Den Schauerroman des Polen, der sonst eher für Satirisches wie "Ferdydurke" oder virtuosen Spielen mit Versatzstücken der Prosaliteratur wie "Pornographie" bekannt ist, wählte Johannes Kalitzke als Vorlage für seine Oper, die am Freitag im Theater an der Wien uraufgeführt wird.

Die Lust an der Gänsehaut wird je nach Grad der Kritikerversnobtheit mehr oder weniger belächelt. Aber maliziös verzogene Lippen sind fehl am Platz. Immerhin hat man seit der Antike Lust auf Gänsehaut.

Nur, dass uns heute die antiken Horrorgeschichten als Mythos erscheinen, weshalb das Blut, das dem Menschenfresser aus dem kauenden Mund tropft, wie klassisch kalter Marmor anmutet. Und doch ist es sicherlich kein Zufall, dass ausgerechnet Mario Bava, Kultregisseur des italienischen Horrorkinos, die Kyklopen-Episode des ganz seriösen Fernsehmehrteilers "Die Odyssee" (1968) übernahm. Denn was ein echter Kyklop sein will, verleibt sich Schafe und Käse nur ein, wenn kein Menschenfleisch zur Hand ist.

Antike Menschenfresser

Überhaupt hat es die Antike mit dem Menschenverspeisen. Unappetitlich aber noch relativ harmlos ist, was Herodot über den indischen Stamm der Kallatier berichtet. Sie sollen nach dem Tod der Eltern deren Fleisch gegessen haben. Dass Kronos seine Kinder verspeiste, ist auch keinen Aufreger mehr wert - immerhin war er der alte Göttervater, man mag ihm als solchem durchaus einen etwas ausgefallenen Geschmack zubilligen.

Der Minotaurus ist da ein anderes Kaliber: der Stier-Mensch-Hybrid ließ sich Jungfrauen schmecken. Atreus wiederum setzte Thyestes dessen Söhne als Mahl vor, was Seneca, den großen Philosophen des Stoizismus, in seinem Thyestes-Drama zu einer gar nicht stoischen sondern ziemlich heftigen Abhandlung dieses Geschehens inspirierte. Schlimmeren Horror hat auch Stephen King nicht geschrieben - bei Seneca ist er obendrein stilistisch makellos.

Das alles ist wohl Horror-, nicht aber Schauerliteratur. Der Unterschied ist fein, aber vorhanden - vereinfacht: Horrorliteratur erzeugt Ekel, Schauerliteratur erzeugt Furcht.

Vielleicht lässt sich Schauerliteratur am besten durch die Entstehungsgeschichte eines ihrer Meilensteine erklären: Mary Wollstonecraft Shelley erfand "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" während eines düsteren, nur von den Blitzen der Gewitter erhellten Sommers am Genfer See zur abendlichen Unterhaltung im Freundeskreis. Düsterkeit, Gewitter, alte Gemäuer - das sind Ingredienzien. Und der abendliche Vortrag der Geschichte gehört auch dazu: Eine gute Schauergeschichte eignet sich zum Vorlesen am Kaminfeuer.

Englische Modelle

Das gültige Modell für den Schauerroman liefert Horace Walpole, ein mittelmäßig begabter englischer Schriftsteller, mit seiner Erzählung "Das Schloss von Otranto" (1764). Durch erzählerische Tricks (das Buch sei die Übersetzung eines im Original italienischen Tatsachenberichts) suggeriert Walpole Authentizität. Außerdem enthält der Roman alle Elemente, die zur Schauergeschichte gehören: Ein Schloss, dunkle Gänge, unerklärliche Vorkommnisse. Der englische Ausdruck für das Genre ist "Gothic Fiction".

Das zweite Modell entwirft der Engländer Matthew Lewis im Roman "Der Mönch" (1796): Hier verführt eine vom Satan gesandte Hexe einen sittenstrengen Mönch.

Danach gibt die englischsprachige Literatur die Führung in Sachen Schauer vorerst einmal ab. Der französisch schreibende Pole Jan Potocki liefert in der "Handschrift von Saragossa" (1815 unvollendet hinterlassen) einen auch literarisch beachtlichen Beitrag zum Genre. Der deutsche Schriftsteller und Komponist E. T. A. Hoffmann verfeinert den Typus 1816 in "Die Elixiere des Teufels".

