Wien. Es ist zwar noch kein Scherbenhaufen, aber es gibt erste Risse in der gläsernen Decke der heimischen Unis. Saß vor einem Jahr noch keine einzige Frau auf einem universitären Chefsessel, werden ab Herbst 2011 immerhin vier der 21 öffentlichen Unis von Frauen geführt.

Sonja Hammerschmied bald nicht mehr einzige Rektorin
Derzeit ist Sonja Hammerschmid noch die einzige Rektorin Österreichs. Sie leitet die Veterinärmedizinische Universität (VetMed) seit einem Jahr, und ab Herbst 2011 ist sie nicht mehr alleine unter Männern: Sabine Seidler übernimmt die Leitung der Technischen Universität (TU) Wien, Eva Blimlinger führt dann die Akademie der Bildenden Künste und Christa Neuper die Karl Franzens Universität Graz

Woher kommt dieser Wandel, sind das etwa die ersten Erfolge der Frauenquote von 40 Prozent, die seit 2009 eingehalten werden muss? Ohne Quote würden die vier besagten Unis immer noch von Männern geleitet, glaubt zumindest Irene Neverla. Die Professorin arbeitet am Institut für Kommunikationswissenschaft in Hamburg und kennt durch ihre Lehrtätigkeit auch den österreichischen Uni-Betrieb. Allerdings könne die Quote nicht als alleiniges Mittel funktionieren, sagt sie zur "Wiener Zeitung". Sie glaubt, es gäbe viele Wege, wie die gläserne Decke durchbrochen werden kann. Auf ihrer Uni gibt es "Mentoring", dabei werden den jungen Akademikerinnen erfahrenere Wissenschafterinnen beratend zur Seite gestellt. Außerdem gibt es finanzielle Anreize für Paare, die sich bei der Elternzeit abwechseln. Und nicht zu vergessen: gesellschaftliche Anerkennung.

"Old boys' network" und Hintertürgespräche
Doch das "old boys network" halte Frauen immer noch von den Spitzenpositionen fern. Das glaubt auch Daniel Winkler, Universitätsassistent am Institut für Romanistik in Innsbruck. Er ist dabei, wenn Professuren in Gremien bestellt werden, was in Uni-Kreisen salopp "Vorsingen" genannt wird.

Und da gibt es "ganz klar konservative Netzwerke", sagt er, denn "ältere Männer tun sich beispielsweise mit Dekaninnen schwer". Werden diese Vorbehalte gegenüber Frauen offen ausgetragen? Immerhin sitzt in diesen Entscheidungsgremien ja immer auch eine Gleichbehandlungsbeauftragte. "Nein. Aber die Vorschläge gehen in diese Richtung, die Hintertürgespräche."

Judith Hoffmann sieht auch einen Unterschied darin, wie Männer und Frauen ihre wissenschaftliche Karriere anlegen. "Ich habe das Gefühl, Männer stellen das klüger an", sagt die Uni-Assistentin. Frauen würden "entsprechen, tun und brav machen - aber Männer preschen vor, trauen sich mehr und legen Dreistigkeit an den Tag".

Kind und Wissenschaft schwer vereinbar
In der Wissenschaft werde ein lückenloser Lebenslauf gefordert, und Kind und Uni-Karriere seien schwer vereinbar. Auf ihrer Fakultät, dem Institut für Romanistik in Wien, sind sechs von sieben Assistenzstellen von Frauen besetzt. Erst in den höheren Positionen sind die Frauen rar gesät - aber auch nicht immer. Gerade in "weicheren Fächern" geraten die Männerbünde ins Wanken, nicht zuletzt wegen der - immer noch umstrittenen - Quote.

"Um das Netzwerk der Hierarchie zu durchbrechen, brauchen wir die Quote", sagt Neverla. Und die Quotenregelung sage ja nur, dass bei der Vergabe von Stellen Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden. Doch woran misst man "gleiche Qualifikation"? Die subjektive Komponente werde es immer geben, so die Journalistikprofessorin. "Die Panik vor der Quote zeigt nur die Panik vor der Konkurrenz."

Die Professorin hofft, dass das Geschlechterverhältnis an den Unis eines Tages kein Thema mehr ist und dass vier Uni-Rektorinnen bald kein Meldungswert sind - doch heute habe dies eben noch einen "exotischen Charakter".

Wissen
Das Universitätsgesetz 2002 schreibt ein Frauenfördergebot fest. Demnach haben alle Organe einer Universität "darauf hinzuwirken, dass in allen universitären Arbeitsbereichen ein ausgewogenes Zahlenverhältnis zwischen (...) Frauen und Männern erreicht wird". Weiters ist an jeder Universität ein Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen einzurichten, der Diskriminierungen entgegenwirken soll. In Streitfällen entscheidet eine Schiedskommission. An den Unis gilt zudem das Bundes-Gleichbehandlungsgesetz.