Journalismus als Einflussnahme auf große Menschenmassen ist am Ende, sagt Franz Schuh.

- © WZ Online / Franz Zauner
Journalismus als Einflussnahme auf große Menschenmassen ist am Ende, sagt Franz Schuh.
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"Wiener Zeitung": Bevor wir beginnen, ein Wort zum Anlass dieses Interviews: Die "Wiener Zeitung" feiert heuer ihr 310-jähriges Bestehen…

Franz Schuh: … dann kann ich gleich erzählen, wie ich versucht habe, bei der "Wiener Zeitung" Theaterkritiker zu werden.

WZ: Also lautet die erste Frage: Warum sind Sie nicht Theaterkritiker bei der "Wiener Zeitung" geworden?

Schuh: In den 70er und 80er Jahren hat es allmählich diese Vielzahl an "proletarisierten Akademikern" gegeben. Die altmodische Literatenexistenz ließ sich nur unter großem Verzichtsaufwand führen, heute nennt man das, was ich damals suchte, ein  "prekäres Arbeitsverhältnis". Für einen Literaten war und ist der so genannte Journalismus ruinös, aber stets eine scheinbare Möglichkeit. Und da wurde zufällig in der "Wiener Zeitung" die Stelle für Theaterkritik frei. Ich kannte Thomas Pluch (Stv. Chefredakteur, Drehbuchautor, Ressortleiter Chronik und Feuilleton-Beilagen, Anm.), den ich sehr geschätzt habe. Ohne, dass er im geringsten revolutionär gewesen wäre, war er eine Art Danton der Wiener Kulturpublizistik, ein Genussmensch unter den Linksliberalen, der in meinen Augen, vor allem mit dem Film "Das Dorf an der Grenze", eine befreiend-erfrischende, aufklärerische Sichtweise auf Kärnten ermöglicht hat. Das sahen die Rechten anders und sie versahen den Film unter anderem mit dem Etikett: "... vom kommunistischen Ausland gelenkt und gegen die westlich-demokratische Gesellschaftsordnung gerichtet".

Ich ging also in die Redaktion und war fest entschlossen, unter Pluch Theaterkritiker zu werden. Kollegen, die dann Jahre später bei der "Wiener Zeitung" angeheuert haben, nachdem sie bei der privaten Presse gescheitert sind, sprachen damals geringschätzig von "Zeitungsbeamten". Ich fand den Beamtenstatus in der "Wiener Zeitung"  aber ganz gut - und tue es noch, weil das Öffentlich-Rechtliche in einer quotengeilen Atmosphäre eine relative Freiheit, eine Freiheit des Urteilens von der Zustimmung ermöglichen könnte, die es sonst gar nicht mehr gäbe. Damals war noch Heinz Fahnler Chefredakteur, der berühmte Fußball-Schiedsrichter, ein sehr freundlicher Mann, wir wurden handelseins. Aber es wurde nichts daraus.

WZ: Warum nicht?

Schuh: Es lag nicht an der "Wiener Zeitung".  Es lag am Wiener Theater. Dem Nachmittag in der Redaktion folgte ein Abend im Theater. Ich saß im Zuschauerraum und schaute mir an, was die Schauspieler auf der Bühne aufführten. Danach war mir elendiglich zumute und ich dachte, was immer mir die Arbeit als Theaterkritiker zur Bewältigung der Misere im Daseinskampf gebracht hätte, ich könnte über das, was ich da gesehen habe, niemals schreiben. Und so bin ich wieder einmal verstummt und zurückgetreten.

WZ: Wenn wir einen Sprung machen und die heutige Medienlandschaft betrachten, dann ist doch vieles besser geworden – sagen zumindest die Medien über sich selbst. Die Qualitätspresse sei relevanter geworden, recherchiere genauer, urteile sauberer. Und der Boulevard sei zumindest weniger schlimm. Können Sie dieser Einschätzung folgen?

Schuh: Bei diesem Thema bin ich kein guter Gesprächspartner, denn in mir hallen solche Erbaulichkeiten nicht wider. Ich bin der Meinung, dass der Journalismus, wie er seit dem Ersten Weltkrieg existiert, nämlich als Einflussnahme auf große Menschenmassen, und in der Organisationsform, die dafür eingebürgert ist, also als Zeitung und später als Fernsehen, am Ende ist, auch wenn er sich selbst in einer Endlosschleife weiter hervorbringen wird. Und ich bin auch der Meinung, dass das nicht das Schlechteste ist: Diese Institutionen haben im Dienste der Propaganda, der Verblödung und Antiaufklärung Ungeheures geleistet. Das ist eine geschichtsphilosophische Behauptung, der ich hinzufügen muss, dass es Ausnahmen gibt. Diese Ausnahmen sind extrem wichtig, aber sie bestätigen nicht die Regel, sondern bloß ihren eigenen Ausnahmecharakter. Diese Ausnahmen werden als Ausrede dafür benützt, um das Übliche, den "Mainstream", erträglich erscheinen zu lassen.