Frisches Blut

Dann tritt wieder ein englisch schreibender Autor auf den Plan - und revolutioniert das Genre: Der Amerikaner Edgar Allan Poe. Er steigert den Schrecken bis zur Groteske und blickt gleichzeitig tiefer in den verwirrten oder Extremsituationen ausgesetzten Verstand als die meisten Autoren vor ihm. Seine Bedeutung ist ungeheuer: Charles Baudelaire übersetzt Poe ins Französische und übertrifft dabei die stilistischen Finessen des Originals. Die französischen Autoren verfallen dem Amerikaner, die Türen zum Symbolismus stehen weit offen. Poe hinterlässt deutliche Spuren: Auguste Villiers de LIsle Adam verfasst seine "Grausamen Geschichten", Joris Karl Huysmans den Roman "Tief unten".

Mittlerweile entwickelt der Amerikaner Ambrose Bierce einen eigenen Typus der Schauergeschichte: Dient Poes Sprache dazu, das Grauen auszumalen, so erzählt Bierce seine erschreckenden Geschichten in einem zu ihrem Inhalt kontrastierenden sarkastischen Tonfall. Er findet allerdings außerhalb der USA keine Nachahmer.

Auch der Ire Bram Stoker hinterlässt mit seinem Briefroman "Dracula" kaum literarische Spuren. Erst die Verfilmungen machten den vampirischen Herrn Grafen unsterblich.

Schauer wird Horror

Die Möglichkeiten der Schauergeschichte scheinen damit ausgereizt - bis ihr ein Amerikaner frisches Blut zuführte. Zu Lebzeiten war H. P. Lovecraft außerhalb eines eng begrenzten Anhängerkreises ein Unbekannter. Erst nach seinem Tod setzte sich sein Konzept durch. Lovecraft übernimmt von der Schauergeschichte die Vorliebe für düstere alte Gebäude und unterirdische Gänge, erfindet aber ein sich in diesen manifestierendes inkommensurables kosmisches Grauen, wie es die Literatur bis dahin nicht kannte: Tentakelbewährte Dämonengötter aus der Vorzeit, die gleichzeitig tot und lebendig sind, drängen aus parallelen Universen in unsere Welt, menschliche Körper zerfließen zu amorphen Gebilden oder verwandeln sich in abscheuliche Kreaturen. Was die herkömmliche Schauerliteratur andeutete, wird bei Lovecraft anschaulich beschrieben. Ohne Lovecraft wäre die moderne Horror-Literatur undenkbar.

Lovecraft bedeutet aber auch das Ende der traditionellen Schauerliteratur, die nur in einigen Perlen einen düster-prächtigen Nachglanz erfährt, etwa in den Geschichten der Engländer M. R. James, Algernon Blackwood und Arthur Machen.

Letzte Höhepunkte

Die deutschsprachige Schauerliteratur treibt bei Gustav Meyrink eine letzte, wunderbar modrig duftende Blüte, ehe sie zu den Ekelgeschichten eines Hanns Heinz Ewers verkommt, der sich später mit den Romanen "Reiter in deutscher Nacht" und "Horst Wessel. Ein deutsches Schicksal" an die Nationalsozialisten anzubiedern versuchte - erfolglos übrigens: 1934 wurde er mit Schreibverbot belegt, ob wegen seiner arg verschwitzten Gruselgeschichten oder wegen seiner ungebrochenen Unterstützung für seine jüdischen Freunde, ist ungeklärt.

Im slawischen Sprachraum treiben vier Autoren das Genre der Schauergeschichte ihrem literarischen Höhepunkt zu: Waleri Brjussow und Fjodor Sologub in Russland sowie Stefan Grabinski und Witold Gombrowicz (in seinem einzigen dem Genre zugehörigen Roman "Die Besessenen") in Polen. In ihren Arbeiten fließen Atmosphäre, Psychologie und symbolistische Überhöhung zu perfekt ausbalancierten Erzählungen zusammen. Sie gewinnen die Schauerliteratur, wie zuvor nur Hoffmann, Potocki und Poe, für dem Hauptstrom der Literatur zurück und überbrücken die Kluft bis zum Einsetzen der Postmoderne, in der H. C. Artmann ebenso ein Spiel mit den Versatzstücken des Gruselns treibt, wie es die Engländer Patrick McGrath und Peter Ackroyd unternehmen, mit denen die Schauergeschichte endlich wieder, und jetzt auf hohem literarischen Niveau, in ihr Entstehungsland zurückfindet.