Eine Welle der Erleichterung ging durch Afghanistan, als am 7. Oktober 2001 die ersten US-Bomben auf Taliban-Stellungen fielen. Der Einmarsch der internationalen Allianz vor ziemlich genau zehn Jahren wurde von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung freudig begrüßt. Man hatte lange genug unter der Herrschaft der tyrannischen Fundamentalisten gelitten, die seit den 1990er-Jahren Angst und Schrecken verbreitet und das Land zurück in die politische Steinzeit geführt hatten. Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen und Wohlstand für alle lauteten die Verheißungen, die die US-geführten Truppen mit in ihrem Marschgepäck hatten.

Geblieben ist nicht viel davon. Die Taliban waren zwar scheinbar schnell besiegt, es wurden Bildungs- und Infrastrukturprojekte in Angriff genommen und Wahlen in Aussicht gestellt. Heute, ein Jahrzehnt später, ist klar, dass der Einmarsch in Afghanistan ein Fehlschlag war, der in eine Katastrophe münden könnte. Die Taliban sind zurück, sie sind stärker als je zuvor und haben das System des von den USA eingesetzten Präsidenten Hamid Karzai unterwandert. Teile des Landes sind nicht unter Kontrolle der Isaf-Truppe, die Taliban können überall nach Belieben Anschläge verüben, selbst das Zentrum der Hauptstadt Kabul ist nicht sicher. Die Bevölkerung ist desillusioniert. Die Nato-Angriffe haben viele unschuldige Zivilisten, auch Kinder, das Leben gekostet. Die Afghanen sind verängstigt, weil sie davon ausgehen, dass die Taliban nach dem Abzug der USA an "Kollaborateuren" grausame Rache üben werden.

Als einer der größten Fehler der USA gilt der Irak-Krieg, der 2003 von Ex-Präsident George W. Bush begonnen wurde und einen Großteil der Ressourcen band, die in Afghanistan fehlten. Das Land am Hindukusch hätte nach Ansicht von Fachleuten leicht stabilisiert werden können. Doch zwei Jahre nach Beginn des Einsatzes waren dort nicht einmal mehr 20.000 ausländische Soldaten im Einsatz. Die Staatengemeinschaft nahm damit in Kauf, dass sich die Taliban neu formierten.

Die Bilanz fällt bitter aus. Inzwischen umfasst die Schutztruppe Isaf 130.000 Soldaten, die Lage ist weniger denn je unter Kontrolle. Mehr als 2500 Soldaten wurden getötet, die Verlustziffern steigen. Bereits jetzt haben die USA fast 600 Milliarden Dollar (450 Milliarden Euro) am Hindukusch ausgegeben - auf Pump, Washington ist hoch verschuldet. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat errechnet, dass die Renten und Behandlungskosten für Veteranen rund 900 Milliarden Dollar (675 Milliarden Euro) verschlingen werden. Der Aufwand könnte umsonst gewesen sein, denn jetzt drohen Bürgerkrieg und die neuerliche Machtergreifung der Taliban.