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Sie nennen ihn den Wüstenfuchs. Wenn er zu einer Wüstenwanderung ruft, dann kommen seine Fans. Luc stammt aus dem Norden Europas und liebt Wüsten im Allgemeinen, die Weiße und Schwarze Wüste ganz besonders.

Der Morgen ist smogverhangen. Die Fahrt von Kairo in die Oase Bahariya ist öd und lang. Um auf der schnurgeraden Straße nicht einzuschlafen, knabbert der Fahrer irgendwelche Energie spendenden Kerne. Dann die ersten Dünchen. Sie sehen aus, als hätten Straßenkehrer den Sand zusammengefegt. Doch bald beeindrucken die ersten Wanderdünen, die sich laut Luc mehr als hundert Kilometer in den Süden ziehen und pro Jahr zwischen ein und neun Meter wandern. Ganz schön sportlich, so ein Sandberg.

Bahariya entpuppt sich als eine Ansammlung von dreckigen Straßen und Häusern. Ein feuriger Abendhimmel, der die armseligen Hütten in gnädige Dämmerung hüllt und ein Morgenspaziergang durch den Palmenhain von Bahariya versöhnen die Gruppe mit dem Schmutz. Sie erleben eine Oase wie aus einem alten Bilderbuch: Auf den palmenbeschatteten Wegen reiten die Männer auf Eseln zu ihren Gärten, wo Orangen, Granatäpfel und Erdäpfel wachsen. Die Dattelernte ist voll im Gange. Sie sehen dem waghalsigen Aufstieg eines Mannes in die Baumkrone zu, wo er morsche Äste und reife Datteln abschlägt. Auf einem Kartoffelacker arbeitet ein Bauer, die Frauen waschen am Bach die Wäsche und hüten Kinder. Idylle, wie aus einer anderen Zeit.

Fünfzig Kilometer südlich beginnt die Schwarze Wüste: Dunkle Basaltbrocken bedecken braune Sandhügel wie riesige Spitzendecken. Es sieht aus, als hätten Millionen Menschen dem Brauch von Silvesterbleigießen gefrönt und die Stücke dann einfach hier liegengelassen. Die Gruppe fotografiert begeistert, rutscht auf den Knien umher, um noch näher an die Miniskulpturen heranzukommen. Sieht das nicht wie ein Irokesenhaarschnitt aus? Und das wie ein Riesenguckloch? Oder dies hier wie ein Schiff? Sammler outen sich und packen die guten Stücke in ihren Rucksack.

Die Wanderung durch diese Mondlandschaft hat ihren besonderen Reiz. Die Stille ist nicht wirklich still. Leise rauscht der Wind über die Sandhügel und um den eigenen Körper. Gestochen scharf heben sich die Hügelkanten gegen einen stahlblauen und sehr reinen Himmel ab. Gehen, gehen, gehen, so weit das Auge sieht, in den Horizont hinein. Einen Fuß vor den anderen setzen. Im Gehen an nichts denken, nur die Weite genießen. Steuererklärung, Schwiegermutter, Karriere, Bankauszüge - all diese Sorgen werden vom Wind verblasen. Nicht über zu Hause reden, überhaupt nicht reden. Weg aus der banalen Alltäglichkeit. Das war die Idee der Reise, und sie wird mit jedem Marsch durch den Sand mehr Wirklichkeit.

Die Zelte sind recht fragil und eng. Daher schlafen die Mutigen im Freien. Immer wieder wacht man auf, wenn der Wind eine Prise Sand über das Gesicht streut. Dann schaut man verzückt in den Sternenhimmel. Über ihn erzählen ist unmöglich. Erstens weil er unfassbar schön ist und zweitens weil das anderen schon besser gelungen ist.

Die Sterne sind erloschen. Die Luft ist morgenkalt. Der Tee sehr süß und heiß. Das Zelt eine herzerweichende, zusammengesunkene Ruine. Ab in den Jeep und weiter in die Weiße Wüste. Die Sonne gleißt auf dem strahlend weißen Kalk, der wie Schneewellen über dem Sand liegt. Der Wind hat hier ganze Arbeit geleistet: Unermüdlich hat er durch Jahrhunderte und Jahrtausende den Sand im Kreis um die Felsen getrieben und wie mit einem Skalpell die eigenartigsten Formen ausgeschnitten: Pilze, Kamele, Löwen, Bären, Säulen, Gugelhupf, Teigkugeln, Brüstchen und Busen, Telefonhörer oder Ohrmuschel reihen sich wie in einem gigantischen Skulpturenpark bis zum Horizont.

Fototime, meint Luc am späten Nachmittag und verschwindet in Richtung Sonnenuntergang. Die Gruppe verteilt sich, jeder will für sich allein das Schauspiel genießen und es in seinem Hirn oder Fotoapparat einprägen. Der eigene Schatten wird lang und wirft sich als flache Zeichnung auf die weißen Felder. Über das Weiß legt sich zartes, später eisiges Blau. Der Wind wird kalt. Die Sonne geht genau zwischen zwei Riesenpilzen unter. Kurz davor bündelt sie ihre Strahlen zu einem blendend hellen Kreis, der die nun schon dunklen Felsen noch einmal aufleuchten lässt. Danach wechselt das Weiß für kurze Momente in einen intensives Rosé, bevor die Dunkelheit schlagartig alles verschlingt.

Die Tage verschmelzen ineinander. Wanderungen über Dünen, Schritte in den unberührten Sand setzen. Die Menschen erleben sich selbst als Punkt in der Weite, erfahren sich als unwichtig. Rasten, schreiben, schlafen. Eine Karamelkarawane vorbeiziehen sehen. Ein Junges wackelt neben der Mutter her.

Dann wieder eine Oase. In Dakhla lebt das Heute direkt neben dem Gestern:

Die einst bewohnte Lehmburg Kasr Dakhla wurde als Museum konserviert. Doch das Leben ist noch nicht ganz aus den Mauern gewichen. Eine junge Schönheit folgt der Gruppe. Ihr Blick ist stolz und abweisend: Ihr braucht nicht zu glauben, dass ich um Geld bettle. Ich bin nur neugierig. Dann geht ein alter Mann durch die Gassen, öffnet eine Tür zu einem noch bewohnten Haus und lässt die Gruppe ein. Enge, hohe Stufen führen in einen Raum, der über und über mit roten Schriftzeichen bemalt ist. Darüber liegt eine Terrasse, die den Blick auf die Lehmhäuser, die Moscheen mit ihren schiefen Türmen freigibt. Aus der Gasse hört man einen Schmied hämmern und jemand schleift ein Messer.