Auschwitz/Wien. Walter Fantl-Brumlik ist einer der wenigen Menschen, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebt haben. "Das Überleben in Auschwitz war reine Glückssache", erzählt der heute in Wien lebende 90-Jährige zum 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers, in dem über 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden. Als einziger seiner Familie hat er überlebt, bei der Befreiung wog er nur mehr 37 Kilo.

Er holt einen Gürtel aus dem Kasten und zeigt die vielen Löcher, die er in dem halben Jahr in Auschwitz in das Leder gebohrt hat, um ihn immer enger zu schnallen. "Der Gürtel ist das einzige, das ich von Wien nach Auschwitz mitgenommen habe und wieder zurück." Deshalb hat er ihn auch nie gegen etwas zu essen eingetauscht, obwohl ihm die Kapos des Lagers viel Brot dafür gegeben hätten. "Ich wollte ihn nicht verlieren, das war wie ein Aberglaube." Alles andere sei ihm bei der Ankunft in Auschwitz weggenommen worden.

Gesamte Familie verloren

Seine gesamte Familie hat Fantl in Auschwitz verloren. Sein Vater wurde vor seinen Augen bei der Ankunft von Theresienstadt in Auschwitz vom SS-Arzt Joseph Mengele in die Gaskammer geschickt. "Auf der Rampe wurden wir aussortiert, mein Vater wurde nach rechts und ich nach links geschickt, aber ich hatte keine Ahnung was das bedeutet, deshalb hab ich auch gefragt, ob ich nicht mit meinem Vater gehen könnte."

Erst später habe ein anderer Häftling auf die Frage, was mit seinem Vater passiert sei, mit dem Finger nach oben gezeigt und gemeint, der sei im Himmel. Auch Fantls Mutter starb in der Gaskammer in Auschwitz, seine Schwester starb im KZ Bergen-Belsen an Typhus.

Er selbst wurde ins Nebenlager Gleiwitz I gebracht, wo er für die deutsche Reichsbahn arbeiten musste. "Die Arbeit war sehr schwer, der Kommandant war ein richtiger Sadist", erzählt er. Als gelernter Schlosser habe er aber im Reichsbahnwerk wenigstens nicht im Freien arbeiten müssen.

Jeden Tag mussten die Häftlinge vom Lager zur Reichsbahn marschieren, "dabei gab es jeden Tag Tote zu beklagen", erzählt er. "Die SS-Männer, die uns begleitet haben, haben oft so Spielchen gemacht, oft haben sie einem Häftling die Kappe vom Kopf gerissen und über den Sperrbereich geworfen, das war wie ein Todesurteil." Denn jeder musste eine Häftlingskappe haben, um ins Lager zurückzukehren. "Wenn man die Kappe geholt hat, haben sie ihn abgeknallt - auf der Flucht erschossen." Die Toten wurden dann ausgestellt, und die Häftlinge mussten an ihnen vorbeigehen. Wie man das alles aushält? "Man hat dort keine Gefühle gehabt, das war wie ein Fieber, völlig abgestumpft wurde man", meint Fantl.