WZ: Das Verhältnis von Regel und Ausnahme ist aber doch nicht dasselbe wie vor zwanzig Jahren?

Schuh: Lassen Sie mich aus der Qualitätspresse zitieren (Schuh nimmt ein Notizbuch zur Hand, blättert und liest vor): "In Wohnung gegrillt: Ehepaar im Spital." Wenn man in der Wohnung gegrillt wird, kann man doch froh sein, am Ende im Spital zu landen! Wer das liest, ist ein Trottel, und ich lese sowas dauernd, bin also durch die Qualitätspresse noch blöder geworden, als ich ohnedies schon war. Ich halte solche Grillparties nicht für eine Nebensächlichkeit, sondern für das Wesentliche, für das vielseitig steigerungsfähige Fundament:  Denken wir an den britischen Boulevard, an die Murdoch-Presse, an diese mit der Politik vernetzten Analphabeten, wie sie mit geheimdienstlichen Methoden Privatheit ausspionieren: Wer soll diese Form von Öffentlichkeit, auch wenn sie Ausnahmen gestattet und Murdoch nur ein Extrem darstellt, im Ernst ernst nehmen?

WZ: Wenn der Journalismus, wie wir ihn kennen, am Ende ist,  fehlen aber doch auch die Trägerorganisationen für die Ausnahmen – den investigativen Journalismus, die guten Momente des Räsonierens und Analysierens . . .

Schuh: Martin Walser sprach einst von einem "System der gestaffelten Öffentlichkeiten". Genau das ist die Rettung.  Hätten die Medien die Allmacht, würden wir alle starr, verblendet und hilflos sein. Was den Medien-Irrsinn letztlich kompensiert, ist die Tatsache, dass Öffentlichkeiten existieren, in denen man andere Dinge sagen kann, als etwa die "Kronen Zeitung" von uns gesagt haben will. Es gibt Spezial-Öffentlichkeiten, die nach sachlichen Kriterien funktionieren, es gibt universitäre Öffentlichkeiten mit Zugängen zur Forschung auf der Welt und zur Weltliteratur. Solche gestaffelten Öffentlichkeiten kompensieren wenigstens zum Teil den allseits akzeptierten Medien-Irrsinn. Und die Institutionen, die sich als Träger des Ausnahme-Journalismus definieren, werden sich auf andere Weise, in anderen Institutionen,  auch konstituieren können. Jene Leute, die so begabt sind, dass sie etwa die "Seite Drei" in der "Süddeutschen Zeitung" zusammenbringen, werden auch unter anderen medialen Umständen Entsprechendes produzieren. Es sei denn, es kommt zu einer generellen Katastrophe in Wirtschaft, Wissenschaft und Moral - aber dann wäre alles andere ebenso ungewiss.

WZ: In gestaffelten Öffentlichkeiten zählt also nicht das Primat der Organisationsform, sondern mehr das individuelle Talent. Wenn es so etwas gibt wie die öffentlich-rechtliche Zeitung, wo hätte die ihren Platz?

Schuh: Jetzt folgt ein persönlicher Ausbruch, dafür sind Zeitungsinterviews ja – auch – da. Da gibt es diesen Milliardär, der denkt: In Kanada habe ich keine Chance, aber die Burschen hier, die kauf ich mir. Stronach ist ja mitunter rührend in seinen Auftritten und sagt führenden Funktionären der Republik ins Gesicht:  "Sie sind ja von der Raiffeisen–Kassa!", also ein Günstling der herrschenden Verhältnisse. Das hat er so oft gesagt, dass es sogar der "Kurier" bemerkt hat. Das Wort "Raiffeisen-Kassa" ist in Stronachs Munde eine Art gelb-grünes, hässliches, schleimiges Wesen. Und so fingen die im "Kurier" an, eine Kampagne gegen den Stronach aufzuziehen. Bei aller Freundlichkeit und Hochachtung, aber für wie blöd hält uns ein Medien-Management, das so vollkommen unabhängig den von mir aus ungeschriebenen Regeln dieser Raiffeisen-Kassa folgt? Der "Kurier" ist meine Lieblingszeitung, mein Lieblings-Qualitätsboulevard, dort hat der Herr Rabl vor kurzem geschrieben, was ich seit den 70er-Jahren sage, dass sich nämlich im Establishment, vor allem in der Finanzwirtschaft, verdächtige Subjekte herumtreiben.

