Ich glaube aber, dass der politische Kern der Lebenskämpfe bleibt, aber er wird sich höchstwahrscheinlich außerhalb der Parteiendemokratie entwickeln. Es wird, wenn es gut geht,  Formen des politischen Prozesses geben, die nicht kontrollierbar sind durch eine sich selbst idiotisierende, mit Medien und Spin-Doktoren zusammenarbeitende Parteibürokratie, die – auf sich selbst und auf "den politischen Gegner" fixiert - nicht zur Kenntnis nimmt, was auf der Welt los ist. Ich vermute, dass  Öffentlichkeit als Fokus der Tätigkeit vieler Menschen überleben wird. Die kann man doch nie abschaffen, selbst wenn man sie verdorben hat.

WZ: Wir haben aber auch eine breite Debatte über die hässlichen Seiten des Internet. Canettis "Masse und Macht" klingt da unheimlich aktuell: "Die Hetzmasse", schreibt Canetti, "bildet sich auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist auch nah". Im virtuellen Raum erkennt man darin leicht den Shitstorm wieder, der oft katastrophale persönliche Konsequenzen für jene bedeutet, die ihm ausgesetzt sind. Durchlebt das Internet gerade seine Dreißiger Jahre?

Schuh: Es gibt auch eine Umkehrung dieser These, sie stammt ebenfalls von Canetti: "In der Zeitung steht alles, man muss sie nur mit genügend Hass lesen." Ich habe den Ersten Weltkrieg als Beginn der modernen Zeiten erwähnt, auch und gerade für Zeitungen: Da entsteht Propaganda größten Ausmaßes im Rahmen einer Gesellschaft, in der sich Massen herstellen lassen, denen man schmeichelt, um sie für Angelegenheiten zu mobilisieren, an denen sie zugrunde gehen. Was die Hetzmassen betrifft: Auch das Internet ist nur kombinierbar mit den alten, archaischen Reaktionsweisen der Menschen. An die ideologische Vorstellung vom neuen Menschen, die der Techno-Jargon ständig zum Besten gibt (und der außerdem Mitglied bei den Piraten ist), glaube ich nicht.

WZ: Es gibt noch ein anderes Verfahren, das den Journalismus verändern könnte, nämlich die technisch vermittelte Herstellung von Transparenz, wie sie zum Beispiel durch einen Datenschatz wie den der Offshore-Leaks möglich wird. Es mehren sich die Stimmen, die vor zu viel Durchsichtigkeit warnen. Wenn es kein Geheimnis mehr gibt, ist das nicht nur für den Bürger ein Problem, sondern auch für das Funktionieren einer Gesellschaft. Werden uns die Polstertüren eines Tages fehlen?

Schuh: Wir reden hier von einem Zeitproblem. Wir haben eine Ökonomie, die sehr schnell (nicht) funktioniert, und einen politischen Apparat, der sehr langsam ist. Wenn Dinge sofort durchsichtig werden und über die Monitore laufen, gibt es eine der wichtigsten Menschenmöglichkeiten nicht mehr: nämlich Distanz und Zeit zur Überlegung. Der Zwang zur Verschnellerung hat dem Philosophen Rüdiger Safranski die paradoxe Aussage ermöglicht: "Wir müssen verlangsamen, aber sofort!"  Solche Widersprüche sind auch mit Transparenz verbunden. Alles, was dogmatisiert wird, kippt automatisch ins Gegenteil. Es gab lange diese Talkshows, in denen Leute öffentlich Äußerungen von sich gegeben haben, die sie privat nie gewagt hätten. Die Transparenz hat ihnen oft zu einer Hundsgemeinheit verholfen, die sie sich privat, im Verborgenen, nie geleistet hätten. Im Grunde geht es auch bei der Transparenz um ein uraltes Thema: Was ist gut, und was ist böse? Wo ist Transparenz und Offenlegung gut, und wo ist Transparenz als Ideologie lähmend und handlungsverhindernd? Um dieses Grundproblem, das wir seit dem Sündenfall haben, kommen wir nicht herum.