Lohlker leitet an der Uni Wien ein Projekt zum Online-Djihadismus. Pessenlehner
Lohlker leitet an der Uni Wien ein Projekt zum Online-Djihadismus. Pessenlehner

"Wiener Zeitung": Al-Kaida hat nicht nur Botschaften gegen den Westen verfasst, sondern auch in Traktaten den gewaltlosen Islam der meisten Muslime verurteilt.

Rüdiger Lohlker: Das ist ein entscheidender, oft übersehener Punkt. In den 80er Jahren wurde Al-Kaida zu einem transnationalem Phänomen. Der palästinensische Djihad-Ideologe Abdullah Azzam wetterte damals gegen die "Sessel-Mujahedeen", die nichts tun. Was muss ein Muslim heute tun? Seine Antwort: bewaffneter Kampf.

Die meisten Muslime waren für Al-Kaida Feinde?

Wichtig für Djihadisten ist die Abgrenzung zu "nominellen Muslimen", denen sie das Muslim-Sein absprechen. Entschieden wird das anhand von Fragen, wie, ob Muslime Regime als islamische Regime anerkennen dürfen, die mit dem Westen kooperieren. Das wird eindeutig verneint

Wie versucht Al-Kaida "ihren Islam" zu belegen?

Es wird auf islamische Traditionen Bezug genommen. Koran-Verse und Aussagen von Gelehrten werden herangezogen und langsam verschoben, bis sie in den eigenen Rahmen passen. Oft werden dabei Zitate abgekürzt. Die Theologie der Djihadisten ist meistens armselig.

Oft geht es um Einzel-Momente. Es gibt Aussagen im Islam, die es verbieten, Ressourcen der Feinde zu vernichten. Die Djihadisten rechtfertigen die Anwendung von Massenvernichtungswaffen mit dem Umkehrschluss: Wir sind absolut bedroht, also dürfen wir uns absolut wehren.

Gibt es Vorformen ihrer Ideologie?

Djihadisten sehen sich in der Tradition der Salafiyya (Anm.: fundamentalistische Strömung im sunnitischen Islam), sie sind dschihadistische Salafiten. Zentrale Behauptung der Salafiyya ist: Die Gelehrten haben ein umfassendes System geschaffen, das alles regelt. Ihre Theologie ist eng und vereinfacht. Daran knüpfen Djihadisten an. Mit diesem einfachen System wird der Djihad etabliert.

Das ist primär für Saudi-Arabien und dessen religiöses Establishment ein Problem, das keine klare Grenze zum Djihadismus gezogen hat. Saudische Gelehrte erklären heute in Abgrenzung zum Djihadismus: Wir sind die wahren Salafiten. Aber die theologischen Unterschiede sind minimal. Gleichzeitig ist die Ideologisierung des Islam ein modernes System.

Es gibt moderne Wurzeln des Djihadismus?

René Descartes hat gefordert, jeder Gedanke soll klar und distinkt formuliert werden. Darin folgen ihm die Djihadisten, im deutlichen Kontrast zu früher. Ältere Debatten ergehen sich in Ambiguitäten. Es galt der Grundsatz, dass eine Vielfalt der Meinungen im Islam nebeneinander bestehen könne. Der Koran ist für jeden da, für jeden gibt es eine Lesart.

Salafiten halten dem entgegen: Gott ist eindeutig. Er kann nur eines gemeint haben. Nachsatz: Wir wissen was. Frühere Menschen wussten noch, dass sie unvollkommen sind. Der Djihadismus ist eine Gegenideologie zur Moderne im Rahmen der Moderne.

Wie rechtfertigt Al-Kaida den gewalttätigen Djihad?

Den gewalttätigen Djihad gibt es im Islam in der Form des gerechten Kriegs im Christentum. Djihadisten gehen die alten Texte durch und nehmen, was sie brauchen können. All diese Texte sind in Kriegszeiten entstanden. Teilweise sind sie auch wirklich recht heftig. Muslime waren nicht besser als andere Menschen.

Was waren die wichtigsten Reaktionen der islamischen Welt auf diese Ideologie?

Inzwischen gibt es etliche Erklärungen von Islamgelehrten, die den Terrorismus verurteilen. Statistisch bilden Muslime den Großteil der Opfer von Al-Kaida. Eine interessante Gegenmaßnahme zum Djihadismus stellt etwa die "Religious Rehabilitation Group" in Singapur dar (www.rrg.sg), die Muslime mit Gegenstrategien aus djihadistischen Kreisen zu befreien versucht.

Die Reaktion auf 9/11 hat viele Muslime dazu veranlasst, sich mit ihrem Muslim-Sein auseinanderzusetzen. Viele hat es vorher nicht gekümmert. Ihre Umwelt hat sie dazu gezwungen, über ihr Muslimsein zu reden.

Hat sich der Djihadismus in den letzten zehn Jahren verändert?

Die jüngere Generation ist globaler. Al-Kaida war ursprünglich ein rein arabisches Phänomen. Nun mengt sich eine hübsche Mischung aus Türken, Bosniern, Tschetschenen und Konvertiten dazu. Wie haben eine linguistisch differenzierte Online-Szene mit einem niedrigen theologischen Niveau. Meistens geht es um Schlagworte, wie: Der Tod ist wichtig. Immer häufiger werden Videos verwendet, auf denen Muslime gequält und getötet oder Märtyrer verherrlicht werden. Abgesehen von der Globalisierung des Djihadismus haben wir nach meiner Beobachtung eine verstärkte Konzentration auf Südasien.

Hat der arabische Frühling Al-Kaida geschwächt?

Der arabische Frühling war die beste anti-terroristische Maßnahme der letzten zehn Jahre, auch wenn er andere Beweggründe hatte. Die Regime haben vorher den Terrorismus gebraucht, um sich als Kämpfer gegen den Terror dazustellen.

Al-Kaida hat lange gebraucht, um sich zu Ägypten zu äußern. Schließlich kamen Flyer, die gesagt haben: Die Proteste sind gut, aber: Sie genügen nicht. Es fehle noch das Richtige. Zu den Bewegungen des arabischen Frühlings hat Al-Kaida nichts zu sagen. Auch an Palästina ist Al-Kaida gescheitert. Ihnen ist kaum gelungen, an reale Auseinandersetzungen anzuknüpfen.

Al-Kaida ist Geschichte?

Al-Kaida im arabischen Raum war Ausdruck der Blockade der arabischen Welt. Sie sind gescheitert, aber nicht ungefährlich. Es genügen vier, fünf Personen für einen Anschlag. Auch die ETA oder IRA sind nicht verschwunden. Wir werden Al-Kaida nicht mehr aus der Welt schaffen, müssen aber schauen, dass sie möglichst wenig Schaden anrichten. Es gibt aber wichtigere Dinge als Al-Kaida.