Für Medienmenschen ist Unabhängigkeit nicht zuletzt ein subjektiver Begriff. Man pflegt die Neigung, unter seinen jeweiligen Bedingungen eine relative Freiheit von diesen Bedingungen bereits für die totale Unabhängigkeit zu halten. Es gibt diese Vorstellungen von freier Presse, die aus den Schubladen der Ideale kommen, und die auch zu unterschreiben sind. Aber herauszufinden, was wirklich unabhängig ist, ist schwer, und wahrscheinlich braucht man dafür die Eule der Minerva. Sie kommt immer zu spät: Wer wirklich eine unabhängige Meinung hatte, wissen wir immer erst hinterher, wenn der Meinungsstreit und die wabernde Lohe der Interessen endlich weg ist. Die "Wiener Zeitung" hat auf der Grundlage ihrer merkwürdigen und vollkommen seltsamen Verankerung in diesem Staat und dieser Gesellschaft Chancen, die andere Blätter nicht haben. Ein Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" hätte sogar die Chance, etwas für unabhängig zu halten, was wirklich – fast – unabhängig ist.

WZ: Wir haben das "fast" bemerkt und notiert. Gehen wir weiter zu dem, was den heutigen medialen Organisationsformen nachfolgen könnte. Das Internet ist, so wie Brecht sich das einst vom Radio gewünscht hat, zu einem "ungeheuren Kanalsystem" geworden: Jeder Empfänger ein Sender und umgekehrt. Es gibt ja nicht nur rechten, sondern auch linken Populismus, der das Internet ins Zentrum seiner Politik stellt: Die Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo etwa, aber auch die Piraten sehen im Internet die Chance, durch eine algorithmische Mechanik, durch emanzipatorischen Softwaregebrauch die Demokratie weiterzuentwickeln. Wie chancenreich ist das?

Schuh: Ich glaube nicht, dass es einen linken Populismus geben kann. Roland Barthes hat - lange ist’s her - behauptet, es gäbe keinen linken Mythos, weil die Mythenfabriken immer rechts stehen. Der Populismus ist weitaus stärker als jede so genannte Gesinnung; er schluckt sofort den reflektierten Rahmen, innerhalb dessen wirklich linke Politik möglich ist. Daher gibt es für mich – ex definitione - keinen linken Populismus. Es gibt Meinungen, links, rechts, und die sind erschreckend austauschbar. Sie zeigen, wie eng und wie öde das Identitätssystem ist: Jeder sieht sich selbst im Spiegel und agiert in dieser Spiegelhaftigkeit, man nennt das Voltigieren. Jeder haut den anderen und trifft sich selbst. Das Spiegelfechten ist eine weit verbreitete politische Praxis, die in extreme Stagnation führt, obwohl die Leute, die sich damit beschäftigen, sie für lebendig halten, auch wenn sie ihre Kräfte in einen Stillstand investieren. Man kommt raus, indem man entweder den Kampf überhaupt aufgibt oder indem man die Ausnahmepersönlichkeit schlechthin ist. Sonst bleibt nur die Chance, beim Spiegelfechten so geschickt zu sein, dass der ganze Vorgang Schritt für Schritt durchsichtig wird.

WZ: Aber die Kernfrage, unabhängig von der Populismus-Definition, bleibt: Was kann das Internet als Medium leisten?

Schuh: Ich bin ein Anhänger des Internet und sehe grandiose Möglichkeiten, allerdings muss man sich vor dem Techno-Jargon hüten, der alles vorauseilend legitimiert. Das Internet per se halte ich für ein extremistisches Neutralisierungsmedium: Im Internet besteht gar nicht die Möglichkeit, außer in vorübergehenden Flashmobs und Shitstorms, bestimmte Richtungen auf Dauer vorzugeben und durchzuhalten. Ich kann mich sehr irren - und dafür mit Recht verspottet, geschlagen und aussätzig genannt werden -, aber das Internet ist für mich der ideale Überbau für eine Gesellschaft zur Delegitimierung des traditionellen Geistes: Alle Positionen und auch ihr Gegenteil teilen sich dasselbe Medium. Wechselseitige Neutralisierung auf quantitativ höchstem Niveau ist das Resultat.  Es kann tatsächlich sein, und das ist ja in der Geschichte oft genug passiert, dass in einer Welt von gestern noch Dinge vorkommen, die in der Welt von morgen kaum wer kennt, weil sie nicht mehr relevant sind.

