. Gehen wir weiter zu dem, was den heutigen medialen Organisationsformen nachfolgen könnte. Das Internet ist, so wie Brecht sich das einst vom Radio gewünscht hat, zu einem "ungeheuren Kanalsystem" geworden: Jeder Empfänger ein Sender und umgekehrt. Es gibt ja nicht nur rechten, sondern auch linken Populismus, der das Internet ins Zentrum seiner Politik stellt: Die Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo etwa, aber auch die Piraten sehen im Internet die Chance, durch eine algorithmische Mechanik, durch emanzipatorischen Softwaregebrauch die Demokratie weiterzuentwickeln. Wie chancenreich ist das?

Schuh: Ich glaube nicht, dass es einen linken Populismus geben kann. Roland Barthes hat - lange ist’s her - behauptet, es gäbe keinen linken Mythos, weil die Mythenfabriken immer rechts stehen. Der Populismus ist weitaus stärker als jede so genannte Gesinnung; er schluckt sofort den reflektierten Rahmen, innerhalb dessen wirklich linke Politik möglich ist. Daher gibt es für mich – ex definitione - keinen linken Populismus. Es gibt Meinungen, links, rechts, und die sind erschreckend austauschbar. Sie zeigen, wie eng und wie öde das Identitätssystem ist: Jeder sieht sich selbst im Spiegel und agiert in dieser Spiegelhaftigkeit, man nennt das Voltigieren. Jeder haut den anderen und trifft sich selbst. Das Spiegelfechten ist eine weit verbreitete politische Praxis, die in extreme Stagnation führt, obwohl die Leute, die sich damit beschäftigen, sie für lebendig halten, auch wenn sie ihre Kräfte in einen Stillstand investieren. Man kommt raus, indem man entweder den Kampf überhaupt aufgibt oder indem man die Ausnahmepersönlichkeit schlechthin ist. Sonst bleibt nur die Chance, beim Spiegelfechten so geschickt zu sein, dass der ganze Vorgang Schritt für Schritt durchsichtig wird.

WZ: Aber die Kernfrage, unabhängig von der Populismus-Definition, bleibt: Was kann das Internet als Medium leisten?

Schuh: Ich bin ein Anhänger des Internet und sehe grandiose Möglichkeiten, allerdings muss man sich vor dem Techno-Jargon hüten, der alles vorauseilend legitimiert. Das Internet per se halte ich für ein extremistisches Neutralisierungsmedium: Im Internet besteht gar nicht die Möglichkeit, außer in vorübergehenden Flashmobs und Shitstorms, bestimmte Richtungen auf Dauer vorzugeben und durchzuhalten. Ich kann mich sehr irren - und dafür mit Recht verspottet, geschlagen und aussätzig genannt werden -, aber das Internet ist für mich der ideale Überbau für eine Gesellschaft zur Delegitimierung des traditionellen Geistes: Alle Positionen und auch ihr Gegenteil teilen sich dasselbe Medium. Wechselseitige Neutralisierung auf quantitativ höchstem Niveau ist das Resultat.  Es kann tatsächlich sein, und das ist ja in der Geschichte oft genug passiert, dass in einer Welt von gestern noch Dinge vorkommen, die in der Welt von morgen kaum wer kennt, weil sie nicht mehr relevant sind.