"Wiener Zeitung":Herr Van der Bellen, Sie werden morgen in Wien als Gemeinderat angelobt - sind Sie schon aufgeregt?

Alexander Van der Bellen: Ein bisschen schon - man überlegt, wie wird das alles sein, wie ist das Feeling in diesem Sitzungssaal. Aber die Routine aus dem Nationalrat wird schon ein wenig helfen.

Was wird sich für Sie am meisten verändern?

Neu ist für mich die Arbeit in einer Regierungsfraktion. Das habe ich in all den Jahren im Parlament nicht erleben dürfen. Das heißt, die Verhandlungen finden vor den Ausschüssen statt. Als Opposition macht man - wenn man das für richtig hält - Krach bei jeder Gelegenheit. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Das heißt, sie sind jetzt nicht mehr der Krachmacher, sondern müssen sich künftig mit Krachmachern auseinandersetzen?

So kann man das sagen. Es ist eine andere Welt.

Viele haben angesichts ihres Nichteintretens in die Stadtregierung nach der Wahl 2010 von Gesichtswahrung gesprochen, als sie Unibeauftragter der Stadt wurden - war es das auch im Nachhinein betrachtet?

Was immer es für mich bedeutet - so ein Amt ist für die Stadt etwas sehr Wichtiges. Nicht tagespolitisch, sondern im Hinblick auf die Vision, wie sich die Stadt bis 2030 entwickeln soll. Wien zu einer Forschungsmetropole zu machen ist eine Chance - aber die muss man auch aktiv nutzen. Denn die Universitäten neigen ein bisschen dazu, sich nach außen hin abzuschließen. Und umgekehrt gibt es bei den Stadtpolitikern dasselbe Phänomen. Michael Häupl ist der erste Bürgermeister, der das erkannt hat - es ist kein Zufall, dass der WWTF mittlerweile eine der wichtigsten Forschungsförderungseinrichtungen in Österreich ist.

Sie haben angekündigt, aufgrund ihres Gemeinderatsmandates das Amt des Unibeauftragten wegen Unvereinbarkeit niederzulegen - bleibt es dabei?

Solange es keinen Nachfolger gibt, mache ich das weiter. Das war von Anfang an klar. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer diesen doch sehr zeitaufwändigen Job ehrenamtlich übernehmen will. Wenn ich nicht mehr bin, muss man sich überlegen, das Ganze auf andere Beine zu stellen. Vorläufig wird der Status quo aufrecht erhalten.

Sind beide Funktionen nicht ohnehin einigermaßen deckungsgleich?

Als Stadtbeauftragter ist man parteipolitisch neutral, finde ich. Der Wissenschaftssprecher der Grünen ist schon marginal etwas Anderes.

Kann man gleichzeitig politisch und unpolitisch sein?

Juristisch ist es vereinbar. Und politisch gesehen war es ja vorher als grüner Parlamentarier auch schon eine Gratwanderung. Aber ich werde mich bemühen, das auseinanderzuhalten. ÖVP und FPÖ waren eh von Anfang an dagegen - aber da sage ich, man soll ein wenig großzügig sein, denn wer soll es denn sonst machen?

Was werden Sie in den ersten Tagen Ihres Gemeinderatdaseins machen?

Profilieren muss ich mich glaube ich nicht mehr. Ich werde dort einspringen, wo Not am Mann ist, werde mir erklären lassen, wie alles funktioniert und ein wenig die Menschen beobachten, die ich noch nicht kenne.