Ich glaube aber, dass der politische Kern der Lebenskämpfe bleibt, aber er wird sich höchstwahrscheinlich außerhalb der Parteiendemokratie entwickeln. Es wird, wenn es gut geht,  Formen des politischen Prozesses geben, die nicht kontrollierbar sind durch eine sich selbst idiotisierende, mit Medien und Spin-Doktoren zusammenarbeitende Parteibürokratie, die – auf sich selbst und auf "den politischen Gegner" fixiert - nicht zur Kenntnis nimmt, was auf der Welt los ist. Ich vermute, dass  Öffentlichkeit als Fokus der Tätigkeit vieler Menschen überleben wird. Die kann man doch nie abschaffen, selbst wenn man sie verdorben hat.

WZ: Wir haben aber auch eine breite Debatte über die hässlichen Seiten des Internet. Canettis "Masse und Macht" klingt da unheimlich aktuell: "Die Hetzmasse", schreibt Canetti, "bildet sich auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist auch nah". Im virtuellen Raum erkennt man darin leicht den Shitstorm wieder, der oft katastrophale persönliche Konsequenzen für jene bedeutet, die ihm ausgesetzt sind. Durchlebt das Internet gerade seine Dreißiger Jahre?

Schuh: Es gibt auch eine Umkehrung dieser These, sie stammt ebenfalls von Canetti: "In der Zeitung steht alles, man muss sie nur mit genügend Hass lesen." Ich habe den Ersten Weltkrieg als Beginn der modernen Zeiten erwähnt, auch und gerade für Zeitungen: Da entsteht Propaganda größten Ausmaßes im Rahmen einer Gesellschaft, in der sich Massen herstellen lassen, denen man schmeichelt, um sie für Angelegenheiten zu mobilisieren, an denen sie zugrunde gehen. Was die Hetzmassen betrifft: Auch das Internet ist nur kombinierbar mit den alten, archaischen Reaktionsweisen der Menschen. An die ideologische Vorstellung vom neuen Menschen, die der Techno-Jargon ständig zum Besten gibt (und der außerdem Mitglied bei den Piraten ist), glaube ich nicht.

WZ: Es gibt noch ein anderes Verfahren, das den Journalismus verändern könnte, nämlich die technisch vermittelte Herstellung von Transparenz, wie sie zum Beispiel durch einen Datenschatz wie den der Offshore-Leaks möglich wird. Es mehren sich die Stimmen, die vor zu viel Durchsichtigkeit warnen. Wenn es kein Geheimnis mehr gibt, ist das nicht nur für den Bürger ein Problem, sondern auch für das Funktionieren einer Gesellschaft. Werden uns die Polstertüren eines Tages fehlen?

Schuh: Wir reden hier von einem Zeitproblem. Wir haben eine Ökonomie, die sehr schnell (nicht) funktioniert, und einen politischen Apparat, der sehr langsam ist. Wenn Dinge sofort durchsichtig werden und über die Monitore laufen, gibt es eine der wichtigsten Menschenmöglichkeiten nicht mehr: nämlich Distanz und Zeit zur Überlegung. Der Zwang zur Verschnellerung hat dem Philosophen Rüdiger Safranski die paradoxe Aussage ermöglicht: "Wir müssen verlangsamen, aber sofort!"  Solche Widersprüche sind auch mit Transparenz verbunden. Alles, was dogmatisiert wird, kippt automatisch ins Gegenteil. Es gab lange diese Talkshows, in denen Leute öffentlich Äußerungen von sich gegeben haben, die sie privat nie gewagt hätten. Die Transparenz hat ihnen oft zu einer Hundsgemeinheit verholfen, die sie sich privat, im Verborgenen, nie geleistet hätten. Im Grunde geht es auch bei der Transparenz um ein uraltes Thema: Was ist gut, und was ist böse? Wo ist Transparenz und Offenlegung gut, und wo ist Transparenz als Ideologie lähmend und handlungsverhindernd? Um dieses Grundproblem, das wir seit dem Sündenfall haben, kommen wir nicht herum.